Blindenfußball – Sehende Menschen können sich das schwer vorstellen. Blind Fußball zu spielen, den Ball zu treffen, passen oder gar ein Tor zu schießen. Doch warum soll eine Sehbehinderung oder Blindheit jemanden vom Fußball abhalten? Es ist ein Handikap, aber kein Hindernis.

Der TSV München von 1860 e.V. bietet Blindenfußball an und hat dies dem 29-jährigen Physiotherapeuten Ramon Pryssok zu verdanken. Ramon ist selbst sehbehindert, hat sich eine Karriere als Blinden-Fußballer aufgebaut und kümmert sich nun um diese Sparte beim TSV, die der Fußballabteilung von Roman Beer obliegt. Ramon ist es auch zu verdanken, dass der TSV eine eigene Behindertensport-Abteilung bekommen hat, für die er sich stark einsetzte. Doch dabei soll es nicht bleiben. Ramon hat weitere Pläne…

Blindenfußball beim TSV

Wir haben uns mit ihm getroffen, um ein wenig mehr über den Blindenfußball zu erfahren.

Wie kam die Idee zum Blindenfußball?
Ich habe selber lange Blindenfußball gespielt. Angefangen habe ich in Würzburg, dann spielte ich während meiner Ausbildungszeit zum Physiotherapeuten in Mainz und Marburg, auch bei Chemnitz hatte ich ausgeholfen, weil sie zu wenig Spieler hatten. 2011 bin ich nach meiner Ausbildung nach München zurückgekommen und da es in der Stadt keine Mannschaft gab, habe ich nicht mehr Blindenfußball spielen können. Also spielte ich wieder bei Würzburg für zwei Jahre, bis es auseinander ging und half hinterher bei Dortmund aus…

Also warst Du im Blindenfußball schon ziemlich bekannt?
Ja, weil ich eben von Anfang an dabei war. Das erste Spiel in der Saison 2008 bestritt ich bereits bei der Spielgemeinschaft Würzburg-Berlin. Also das erste Spiel in der Blindenfußball-Bundesligageschichte. Es ist 1:1 ausgegangen – gegen St. Pauli.

Als ich 2014 für Dortmund spielte kamen der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB), der Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern (BVS) und der Bayerische Fußballverband (BFV), die sich zusammengeschlossen haben, auf mich zu, um den Blindenfußball nach München zu bringen. Einen richtigen Plan, was und wie sie es umsetzen wollen, hatten sie aber nicht. Dann habe ich einen Workshop in meinem ehemaligen Sportverein PSV München organisiert, die schon eine Behindertensport-Abteilung hatten, in der Hoffnung, dass man da was auf die Beine stellen kann. Wir hatten da ausgemacht, dass wir ab 2015 alle zwei Wochen mit einem Training für Interessierte starten.
Ich hatte die Termine für die Halle bekommen, aber auch zwei Mal kurzfristige Absagen vom PSV, womit mir viele Leute abgesprungen sind, die interessiert gewesen wären und so ist das im Sande verlaufen. Ich hatte mich damit nicht mehr wohl gefühlt. Es war ja keine richtige Unterstützung vom Verein da.

Dann habe ich mich einfach anderen sozialen Projekten gewidmet wie dem Spielmobil, die im Luitpoldpark und Westpark Spiele für Kinder organisieren. Dort habe ich den Kindern gezeigt, wie es ist, Blindenfußball zu spielen. Dabei wurde ich von jemandem entdeckt, der Kontakte zu 1860 hatte. Ich traf mich dann mit ihm und mit Roman Beer, der damals der stellvertretende Fußball-Abteilungsleiter war und danach wurde entschieden, dass der Blindenfußball in die FA kommt.

Zu der Zeit gab es ja die Behindertensport-Abteilung beim TSV noch nicht, richtig? Deshalb die FA?
Ja. Der Blindenfußball hat dann eigentlich den „Bums“ auch für Behindertensport beim TSV ausgelöst. Jedenfalls starteten wir mit der Spielgemeinschaft München-Würzburg, die wir nach einem Jahr auflösten, weil leider das Würzburger Team nicht in sich geschlossen war.

Wie hast Du Spieler akquiriert?
Ich hatte damals eine Facebook-Seite aufgemacht, die über Nacht 300 Likes hatte und meine beiden Torhüter haben mich dadurch kontaktiert. Ein Spieler z.B. war aus meiner alten Schule, den ich kontaktiert hatte und einer war bei meiner Ausbildung in Mainz dabei und da ich wusste, dass er in München lebt, habe ich ihn auch ins Boot geholt.

