Irgendwo außerhalb von München

Getränkehandlung in Holzkirchen. Ja, das ist der Ort wo auch Oliver Griss irgendwo zuhause ist. Getroffen habe ich ihn noch nicht. Aber sei´s drum. Sechzger sind überall. Und auch das Giesinger Bräu gibt es in Holzkirchen. Gott sei Dank. Ich nehme zwei Untergiesinger Erhellung und gehe zur Kasse. Ein älterer Mann schaut mich irritiert an. Mit Blick auf mein hellblaues Shirt, wo stolz der Löwe prangt. Darunter eine Zahl – 1860. Ja, ich bin ein Sechzger und werde es immer bleiben. Für den älteren Mann scheint das verwunderlich und er sagt: “Einer der letzten Löwen, wie mir scheint.”

Nein, einer der letzten Löwen bin ich nicht. Es gibt noch genügend von uns. Genügend, die diesem Verein nicht den Rücken kehren.  Dennoch macht mich der Satz nachdenklich. “Einer der letzten Löwen, wie mir scheint.” Das hört sich fast so an, als wäre ich einer der letzten Mohikaner. Ein Unikat. Ein letztes Wesen einer aussterbenden Rasse. Und ich antworte genau so, wie es meine innere Pflicht ist: “Sicher doch. Einmal Löwe, immer Löwe.” Innerlich bin ich jedoch aufgewühlt. Aber Stolz weicht nicht. Lieber tot als rot.

Tief gefallen, doch nicht vernichtet

Wir haben eine schwere Zeit vor uns. Wir sind tief gefallen. Aber meine Treue bleibt. Und ich bin nicht alleine. Doch ich muss zugeben, dass es nicht leicht ist. Nicht nur in der Getränkehandlung. Im Fitness-Studio dreht sich einer um. Ich trage dieses Mal keine Sechzger-Klamotten. Aber hier weiß es jeder: ich bin ein Blauer. Keiner macht sich über mich lustig. Vielleicht, weil mich jeder ein wenig für durchgeknallt hält. Aber ich spüre dieses Mitleid. Zum ersten Mal so richtig intensiv. Zum ersten Mal geht es mir gehörig auf den Sack: Fickt Euch, ich brauche Euer Mitleid nicht! Wir sind tief gefallen, aber wir sind nicht tot.

Ich brauche euer Mitleid nicht

Was mir auffällt: Ich bin intensiver ein Löwe als jemals zuvor. Ich trage öfters das Wappen als bisher. Mein Schal hängt nicht mehr am Haken daheim, sondern liegt auf dem Amaturenbrett im Auto. Mein Blick am Schreibtisch geht öfters hinüber zum Wappen, das an der Wand prangt, als jemals zuvor. Ich gebe auf dieblaue24 mehr Contra als jemals zuvor. Wohlgemerkt völlig umsonst, denn dort sind die Lager ohnehin gespalten und keiner hört mehr irgendjemandem richtig zu. Mir gefällt das ganz und gar nicht. Aber sei’s drum. Ich bin traurig, dass wir tief gefallen sind. Und dennoch feier ich die Tatsache, dass wir noch leben.

Die junge Generationen leiden besonders

Doch so sehr ich gefestigt bin, ich verstehe, dass vor allem junge Menschen ein Problem haben. Wenn du ein 10 Jahre alter Bub bist und sie in der Klasse auf dich zeigen. Kinder können Scheiße sein. Das wissen wir alle. Grausam und gemein. Gegenüber Dicken, gegenüber Kindern mit Brille. Und gegenüber Sechzgern. Immer drauf auf die Minderheiten. So war es schon immer. Und deshalb bin ich sauer. Weil es dort draußen in München und im Umkreis, ja in ganz Bayern und sogar in ganz Deutschland, treue Seelen gibt. Und unser Verein dreht sich seit Jahren wie ein Kreisel immer auf der Stelle. Was muss man als Funktionär können? Erst einmal große Reden schwingen. Man muss nicht wirklich intelligent sein. Aber martialisch.

Vom Aufstieg wird gesprochen. Von einem großen Stadion. Von Brasilianern und von Champions League. Oder wenn das alles nicht funktioniert, dann sprechen wir vom Widerstand gegen den Investor. Ja, ich habe auch ein Problem mit der Investition aus dem Nahen Osten. Aber Hand aufs Herz: Diese Problematik haben wir uns doch selbst ins Haus geholt. Holst du einen Wolf in ein Löwenrudel, dann wird der noch lange kein Löwe. Und das meine ich gar nicht abwertend sondern einfach nur symbolisch. Ich mag Wölfe. Aber ehrlich: Die großen Töne von Aufstieg und eigenem Stadion und vielem mehr … ja das gab es bereits vor Hasan Ismaik.

Ich hoffe auf einen neuen Zusammenhalt

Ich hoffe auf eine neue Löwenzukunft. Es wird schwer. Aber wir Fans müssen vor allem eines: wie Löwen zusammenhalten und nicht wie Gänse wild schnatternd aufeinander losgehen. Meine Güte, die ganze Welt lacht über uns und was machen wir? Tragen Grabenkämpfe aus. Dank des sozialen Netzwerkes geht das ja schnell und völlig anonym.  Vermutlich, wenn sich zwei Löwen in der Realität treffen würden, dann würden sie miteinander anstoßen und gut wär’s. Treue zu Ismaik oder zum Präsidium für’n Arsch. Treu sind wir nur dem TSV München von 1860. Und das sind wir doch alle. Haben wir nicht dort draußen im Fitnesstudio, bei der Arbeit, in der Getränkehandlung oder wo auch immer nicht genügend Widerstand? Werden wir nicht schon genug belächelt? Bekommen wir nicht schon Mitleid in völlig ausreichendem Maße? Ich hoffe auf einen neuen Zusammenhalt.

Einmal Löwe, immer Löwe.

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