Mit Alexander Kolb tritt für das Amt im Verwaltungsrat ein Oberstudienrat an. Er ist Mitglied seit 1996 und hat eine Dauerkarte in der Westkurve. Kolb kann auf jahrzehntelange Erfahrung in Vereinen, Organisationen und Gremien zurückgreifen. Vor allem hat er mit Verwaltungsräten bereits Erfahrungen. Er ist im Verwaltungsrat eines Krankenhauses. Auch Erfahrung im Umgang mit der Presse hat er dabei gesammelt.

Er spricht sich gegen die Brief- und Onlinewahl aus. Aus seiner Sicht sollten wichtige Ämter diejenigen im Verein entscheiden, die auch bereit sind, einmal im Jahr an einer Mitgliederversammlung teilzunehmen.

Interview

Welche Motivation hast Du, für das Amt eines Verwaltungsrates zu kandidieren?

Ich bin jetzt 42, das Haus ist gebaut, das Kind in der Grundschule, die Hunde sind stubenrein und daher habe ich jetzt endlich die Zeit, mich in den Verein einzubringen. Das Herzblut dazu bringe ich durch jahrzehntelange Treue in guten wie in schlechten Tagen mit. Ich besitze bereits Erfahrung in der Arbeit eines Verwaltungsrats und denke, dass ich mich aus diesem Grund beim e.V. gut einbringen kann. Ich bin aktuell in zwei Kliniken bereits Verwaltungsrat und weiß gut, was da auf einen zukommt – auch vom Arbeitspensum her. Natürlich kann man Kliniken nicht mit einem Sportverein vergleichen, aber viele Aufgabenbereiche sind nahezu deckungsgleich: die Kontrollfunktion, Finanzthemen oder personelle Angelegenheiten, wie z. B. einen Chef, also das Präsidium, zur Wahl vorzuschlagen. Ich weiß, wie Prozesse in Gremien funktionieren, dass man zuhören, Argumente gut abwägen und Kompromisse finden muss. Und ich habe die nötige Portion Sitzfleisch, um beharrlich die mir wichtigen Themen zu bearbeiten.

Hast Du die Satzungen in Bezug auf Verwaltungsratsaufgaben mal verglichen? Gibt es da große Unterschiede?

Es sind erstaunlich viele Parallelen. Natürlich mischt sich ein Verwaltungsrat nicht in das operative Geschäft ein. Aber z. B. kann ein Vorstand einer Klinik die große Leitplanken der strategischen Ausrichtung nicht ohne den Verwaltungsrat machen und wenn ich die TSV Satzung richtig verstehe, kann auch das Präsidium des Vereins die großen Herausforderungen der Zukunft abseits des Tagesgeschäfts ohne den VR nicht machen.

Du hast Dich ja selber vorgeschlagen. War das Deine Idee zu kandidieren oder wurdest Du gefragt?

Es war meine Idee und als ich bei Freunden nachgefragt habe, wie das wohl ankommt, haben alle gesagt, dass es eine gute Idee ist, aber einige fragten auch, ob ich mir sicher bin, was ich mir da antue. Ich hätte mich auch vorschlagen lassen können, aber ich habe es selber gemacht. Ob das nun wahlschädlich ist, weiß ich nicht.
Ich mache seit Jahren ehrenamtliche Politik und das ist kein Zuckerschlecken. Ich bin mir daher relativ sicher abschätzen zu können, „was ich mir da zeitlich und emotional antue“, obwohl ich sicherlich nicht alles, was nach einer Wahl auf einen dann wirklich in der Realität zukommt, heute schon mit hundertprozentiger Sicherheit voraussagen kann. Aber ich habe jetzt schon mehrfach die Erfahrung gemacht, mit einem Amt zu wachsen. Und das wird auch diesmal der Fall sein.

Hast Du spezielle Themen oder persönliche Anliegen, die Du im Verwaltungsrat umsetzen willst?

Wer ohne Anliegen kommt, der ist fehl am Platz. Natürlich hat man Anliegen. Ich bin Mitglied in der Fußball-Abteilung und deshalb ist mir Fußball natürlich wichtig. Aber ich denke, dass es für den e.V. am Wichtigsten ist, dass er den Breitensport nach wie vor richtig fördern kann. Man sieht es am Beispiel Birgit Kober, die sich einen neuen Verein suchen muss, weil sie beim e.V. ggfs. nicht mehr richtig gefördert werden kann. Wenn man sich informiert, liest man immer wieder über das Thema Halle. Die ist ja für viele Abteilungen und Sparten essentiell wichtig. Also muss der Verein da was machen. Ich habe mitbekommen, dass an der Stelle was passiert, aber mir sind die Einzelheiten natürlich nicht bekannt.
Dann kommt das Verhältnis zum Mitgesellschafter. Ich maße mir nicht an, dass ich da vermitteln kann. Ich würde mich gerne in das Thema einarbeiten, denn da sind in meinen Augen zwei Züge, die aufeinander zu rasen. Und natürlich treibt mich das Thema Stadion schon um, obwohl ich weiß, dass es nicht die erste Aufgabe vom Hauptverein ist. Aber wir wissen ja, dass man das Thema schneller lösen muss, denn bis ein Plan umgesetzt wird, kann es Jahre dauern.

