Leserbeitrag

von Alexander Schlegel

Frühlingsanfang ist traditionell die Zeit, in der sich alle Vereine komplett auf sportliche Fragen fokussieren: Soll man nochmal den Trainer auswechseln, um letzte Impulse zu setzen? Wird der Schlüsselspieler XY noch rechtzeitig fit? Warum hat der Stürmer Schießmichtot ausgerechnet jetzt Ladehemmung usw. Das sind Fragen, die im Frühjahr einer Saison einen normalen Verein bewegen. Jeden Verein? Nein! Eine Gruppe unbeugsamer Löwen aus Adabeis, altgedienten Ex-Profis und hochdekorierten Trainern mitsamt vielen Mitläufern rund um einen dicken Häuptling im Hintergrund, dem die Träger abhanden gekommen sind, hören nicht auf, dem vermaledeiten Usupatoren des Löwen-Throns erbitterten Widerstand zu leisten.

Worum geht es dieses Mal? Der geneigte Löwenfan bekommt Ungeheuerliches zu hören: Die sparsame schwäbische Hausfrau hat als Vorbild ausgedient, es soll auf dem Weg nach oben wieder kräftig Geld ausgegeben werden. Der Verein möchte nur einen Etat von 3 Millionen Euro aufstellen? Ein Witz, so etabliere man sich niemals im Profi-Fußball. Wohlgemerkt, wir reden hier von einer dritten Liga, die insgesamt 14 Millionen an Fernsehgeldern an 20 Vereine ausschüttet und in der ein Zweitliga-Absteiger aus Karlsruhe mit einem Etat von 5 Millionen schon zum Branchenprimus zählt. Und das auch nur, weil ein Altmetallhändler eine große Finanzspritze bereit gestellt hat. Unterhachings Ex-Präsident Engelbert Kupka malte vor dieser Saison in einem Interview ein düsteres Bild zu dieser dritten Liga und erwähnte dabei Vereine, die sogar ihre Rasenheizung verscherbeln müssen, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Insgesamt sehe er den Patienten Dritte Liga auf der Intensivstation. Man mag diese Aussagen vielleicht als Übertreibung ansehen, aber mit einem Etat von drei Millionen gehört man mit Sicherheit nicht zum Armenhaus der dritten Liga.

In unserem Verein gibt es schon seit den 60er-Jahren eine Krankheit, der man anscheinend auch nicht mit noch so viel Argumenten und schon gar mit Logik beikommen kann. Eine Sache, die tatsächlich jede schwäbische Hausfrau mit der Muttermilch aufsaugt: Man kann auf Dauer nur so viel Geld ausgeben, wie man einnimmt. Und Darlehen in Form von Genussscheinen bleiben, nachrangig oder nicht, Schulden, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Diese Art des Wirtschaftens hat uns doch genau dahin geführt, wo wir nach Ratschlag dieser Weisen nicht verbleiben dürfen.

Leiden eigentlich viele Löwen unter einem extremen Kurzzeitgedächtnis? Kurz zur Erinnerung: Wir haben es letzte Saison mit dem dritthöchsten Etat der zweiten Liga geschafft, zwei, wohlgemerkt zwei Ligen abzusteigen. Es wurden vermeintliche Startrainer nebst Starspieler en masse vor die Tür Grünwalder Straße 114 angekarrt, die den Schuldenberg der KGaA wieder in astronomische Höhen anschnellen haben lassen. Dieser Schuldenberg ist eine tickende Zeitbombe, eine Lösung ist nicht in Sicht. Und die Heilung soll nun darin bestehen, nur noch weiter Schulden anzuhäufen? Jeder Privatmann, der mit so einer Vorstellung um neue Kredite anfragt, würde bei jeder Bank ausgelacht werden. Bei 1860 findet diese Vorstellung immer noch viele Anhänger, die von Leuten vorgetragen werden, von denen ich zu ihren Gunsten niemals annehmen würde, dass sie in ihren eigenen Geschäften so handeln würden. Zu diesem Zweck solle man den Investor wieder ins Boot holen und ihm schön tun, damit er weiteres Geld locker macht. Liebe Leute, ein Investor verschenkt sein Geld nicht. Er ist Geschäftsmann und vergibt Darlehen, egal, wie sie dann in der Praxis heißen, ob nachrangig oder nicht. Wenn er dann irgendwann den Stecker zieht, ist selbst die Regionalliga für uns kein Thema mehr. Und sollten die kolportierten Zahlen von Forbes auch nur annähernd die Wirklichkeit widerspiegeln, die von unfassbaren Verlusten schreiben, die Herr Ismaik in den vergangenen Jahren erleiden musste, dann würde ich tunlichst nicht mehr auf Karten setzen, die uns schon in die Katastrophe geführt haben, sondern nach Konzepten suchen, die auf Nachhaltigkeit und Abbau der Schulden hinarbeiten. Es gibt genug Beispiele, denen eine solche Gesundung gelungen ist (siehe z. B. Borussia Dortmund), aber natürlich auch viele abschreckende Beispiele. Und wenn wir ehrlich sind, brauchen wir Löwen nur in den Spiegel zu schauen, um ein solches Beispiel zu betrachten. Und diese abschüssige Bahn aus Schulden und immer noch mehr Schulden soll der Weg in die Zukunft sein? Ich denke nein.

