Darum funktioniert Regionalliga – das Produkt 1860

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Stehhalle 1860 gegen Burghausen

Hollywood kaut uns immer wieder die gleichen Stories vor. Viele Weißbiere schmecken einfach nur nach einem Standard-Weißbier für Jedermann. Und das Brot beim Aldi schmeckt genauso langweilig wie das vom Lidl. So viele Produkte sind in den Händen von Nestle, dass wir sie gar nicht mehr auzählen können. Große Firmen schlucken kleine Firmen. Im Einheitsbrei für die große Masse, für den treudoofen Kunden gehen viele Werte verloren. Der Metzger im Ort macht Pleite, der Bäcker verkauft seine Geschäftsräume an die großen Backwaren-Ketten und selbst das Tegernseer Bier ist nicht mehr das was es war: Du bekommst es auch in Frankfurt oder sogar in Hamburg. Und die Qualität hat definitiv nachgelassen. Vor allem in den Sommermonaten merkt man es: Das Bier, das einst mindestens sechs Wochen gereift hat, wird nun nach schon einer Woche abgefüllt. Weil der Bedarf hoch ist und man Verträge hat. Selbst mit Italienern. Ja, Tegernseer Bier, das einst für Regionalität stand, gibt es auch in Italien.

Doch die Gegenwelle kommt bereits. Lokale Produkte sind gefragter denn je. Neue Brauereien bringen lokale Biere auf den Markt, Obst und Gemüse frisch aus der Region: Die Sehnsucht nach Regionalität ist stärker denn je. Fleisch vom Bauer nebenan rückt in den Fokus. Vor kurzem hatte ich ein Interview mit Wolfgang Sappl von Sapplbräu, der ein neues regionales Bier für Holzkirchen (Landkreis Miesbach) auf den Markt gebracht hat. Die Begeisterung ist enorm. Und beim Giesinger Bräu, bei der “Langen Nacht der Brauereien”, sprach ich mit zahlreichen weiteren Braumeistern, die ich kenne. Man wünscht sich mehr Regionalität. Vermutlich weil wir uns an dem überregionalen Standard, der zwar billiger erscheint aber eben nicht unbedingt hochwertig ist, satt gegessen und gesehen haben. Und ganz ehrlich: Ich habe vor einem halben Jahr angefangen, weniger aber dafür hochwertigeres Fleisch zu essen. Das bringt einem völlig neue Geschmackserlebnisse.

“Die Menschen sehnen sich nach Regionalität mehr denn je.”

Deshalb ist es kein Wunder, dass der TSV 1860 München zwar sportlich tief gefallen ist, aber für große Begeisterung sorgt. Die Kälte der Allianz Arena ist Vergangenheit. Zweifelsohne, die Allianz Arena ist vor allem Event. Und mit Events lässt sich gut Geld machen. Aber irgendwann hat man eben genug von Kino, großen Bühnen und all dem Einheitsbrei. Ja, meine Güte. Dann ist dort eben alles perfekt organisiert. Wollen wir das? Der Wunsch nach Regionalität nimmt zu. Die Leute finden es längst nicht mehr gut, dass man alle Produkte überall bekommt und zudem an Qualität verloren haben, weil man für die Masse produziert.

Der TSV 1860 München profitiert davon. In Giesing wird eine neue Ära eingeleitet. Die Verbundenheit zu den längst vergessenen Wurzeln lebt plötzlich wieder auf und man sieht von einem Tag auf den anderen, wie viel uns Giesing wert ist. Die Kneipen, die Gaststätten und das Grünwalder Stadion. Seit Ihr mal vor einem Spiel durch die Straßen gegangen? Das ist herrlich. Da wird man süchtig.

Westkurve 1860 gegen Burghausen
(c) Hans Hinle

Witzig, dass einige die euphorische Welle als “fehlgesteuerte ewig Gestrigen” bezeichnet. Nein, da versteht jemand grundsätzlich etwas falsch. Das ist modern. Gerade in der Mittel- und Oberschicht sehnt man sich nach Regionalität und Bürgerlichkeit. Weil man genug vom Standard hat. Und genau das ist der Hebel, wo der Verein ansetzen muss. Denn man wird tatsächlich zum “ewig Gestrigen”, wenn man sich nur auf die Tradition beruft. Heutzutage will man zwar Regionalität, aber modern verpackt. Braumeister haben das erkannt und brauen regionales Bier, aber mit moderner Technik und vor allem zeitgemäßem Marketing. Witzig, dass einige große Brauereien plötzlich kleinere Schwestern-Brauereien gründen um dort mitzumischen. Man hat das regionale Produkt als Marketing-Strategie erkannt. Gleiches gilt für regionale Fleischlieferanten, Obsthändler, Gaststätten und vielen weiteren Geschäftsleuten.