Wie groß ist die Mannschaft im Moment?
Vier Feldspieler, zwei Torhüter und ausreichend Betreuer. Wir sind im Moment nicht im Ligabetrieb und werden wahrscheinlich auch nächste Saison nicht einsteigen, da mir weitere Spieler fehlen und die jetzigen alle berufstätig sind. Ich möchte gute Spieler haben, damit wir konkurrenzfähig sind und damit wir alle an dem Spiel Spaß haben.

Gibt es Altersbegrenzungen?
Ab 14 Jahren darf ein Spieler in der Mannschaft spielen. Nach oben gibt es keine Grenzen – ausgenommen der eigenen Fitness. Auch Frauen dürfen mitmachen.

Über den Blindenfußball

So. Jetzt erkläre mir, wie der Blindenfußball funktioniert?
Also, das Feld ist 20×40 Meter groß. Die Banden sind 1 Meter hoch und die kurzen Seiten sind offen. Die Tore haben die Größe eines Feldhockey-Tores, also etwas größer als Handball-Tore. Der Ball ist ein Fabrikat aus Dänemark, 500 g schwer und hat Klingeln im Inneren, die in Waben eingenäht sind. Das sind Metallplättchen, die wie eine Muschel aufeinandersitzen und Kugeln innen haben. Diese Muscheln sind eben in den Waben eingenäht. Damit machen sie Geräusche. Der Ball ist aus Kunstleder und hat verminderte Sprungkraft – wie beim Futsal, ist aber schwerer als ein Futsal-Ball.

Das Spiel dauert 2x 20 Minuten mit Stoppen. Es spielen 4 Feldspieler – alle sehbehindert oder blind, die während des Spiels eine Augenbinde tragen müssen. Der Torhüter darf vollsehend sein und hat einen Torraum von zwei Metern nach vorne und je einen Meter zu den Seiten. Er darf den Raum auch nicht verlassen, zu keiner Zeit. Bei den sehbehinderten Feldspielern gibt es drei Kategorien: B1 ist vollblind. Nur die B1er dürfen auch in der Nationalmannschaft spielen. B2 heißt hochgradig sehbehindert, wie ich, da gibt es bestimmte Abstufungen und B3 ist sehbehindert. Dann gibt es noch national eine Regelung, dass auch Menschen bis 30% Sehkraft mitspielen dürfen.

Wie funktioniert das Spielen eigentlich? Der Ball macht Geräusche, klar, aber gibt es da noch jemanden, der vom Feldrand sagt: „Lauf links oder rechts“?
Nein. Wie im normalen Fußball haben wir Grundaufstellungen, z.B. die Raute: hinten Verteidiger, links und rechts ein Spieler und der Stürmer. Je nach Gegner oder Spielweise. Jeder weiß, in welchem Raum er sich bewegen soll und welche Spieler er abdecken muss. Das Wichtigste ist aber die Kommunikation untereinander. Ich sollte also schon mitbekommen, wo meine Mitspieler sind…

Und den Gegner?
Den kriegst du auch mit. Du weißt ja ungefähr gegen wen du spielst, wie er sich bewegt oder welchen Lauf er nehmen könnte. Du musst dich halt an den Gegner anpassen. Aber nur anpassen funktioniert nicht. Du musst auch dein Spiel durchziehen, dem Gegner dein Spiel aufdrücken. Wir haben diese Stärke noch nicht. Wir haben zwei gute defensive Spieler, die sich gut durchsetzen können und gutes Ohr haben, Ball gut halten und kontrolliert passen können. Uns fehlt halt der eiskalte Stürmer. Ich bin es nicht, ich bin Mittelfeldspieler und kann gut führen und das Spiel leiten, was die Gegner auch wissen und sich gerne auf mich stürzen.

Wie stelle ich mir das jetzt vor? Du hörst den Ball klingeln und woher weißt Du, wann Du abziehen musst? Haut man nicht daneben?
Ja sicher, aber man hat ein Ballgefühl. Wenn man Messi dribbeln sieht, macht er das sehr eng. Das ist bei uns auch so. Kleine Richtungswechsel und zackig auf den Beinen sein. Ich weiß ja wo ich stehe. Der Blindenfußballplatz ist ja mein Wohnzimmer, auch da weiß ich im Dunkeln, wo was steht und wie ich laufen muss. Du hast manche Hilfen, durch den Trainer, der außen auf der Seitenline ist, der dir kurz sagen darf, wie du genau stehst. Nur im Mittelbereich darf er coachen, er darf aber dem Verteidiger hinten nichts zuschreien. Der Torhüter darf seinen Bereich coachen, der Mittlere seine Zone und der Guide, der hinter dem Tor steht, darf seine Offensive coachen. Wenn ich also nach vorne laufe, weiß ich wie weit ich mich vom Tor entferne. Zwölf Meter vor dem gegnerischen Tor darf der Guide mir dann zurufen – z.B. „zieh schnell rein“, „zwei Gegner“ oder „spiel ab“.