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Sechzig_Ist_Kult
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Ein wahnsinnig guter Beitrag, Alexander! Vielen Dank. 😉

Blaublut
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Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. Wie viel Arroganz und Selbstüberschätzung müssen diese Leute eigentlich haben, um nicht mal ein Jahr nach krachendem Scheitern und Rücktritten wieder als Totengräber des Vereins aufzuerstehen.

Konterhoibe
Leser

Es sind immer die gleichen Leute die meinen Schlau daherreden zu müssen. Warum stellt sich denn keiner dieser Leute endlich mal für ein Amt zur Verfügung? Genug Zeit sollten sie ja haben, wer ständig Interviews geben kann sollte doch auch seinem Herzensverein helfen können oder? Keiner der ständig von Zeitungen zitierten Herren hat Interesse an einem Ehrenamt im Verein und trägt absolut nichts dazu bei das die Situation in irgendeiner Weise besser wird.

Das Winkler sich jetzt einspannen lässt wundert mich nicht, scheinbar hat er sich da bei unserem Ex-Präsi was abgeschaut wie man sich noch etwas Geld verdienen kann. Sehr Schade, Winkler war ein toller Spieler aber jetzt arbeitet er hart daran sich unbeliebt zu machen.

Friedberger
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1860% Zustimmung!

Loewenfan66
Leser

Ich hätte jetzt den Ausdruck “dicker Häuptling “ nicht benutzt aber in der Analyse absolut richt beschrieben.
Kann dir zu deinen Ausführungen zu 100% zustimmen
Es ist schon recht erstaunlich das es noch Leute gibt die aus der Vergangenheit egal ob nähere oder oder schon weit entfernte immer noch nichts gelernt haben.
Übrigens sind das die selben Leute die dem Verein immer vorwerfen das er nicht mit Geld umgehen kann.
Aber selber machen sie die immer gleichen Fehler weil es ja viel einfacher ist nicht für sein Geld zu arbeiten wenn man es leihen kann.
Und genau dieses warum soll ich mich anstrengen wenn ich es mir leihen kann hat uns in diese Situation gebracht.

HHeinz
Leser

Sehr guter Beitrag. Mit 3 Mio. Euro ist man in der Etattabelle leider relativ weit unten aber zumindest liegen die Vereine insgesamt enger beinander.

In der ersten Saison müsste man (wenn wir denn überhaupt aufsteigen) einfach versuchen sich zu stabilisieren. Erst wenn man genau weiß wo man steht könnte man überlegen ob man auch mal mehr ins Risiko geht.

Das wäre für mich frühestens übernächste Saison. Brechstange macht in unserer Situation einfach keinen Sinn.

Aber natürlich würden mich Herrn Ismaiks Pläne interessieren. Er wollte ja ein großes Grundstück kaufen, dort ein Stadion errichten, die Jugendarbeit weiter professionalisieren. Stattdessen hat er Cassalette und Stimoniaris vermutlich preiswert eingekauft und schickt seinen Dolmetscher auf ARGE Tour.
Das ist einfach nur billig.

Serkan
Leser

Überragend, Alter! Exakt so ist es. Viele in der ARGE denken übrigens ganz genau so. Nur der verlogene Vorstand tut immer als würde er für alle sprechen.

3und6zger
Leser

Was mich an den alten Löwengranden Wettberg und Lorant so nervt sind diese Besserwissereien wie z.B. “Wir dürfen uns nicht in der Regionalliga bequem machen!” und “….alle helfen, daß 1860 nicht im Amateurfußball stirbt!” So ein Schmarrn! Wir sind seit 26 Spielen in der Regionalliga (und nicht freiwillig), stehn mit 9 Punkten Vorsprung auf dem 1. Platz und bei jedem Heimspiel plärren 12500 Zuschauer, daß die Mannschaft Meister wird und die Chance für den Aufstieg hat. Wo ist das Bequemmachen oder Sterben, Herr Lorant, Herr Wettberg! Denken Sie noch nach was sie sagen oder kommen nur noch Platitüden. Sind 11 teure Spieler automatisch eine Mannschaft? Was haben den die Zugänge der Jahre 2014 bis 2016 geleistet? Warum mussten alle Nachwuchsspieler gehen oder verkauft werden, obwohl ein “Weltklasse”-Investor da war. Warum konnte der die nicht halten? Ich sage es ihnen allen: Weil alles was aus dem Verein kommt, von solchen Super-Fans wie Ihnen schlecht gemacht wird. Speziell Sie beide können alles besser, weil sie vor 20 oder 25 Jahren einen tollen Job gemacht haben. Aber lässt sich das auf heute Übertragen? Ein guter Trainer oder Spieler ist nicht automatisch eine guter Funktionär. Sind Sie, Herr Lorant, dazu geeignet, den Job von Bernhard Winkler bei der KGaA zu beurteilen? Sie sollten mal schön still sein. Nicht alles was Sie tun und sagen ist als Beispiel geeignet.