Freundschaftsspiel 1860 gegen BVB 2016Der TSV 1860 München ist heute mehr denn je ein regionales Produkt, das Spaß macht und jedem seine Sehnsucht nach Regionalität stillen kann. Auch im Fußball hat man längst die Schnauze voll, dass die Deutsche Meisterschaft Jahr für Jahr vom gleichen Verein gewonnen wird. Und wie viel Geld man für manche Spieler bezahlt: Ob es 100 Millionen oder 200 Millionen sind, das ist längst egal. Es ist für uns alle einfach nur “viel Geld”, mehr nicht. Nein, das ist es nicht, nach was wir uns sehnen. Weltmeisterschaften oder Olympia: Alles hat so einen gewissen Touch, bei dem wir froh sind, dass wir es nicht jede Woche haben. Gefährlich ist es, wenn sich die Bundesliga komplett ebenfalls in diese total verrückten und völlig überzogenen Massen-Events entwickelt. Weil wir das alle zwei oder vier Jahre aushalten, aber nicht Woche für Woche.

Einen ideellen Wert? Nein, den sehen wir nicht. Und an diesem Punkt kommt die gleiche Sehnsucht ans Tageslicht wie bei anderen regionalen Produkten. Wir wollen ein bis zwei Mal im Jahr mal ein schönes Event erleben, aber glücklich macht uns die Verbundenheit zur Regionalität. Und dieses Wort haben wir sogar in unserer aktuellen Liga mit drinnen: Wir sind Regionalliga – wir sind Regionalität.

“Die Mannschaft spürt diese Euphorie und die Fans ebenfalls.”

Es ist eine Chance. Der TSV 1860 München als regionales Produkt. Natürlich wollen wir wieder aufsteigen. Natürlich wollen wir Erfolg. Aber man kann sich dabei nur wünschen, dass man das regionale Produkt “Sechzig” diesmal nicht aus den Augen verliert. Wir wollen einen Investor. Aber wir hoffen auch, dass er erkennt, was wir wirklich sind: Ein Produkt, das moderner denn je ist. Eben weil Regionalität modern ist.

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Hombre248
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Hombre248

Toller Artikel, sehe es ähnlich, vor allem bei den regionalen Brauereien oder Produkten habe und lebe ich die gleiche Einstellung. Jedoch im Fussball zählen einfach mal Punkte und Erfolge, diese Saison sind wir gezwungen diese Regionalität zu geniessen, jedoch wollen wir Löwen auch ein Erfolgsprodukt sein, ein Verein der seinen Fans Siege und Erfolge beschert. Und mit Erfolg muessen wir ein neues Stadion haben welches attraktiv und wirtschaftlich vernünftig ist ohne größenwahnsinnig zu sein. Mir auch unverständlich, dass die Stadt München den Verein 1860 immer nur mit dem erhobenen Zeigefinger betrachtet und dem Verein nicht die Möglichkeiten bietet die dem “Münchner Verein” eine bessere Zukunft bieten kann. Die Vorstellung mit einem Stadion und einer Kapazität von 12500 bzw. 15000 Zuschauer ind der dritten Liga zu spielen ist selbst für ein regionales 1860 zu dürftig und wird dem Verein 1860 München nicht gerecht.