Wie erkennt man ein Foul? Wenn man nicht sieht, kann man doch niemanden absichtlich umnieten, oder?
Doch. Wenn ich den Ball höre und auf ihn zugehen will, muss ich VOY rufen [spanisch für „ich gehe“; ausgesprochen woi], also weiß der Ballführende, dass da jemand ist. So erkennt man auch die Fouls, denn wenn ich auf jemanden zu renne und ihn umrenne – ohne VOY zu rufen – ist es Absicht. Auch da gibt es Auslegungssachen. Bei hart umhauen oder aggressiv rangehen gibt es eher eine gelbe Karte und bei einer roten Karte wird der Spieler vom Platz gestellt. Da gibt es keine Zeitstrafen.

Kannst Du mir die Liga erklären? Mannschaften, Meisterschaften, internationale Wettbewerbe – was gibt es da alles?
Wir haben eine deutsche Bundesliga, die von der Sepp Herberger Stiftung, dem Deutschen Behindertensport-Verband (DBS) und von Aktion Mensch unterstützt und finanziert wird. Uwe Seeler ist der Schirmherr. Wir haben insgesamt 4-5 Spieltage und zwei Mal im Jahr werden diese ausgetragen. Der erste und letzte ist immer ein Städte-Spieltag, der mitten in der Stadt stattfindet. Meistens wird ein Podium aufgebaut und da wird gespielt. Am letzten Spieltag werden dann leider Platzierungsspiele ausgemacht. Also kein Jeder gegen Jeden, sondern Platz 1 gegen 2, 3 gegen 4 usw.

In einer Saison spielen immer so um die 7 bis 9 Mannschaften. In Deutschland ist Stuttgart der Rekordmeister, dann hat Marburg schon gut abgeräumt und St. Pauli ist gerade sehr ambitioniert.
International ist es so, dass es Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und Paralympics gibt. Die Nationalmannschaften bestehen nur aus B1-Spielern.

„Sehbehinderte werden leider blind erzogen“

Was fehlt Dir im Moment, was wünschst Du Dir?
Spieler.

Aber es gibt doch so viele sehbehinderte Menschen in einer Millionenstadt wie München. Es kann doch nicht so schwer sein, sie zu bekommen oder können sie sich einfach nicht vorstellen, Fußball zu spielen?
Ich habe viele in München schon ausprobiert, aber leider war nichts dabei. Deshalb brauchen wir auch eine Spielgemeinschaft und hatten kürzlich einen Workshop in Nürnberg gegeben. Diesen haben meine Jungs abgehalten. Es wurden drei Gruppen gebildet, wir haben was mit dem Ball gemacht und Raumorientierung und es war erschreckend, wie sehr sich manche Blinde und Sehbehinderte bewegen. Warum? Weil sie blind erzogen wurden. Die Blindheit steht im Vordergrund und sie werden einfach nicht zur Selbstständigkeit oder Unabhängigkeit ermutigt. Dabei ist es „nur“ ein Handikap. So scheiterte es teilweise auch nur daran, dass die Eltern keine Zeit hatten, um den sehbehinderten Sohn zum Training zu fahren, weil er alleine nirgendwo hingeht.
In Nürnberg waren schon ein paar dabei, die vielleicht das Interesse gehabt hätten, aber das Verständnis fürs Spiel, die Motorik etc. leider gefehlt haben.

Wie geht es weiter? Hast Du weitere Pläne?
Habe ich tatsächlich. Ich möchte Blinden-Tennis einführen. Zu dem Thema bin ich im Moment unterwegs. Mehr darüber aber zum gegebenen Zeitpunkt.

Wenn sehende Profis blind spielen

Es war ein sehr interessantes Gespräch und wer einen kleinen Einblick in die Sportart bekommen möchte und den Ramon und sein Team „kennenlernen“ will, kann sich folgendes lustige Video anschauen.

Ramon erzählte, dass ihn eine britische Fußball-Seite namens Slash Football kontaktiert hatte, um ihn für eine Folge der Serie „Finding football“ zu gewinnen. Es ging um eine Sendung, in der der in England lebende deutsche Stand-Up-Comedian Henning Wehn und ein ehemaliger deutscher Nationalspieler in unterschiedlichen Stationen in Europa den Fußball entdecken sollen. In München ging es um den Blindenfußball. Dass es sich bei dem ehemaligen Nationalspieler um Lothar Matthäus handeln würde, wusste Ramon dabei bis zu der Aufzeichnung auch nicht. Und Ramon schaffte es, einen Lothar Matthäus zur Verzweiflung zu bringen…

Bitte Anmelden um zu kommentieren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
Sechzig_Ist_Kult
Leser

Danke Tami, dass Ihr Euch dem interessanten, viel zu wenig beachteten, Thema annehmt. Cooles und ausführliches Interview… Tami halt 😉