Es ist die wohl fragwürdigste Schlagzeile in diesem Jahr. In fetten schwarzen Buchstaben wirbt die Abendzeitung in ihren Zeitungskästen mit den Worten „1860-Bosse sind Rassisten“. Werbung für ein Exklusiv-Interview mit Gesellschafter Hasan Ismaik. Ob das von der Abendzeitung fair ist, ist durchaus diskussionswürdig. Aber auch den Vorwurf des jordanischen Geschäftsmannes Ismaik muss man in Frage stellen. In aller Deutlichkeit. Der Kampf gegen Rassismus ist eine viel zu ernste gesellschaftliche Aufgabe. Durchaus muss man sich fragen, ob der Begriff des Rassismus nicht für klubpolitische Zwecke missbraucht wird. Und damit Schaden anrichtet.
Ein Kommentar
„Hasan verpiss dich!!!“ steht in großen Buchstaben auf einem Banner in der Fankurve der Löwen. Zahlreiche Fans halten das Konterfei von Hasan Ismaik hoch. Präsident Peter Cassalette spielt die Sache runter. „Wie so oft im Leben hast du zwei Meinungen. Es gibt sehr viele die sind pro Hasan und es gibt sehr viele, die sind gegen Hasan Ismaik. Wir akzeptieren alle Fan-Meinungen und wir respektieren das auch, solange es sich in einem normalen Maß bewegt.“ Von der Botschaft der Fans distanziert er sich nicht. Das fordert auch keiner und es hinterfragt auch keiner. Dennoch ist Peter Cassalette ein „feiner Mensch“ und eben kein Rassist. Das stellt Ismaik dreieinhalb Jahre später fest.
Präsident ist nun Robert Reisinger. Er soll sich distanzieren. Vom sogenannten „Scheichlied“. Bei der Mitgliederversammlung lässt der Präsident das Lied unterbinden. Ismaik reicht das nicht. Und weil sich Reisinger und auch andere Funktionäre sich nicht distanzieren, seien sie Rassisten. Jeder andere Präsident hätte sich vor ihn gestellt und sich von den Beleidigungen distanziert. Mehrere Präsidenten, Funktionäre und Vereinsmitglieder seien mit ihm rassistisch umgegangen, behauptet Ismaik.
Es ist die zweite Rassismus-Keule des jordanischen Geschäftsmanns. Im Jahr 2016 gab es seinerseits ähnliche Vorwürfe. Allerdings nicht gegen Peter Cassalette, der sich von den Fans nicht distanziert hatte und auch nicht gegen das Banner in der Kurve. Sondern gegen die Presse. „Ich habe den rassistischen Schlagzeilen die kalte Schulter gezeigt, welche versuchten, mich von den anderen loyalen Fans des TSV 1860 aufgrund meiner ethnischen Herkunft auszugrenzen“. Mit diesen Worten wendet sich 1860-Gesellschafter Ismaik an die Löwenfans. Es sei beschämend, dass einige „Zeitungen und die Leute hinter den dort abgedruckten Artikeln versuchen“, ihn aufgrund seiner arabischen Herkunft zu diskreditieren, um gleichzeitig „negative Vorurteile gegen alle arabischstämmigen Menschen zu schüren“.
Die Vorwürfe von Ismaik sind hochgradig gefährlich. Der Jordanier geht mit dem Begriff viel zu leichtfertig um. Ja, er missbraucht ihn für einen klubpolitischen Schachzug. Wer im öffentlichen Diskurs seinem Gegenüber Rassismus unterstellt, will vor allem eines: Sich auf die Menschenrechte berufen und das Gebot der Nichtdiskriminierung als Legitimierungsquelle für sich beanspruchen. Rassisten sind für die überwiegende Gesellschaft kein geeignetes Gegenüber. Mit Rassisten verhandelt man nicht. Und genau in diese Ecke drängt Ismaik die Funktionäre des TSV 1860 München. Zumindest versucht er es. Im gleichen Interview fordert er ihren Rücktritt. 2016 hat er den gleichen Weg gewählt. Die Presse war ihm nicht genehm. Es gefiel ihm nicht, was man über ihn schrieb. Und so waren plötzlich Schlagzeilen rassistisch.
Der Vorwurf an die Vereinsführung ist vor allem aber auch eines: ein Seitenhieb für alle Opfer von tatsächlichen Rassisten. Für alle, die unter Diskriminierung und Vorurteilen leiden. Es ist ein Verharmlosung tatsächlicher rassistischer Gewalt – sowohl verbaler als auch körperlicher Art. Das darf in Deutschland niemand so einfach hinnehmen.


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