Strahlenkatarakt
Gast
Strahlenkatarakt

Es wird entscheidend sein, dass das ‘Produkt’ auch über den Tag hinaus als regional erkannt wird. Derzeit reicht es noch, wenn die Nürnberger Großbrauerei Tucher ‘Grüner’ auf eine Bierflasche schreibt und die Kunden erleben einen 308 Jahre alten, traditionellen Fürther Biergenuss, welcher eigentlich außer den Namensrechten bereits 1977 beerdigt wurde. Gleiches erleben wir mit einem Borgward BX 5. Irgendwann wird der Kunde doch feststellen, dass ein in Peking zusammengeschraubter SUV vielleicht doch kein X5 mit Exotencharme ist und ein in der Tucher Bierfabrik abgefülltes Helles auch in der ‘Grüner’ Flasche kein Wiethaler Lager aus Neunhof ersetzt.
Die Kunst wird nicht sein, eine traditionelle Marke einfach wieder auferstehen zu lassen, sondern sich als Nischenprodukt als solches zu definieren und auch zu identifizieren. Für 1860 München bedeutet das, auch Zeiten der sportlichen Erfolglosigkeit oder fehlenden Stadion- und Anreisekomfort als ‘produkteigen’ zu akzeptieren.
Wenn ich die Kommentare beim Mitbewerber DB24 oder Aussagen von Peter Grosser lese, sind wir noch lange nicht so weit.

Luenchner Moewe
Mitglied
Luenchner Moewe

Kluger Artikel! Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – diese Saison bietet die Chance, 1860 neu zu erleben, egal, ob man nun seit 40 Jahren Fan ist oder neu in der Stadt ist. 1860 ist in jedem Fall spannender als Bayern – ich habe mich schon oft gefragt, wie langweilig und abgestumpft man wohl selbst sein muss, um der Bundesliga und dem FCB aktuell noch etwas abzugewinnen.

jr1860
Mitglied
jr1860

Wie meistens hast du den Nagel auf den Kopf getroffen (blödes Wortspiel)
Perfekter Artikel, auch wenn ich eher grünen August mag 😉
So macht mir 60 wieder Spaß
… muss nur noch HI weg
Auf die Löwen und weiter so

Tante Tornante
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Tante Tornante

Ein sehr lesenswerter Artikel…

Gerade das Stichwort „Regionalität“ trifft imho einen Nerv in unserer Zeit, in der beinahe alles globalisiert sein muss um den Anschein einer Geltung zu haben. Sicher ist, wir brauchen keinen FCB light, das würde auch gar nicht funktionieren. Zudem spielen wir jetzt in der Regionalliga und sind weit davon entfernt irgendein Groß-Klub zu sein, der mit dreistelligen Millionenbeträgen um sich wirft (das wäre auch nicht mehr mein Klub).

Die Regionalitätskarte zu spielen ist von daher in diesen Zeiten der aktuellen Situation geschuldet und forciert durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre. Zur Zeit läuft ja auch alles ziemlich rund. Der sportliche Erfolg ist da, das Stadion ist voll, alles geht angenehm und mit viel Freude seinen Gang.

Ein bisschen geschluckt habe ich schon, als ich zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder im leider kaputt sanierten 60ger war. Kenne das Stadion und die (echte) Stehhalle noch aus der BuLi-Zeit in den 60er Jahren und die ständige Reduzierung der zulässigen Zuschauerzahl lässt einen beim Anblick halt schwer schlucken.

Aber momentan passt ja alles und wir sollten es genießen.

Im Artikel selbst fallen sie ja doch, die „bösen“ Worte wie „Produkt“ und „Investor“ und auch in einem Kommentar wird von „Alleinstellungsmerkmalen“ (USP) gesprochen, ein Begriff aus Marketing und Vertrieb. Also so ganz ohne Wirtschaft und business development scheinen wir doch nicht auskommen zu können. Es wird eine hochkomplexe Aufgabe werden den Klub zu entwickeln, also einerseits die Regionalität zu bewahren, zu stärken und andererseits ein solides und kräftiges finanzielles Fundament zu schaffen und zu halten.

Ich werde mich gerne eines Besseren belehren lassen, nur fürchte ich, einer von beiden Aspekten wird dabei zwangsläufig etwas auf der Strecke bleiben. Was die kurzfristig wichtigste Aufgabe werden wird, ist die „verfeindeten“ Lager zu einen. Es ist so sinnlos, sich gegenseitig immer nur zu beschimpfen und Vorwürfe zu machen. Diese Energie ließe sich besser zum Wohle des Klubs nutzen.

Die Stadionfrage muss dann gelöst sein, wenn es einmal gelingen sollte wieder in die II.Liga zu kommen. Davon sind wir noch weit entfernt und dennoch muss diese Frage bei der Entwicklung des Klubs berücksichtigt werden. Es werden also in Zukunft einige Fragen auf Antwort drängen und alle (!) im Klub täten gut daran, sich diesen Fragen frühzeitig zu stellen, aller jetzigen Euphorie zum Trotz.