pele60
Leser

wenn man ewig im GWS spielt, dann hat 1860 keine Einnahmen. 2.000.000.– von der Bayrischen ist das kein Darlehen mit 5% Zinsen. Mit welchem Geld bezahlt man das zurück?

Rolandoz
Leser

Sehr guter Beitrag!
Natürlich tut man sich mit einem Etat wie Red Bull Leipzig vor ein paar Jahren in der dritten Liga leichter als mit 3 Millionen.
Aber weitere Schulden sind nicht die Lösung.
Und wir haben größere Problem, als den Etat für die dritte Liga (in die wir erstmal aufsteigen müssen)!
Ohne eigenes Stadion werden wir nicht zurück in die erste oder zweite Liga kommen!
Und das wird Ismaik nicht bezahlen…
Bleibt nur zu hoffen, dass Forbes recht hat mit Ismaiks Finanzen und er bald seine Anteile verkaufen muss

RheumaKai
Leser

Gratuliere zu diesem sehr guten Beitrag!

bluelady
Leser

Sehr guter Beitrag!

GehtDiNixO
Leser

Sehr guter Beitrag – Danke Dir! Leider sind da einige unverbesserlich – aber wie sagt man so schön “Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.”

Buergermeister
Leser

Wichtig wäre halt, dass Sponsoren gefunden werden, die auch zahlen ohne Sitze einzufordern. Im Moment sehe ich das noch nicht.

Reinhard Friedl
Leser

Ich sehe mit Genugtuung, dass nicht nur ich so denke. Danke für diesen Beitrag.

tomandcherry
Leser

Schön und richtig geschrieben, Alexander.

Das Problem, das ich in meiner mittlerweile 40-jährigen Löwen-Fan-Zeitspanne immer und immer wieder erleben musste, ist der äußerst lockere um nicht zu sagen fahrlässige Umgang mit den Finanzen. Irgendwie scheint es speziell bei 60 München eine Art Magneten zu geben, der diese „Geldverbrenner“ mühelos anzuziehen scheint?

Ohne jemals Details aus den „üblicherweise gut informierten Kreisen“ erfahren zu haben, scheint es nach meinem Dafürhalten nur sehr geringe oder gar keine Kompetenz in Finanzfragen zu geben? Das Geld anderer Leute, das möglicherweise auch noch leistungslos gewährt wird, lässt sich halt bequemer ausgeben, als Geld, für dessen Erhalt man zuerst mal kräftig buckeln muss.

Jedenfalls kann ich keinerlei Erfolgsgarantien darin erkennen, „gutes Geld dem schlechten hinterherzuwerfen“ und eine – scheinbar ernst gemeinte? – „Strategie“ dem sowieso schon immensen Schuldenberg „jetzt erst recht“ weitere Millionen draufzupacken, ist für mich so… kurzsichtig und nicht mal ansatzweise nachvollziehbar, dass mir dafür schlicht die richtigen Worte fehlen.

Ich vertrete durchaus die Meinung, dass ein längerer Verbleib in der RL Bayern den TSV 1860 München irgendwann dauerhaft beschädigen könnte und man so schnell wie nur irgendwie möglich wenigstens in die 3. Liga aufsteigen sollte. Aber eben nicht um jeden Preis und schon gar nicht um die Gefahr einer nie wieder zu tilgenden Schuldenlast.

Das, was die KGaA jetzt bereits belastet, ist nach meiner ganz persönlichen Einschätzung unter „normalen Umständen“ sowieso nie wieder auszugleichen.

Die einzige halbwegs plausible Lösung wäre ein Anteilsverkauf durch Herrn Ismaik an einen anderen finanziell potenten Investor und das Thema wirkt mittlerweile ziemlich abgekühlt.

Loewen1860
Leser

Wirklich sehr guter Beitrag! Sollten sich vielleicht mal die Herrschaften um Werner Lorandt durchlesen und Gedanken drüber machen!