Gibt es andere Abteilungen, die Dir am Herzen liegen?

Ich bin Wirtschaftslehrer an einer Berufsschule mit dem Profilbild Inklusion. Das heißt, wir haben inkludierte Schüler und arbeiten intensiv mit einer Förderberufsschule zusammen. Ich habe dieses Thema von Kindesbeinen an mitbetreut und verfolgt. Deshalb würde mich der Behindertensport beim e.V. sehr interessieren. Auch die Segler wecken mein Interesse, da ich im vergangenen Jahr meinen Bootsschein gemacht habe.

In welcher Form unterstützt Du den e.V. und seine Abteilungen bereits jetzt oder in der Vergangenheit?

Als Mitglied und Dauerkarteninhaber habe ich bislang eher passiv unterstützt. Aber man muss sich die Frage stellen, ob das wirklich für die Kandidatur ein Nachteil ist? Ich denke, ich bin bzgl. der Fehler der Vergangenheit überhaupt nicht vorbelastet, bin niemandem etwas schuldig, habe keinen Tunnelblick und bin auch nicht betriebsblind, sondern könnte mit der Sichtweise quasi von außen und meinen Erfahrungen frischen Wind in das Gremium hereinbringen. Klar ist es von Vorteil, wenn man schon alles kennt und gut vernetzt ist, aber vielleicht ist ein bisschen Objektivsein auch nicht so schlecht.

Als Mitglied im e.V.: Wie wichtig ist Dir die 50+1-Regelung?

Für mein persönliches Gefühl ist sie konstitutiv für das Verständnis von 1860. Wenn man sich jetzt schon die Zerrissenheit anschaut, in der sich die Fankultur und auch die Führungsleute befinden, kann ich mir eine Arbeit ohne die 50+1-Regelung nicht vorstellen, denn es würde dann schlichtweg nicht mehr funktionieren. Einige prophezeien ja das europaweite Fallen dieser Regelung. Schlimm fände ich es, wenn sich unser Hauptgesellschafter das rechtlich erstreiten würde. Das wäre für das Innenverhältnis eine Katastrophe.

Sollte die aber fallen, wäre das für ihn als Klubbesitzer gut?

Also, wo man auch hingeht, diskutiert man spätestens nach 5 Minuten über das Thema. Wenn er das aktiv betreibt, wäre das der Anfang vom Ende, denn ich glaube, dass die Mehrheit der Fans das nicht akzeptieren würde. Dann würde sicher was kaputt gehen.

Findest Du den Weg, den Reisinger eingeschlagen hat – keine Kredite mehr aufzunehmen – gut?

Ich bin Wirtschaftler, habe das studiert und vermittle meinen Schülern jeden Tag den Grundsatz, dass man nicht dauerhaft über seine Verhältnisse leben kann. Da sind viele Fehler in der Vergangenheit passiert, ohne jetzt einseitige Schuldzuweisungen zu machen, aber für die Zukunft kann es nicht der Weg sein, dass wir weiterhin unkontrolliert immer mehr Schulden aufnehmen, ohne zu wissen, ob man die je zurückzahlen kann. Ja, ich unterstütze den Weg uneingeschränkt, nicht mehr in die Schuldenschatulle zu greifen.

Auch wenn das bedeutet, dass dadurch kein Profifußball in der 2. oder 1. Liga möglich ist?

Für mein Dafürhalten wäre es jetzt wahrscheinlich nahezu ideal, wenn man in der 3. Liga langsam Fuß fassen könnte. Der Fahrstuhleffekt direkt in Liga 2 und 1 hätte natürlich auf den ersten Blick einen wahnsinnigen Charme, aber ich glaube, dass das alles jetzt nicht zu schnell gehen darf. Wir müssen wieder in den Profifußball hineinwachsen. Die 3. Liga wird sowieso wirtschaftlich als auch sportlich eine brutale Liga. Das Ganze muss jetzt organisch wachsen und es darf nichts mehr über das Knie gebrochen werden.

Hättest Du im Kopf eine Alternative zu unserem kreditgebenden Investor?

Natürlich haben mich in der Vergangenheit Meldungen elektrisiert, dass es da scheinbar Investoren gäbe, die bei Sechzig einsteigen wollen würden. Nüchtern betrachtet gibt es aber keine Möglichkeit, das ohne den Hauptgesellschafter zu machen. Solange er nicht mit sich reden lässt und artikuliert, seine Anteile seien unverkäuflich, kann man an der Gesellschafterstruktur nur schwer rütteln. Ohne sein Okay geht leider nichts – weder eine Änderung am aktuellen Kapitalverhältnis, geschweige denn die Aufnahme neuer Gesellschafter. Das gefällt mir übrigens ganz und gar nicht.