Der jetzige Kurs ist ein guter Anfang, nicht mehr aber auch nicht weniger.

Dr. Klothilde Rumpelschtilz
Mitglied
Dr. Klothilde Rumpelschtilz

Toller Kommentar der genau die Merkmale heraus arbeitet die uns von anderen unterscheiden.
Seit Wildmosers den Auszug aus dem GWS forcierte und es dem FCB gleich tun wollte, sind genau diese Werte auf der Strecke geblieben.
Jeder Unternehmer weiß, dass man seine Alleinstellungsmerkmale genau herausarbeiten und kommunizieren muss um eine Chance gegen die Großen zu haben.
Wenn man es ihnen gleich tun will kann man nur verlieren, denn ihr Vorsprung ist kaum aufholbar.

Deshalb sollte der Verein und seine Fans genau darauf achten, dass sich so etwas nicht wiederholt bzw. die oben im Text beschriebenen Ideen umsetzen.

Vielen Dank für diesen Artikel, macht weiter so und behaltet bitte einen langen Atem.

Joe Jackson
Mitglied
Joe Jackson

Erinnert mich ein bisschen an den Artikel in der SZ: http://sz.de/1.3614770
Dort wird die Authentizität von 1860 im Grünwalder / Regionalliga beleuchtet, hier die Regionalität. Im Augenblick kommt auch noch ein guter Schuss sportlicher Erfolg hinzu und das unter einem Trainer, der ja eh schon fast der einzige Konsens war, auf den sich alle einigen konnten.
Wie lange dieser Zauber noch den Löwen inne wohnt, wird sich zeigen – ich hoffe möglichst lange und vielleicht sind die Löwen ja auch höherklassig noch regional und authentisch.

tomandcherry
Mitglied
tomandcherry

Hmmm… Ich finde, dass das “Produkt 1860” (den Ausdruck empfinde ich als unangenehm, unpassend… irgendwie kommerziell…) in erster Linie durch den momentanen sportlichen Erfolg “funktioniert”.

Es wäre ganz bestimmt anders, wenn nach den ersten sechs Liga-Spielen keine 15, sondern nur neun Punkte auf der Habenseite stünden.

So hat man einen beinahe optimalen Saisonstart hingelegt und die Fans sind beinahe ausnahmslos zufrieden.

Allerdings dreht sich der Wind ganz schnell und bläst den Verantwortlichen eiskalt in’s Gesicht, wenn die sportlichen Erfolge ausbleiben sollten.

Deshalb wäre ich erstmal sehr vorsichtig, ob “die Regionalliga funktioniert”. Denn ein Dauerzustand darf sie nicht werden, die Regionalliga mit dem Zugpferd 1860 München.

Auch da schmeckt’s irgendwann fad und langweilig, wenn man mehr als zwei Spielzeiten gegen Schalding-Heining, Garching, Unterföhring oder Buchbach antreten muss.

Sechzgerflore
Mitglied
Sechzgerflore

Sehr guter Artikel. – Wieder einmal. – Gratulation ArikSteen

Eben wegen dieser “regionalen” Komponente brauchen wir auch einen “regonalen” Investor der zu diesem Erscheinungsbild passt. (z.B. Mey)
Und selbst bei einem Wiederaufstieg ist es wichtig eben diese “regionale” Komponete zu wahren und zu pflegen. Und nicht gleich wieder größenwahnsinnig zu werden um so das “Glück” zu erzwingen. – Wie es NICHT läuft, haben wir ja eindrucksvoll letzte Saision erleben müssen.

ELIL

Mike
Gast
Mike

Das ist genau das, was ich schon immer sage und was ich damals beim Umzug ins Oly schon gesagt habe. Es geht ja nicht nur um das Grünwalder Stadion. Es geht um die Identität des Vereins. Das hat schon ein wildmoser (bei allen erfolgen) nicht begriffen. Und ein Ismaik schon gar nicht.
Sechzig München gibt’s halt mal nur in Giesing.

BruckbergerLoewe
Mitglied
BruckbergerLoewe

Wie sagte schon Manni Schwabl: “Identität und Tradition lassen sich nicht verpflanzen” !