Eine Lösung des Problems kenne ich heute ohne Kenntnis der Verträge nicht, aber ich weiß, wir werden die Lösung irgendwann einmal brauchen. Stetes Umschulden und Stunden fälliger Kredite sowie das Ausgeben von Genussscheinen sind in meinen Augen keine dauerhafte Lösung.

Macht es aus Deiner Sicht Sinn, als Interessens-Gruppe gemeinsam zur Wahl anzutreten?

Ich habe einige von der Gruppe bei einem Treffen der Region 2 getroffen und fand sie eigentlich nett. Meiner persönlichen Meinung nach ist es aber schlecht aufzutreten und zu sagen, „wir wollen als Neuner-Block gewählt werden oder gar nicht“, das ist nicht konstruktiv. Und nach der Satzungsreform ist man ja davon weggegangen und favorisiert die Einzelkandidatur. Sie rücken zwar davon weg, aber ich finde es nicht gut.

Welche Bedeutung hätte für Dich als Verwaltungsrat die Stadionfrage?

Wie vorhin schon einmal gesagt, ist das keine primäre Frage des Verwaltungsrates, aber es ist ja für mich und jeden im Verein, der Fußball liebt, eine ganz wichtige Frage. Man sollte eine Einigung mit der Stadt München finden, damit man das Stadion umbauen kann. Ich weiß, das ist ein Gordischer Knoten. Seit so vielen Jahren wird darüber diskutiert, leider nicht immer mit den richtigen Protagonisten sowie der Nachhaltigkeit, die man sich wünscht. Aber wenn man sich die Alternative mal im Kopf ausmalt, zum Beispiel ein Stadion in Riem zu bauen – nein. Sechzig und Giesing gehört einfach zusammen. Wohlwissend, dass die Hürden wahnsinnig hoch sind. Die letzten Signale der Stadt sind aber doch ein kleinwenig hoffnungsfroh.

Mach es Sinn, der Stadt eine Frist zu setzen?

Wenn man in der schwächeren Position ist, macht es keinen Sinn. Wenn man die Stadt zwingt, bis Ende des Jahres eine Antwort zu geben, dann ist die Antwort klar. Aber es macht Sinn, einen transparenten Zeitplan zu definieren innerhalb dessen die Frage mit der Stadt gelöst werden muss. Und man braucht natürlich einen Plan B.

ARGE wurde ja viel kritisiert und daraufhin wurde ein Antrag gestellt, dass die Fanbetreuung im e.V. angesiedelt werden soll. Wie siehst Du ihn?

Also, es gibt ganz unten bei der Basis liebe und tolle Menschen in der ARGE. Aber für mein Gefühl ist die ARGE als solches verbrannt und verbraucht. Der Name löst bei vielen Fans keine gute Empfindung aus. Und eine Marke, die verbrannt ist, muss man eigentlich abstoßen, da nutzt teilweise auch kein Führungswechsel etwas. Das einseitige Agieren hat nicht dazu beigetragen, dass sich das Fanlager befriedet.
Und so ein Antrag, der jetzt im Raum steht, ist trotz allem Für und Wider eine gute Diskussionsgrundlage. Die Sache beim e.V. anzusiedeln ist vielleicht besser, als das bei der KGaA zu tun. Da stimmt es ja bei den Gesellschaftern schon nicht, wie sollte man da die Fans einen und betreuen? Der e.V. hätte den sympathischen Vorteil, dass die Fans da sind, wo das Herz liegt – beim Hauptverein.

Dachverband und Politik. Geht das zusammen?

Ein Dachverband muss sich aus der Vereinspolitik raushalten. In dem Moment, indem Du politisch wirst, bist du subjektiv und kannst nicht mehr alle mitnehmen. Dadurch fühlen sich nämlich die ausgegrenzt, die nicht diese Meinung teilen. Um seine Hauptaufgabe, wie Fankultur pflegen und die Fans zu organisieren, ausüben zu können, muss die Politik draußen bleiben.

Was wünschst Du Dir für die Versammlung am 22. Juli 2018 im Zenith?

Ich hoffe auf eine faire Versammlung, auf der jeder die Möglichkeit hat, seine Interessen vorzustellen und ich hoffe, dass die Mitglieder die richtigen Entscheidungen treffen. Denn die Entscheidungen können zur Weichenstellung werden, da sie das Präsidium beeinflussen.

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3und6zger
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Viel Glück bei der Wahl Herr Kolb, Ihre Antworten geben genau meine Meinung wider!

Bezüglich ARGE möchte ich noch anmerken, daß dies meiner Meinung nach ein Interessenverein zu Erlangung von Freikarten ist. Und natürlich unterstützen die das Investorenlager. Weil der Herr Ismaik hat ja letztlich in der Arena die ganzen Freikarten bezahlt. Ich habe auch nix dagegen, daß eine festgelegte Anzahl an Karten verteilt wird, aber nicht die Hälfte, wie’s damals üblich war.