Manch einer hält die Entscheidung für überzogen: Der TSV 1860 München muss am 1. August bei seinem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg II auf seine Fans verzichten. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat diese Entscheidung getroffen. Das Urteil ist rechtskräftig. Und damit ist klar: Das Meisterschaftsspiel findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

(siehe DFB: Vollständiger Zuschauerausschluss für 1860)

Wir fragen Euch. Ist diese Entscheidung überzogen? Ist sie gerechtfertigt? Macht sie überhaupt Sinn? Und wer wird damit bestraft?

Ein Rückblick

Schauen wir zurück auf das besagte Spiel gegen Regensburg. 60.000 Fans. Über 99 Prozent davon sind friedlich. Ein paar wenige Unruhestifter werfen Sitzschalen und versuchen den Platz zu stürmen. Der Polizei gelingt zumindest Letzteres zu verhindern. Nein, wir wollen das nicht verharmlosen. In keiner Weise. Aber wir wollen nur mal das Verhältnis klarstellen.

Später wird bekannt gegeben, dass zahlreiche Personen identifiziert werden konnten. Weil die Polizei grundsätzlich bei solchen Spielen auch mit Videoaufnahmen arbeitet. Und das mit absoluter Perfektion. Ich habe mit einem Polizisten gesprochen. Einzelne Täter zu identifizieren ist in der heutigen Zeit einfach. Eine Bestrafung der Täter ist demzufolge in der Regel kein Problem. Im Übrigen geht es hier um Landesfriedensbruch. Das geht nun seinen normalen Weg bei der Justiz. Und damit werden die Täter zur Verantwortung gezogen.

Doch ausgerechnet Polizeipräsident Hubertus Andrä fordert nicht nur eine Bestrafung der einzelnen Täter vor Gericht. Auf Twitter gab es von seiner Seite ein eindeutiges Statement: Er fordert den DFB und alle Verbände auf, konkrete Maßnahmen festzulegen. Und er fordert Geisterspiele und Punkteabzug. Im Grunde fordert er eine Kollektivstrafe für Verein und Fans.

Der DFB hat entschieden

Natürlich kann er solch eine “Empfehlung” aussprechen. Man mag jedoch bezweifeln, ob Gerichte es toll finden würden, wenn ein Polizeichef in anderen Fällen Empfehlungen für deren Urteil aussprechen würde. Vor allem in einem Land, wo man sich der Gewaltenteilung rühmt. Aber der Polizeipräsident empfahl keinem deutschen Richter, wie die festgenommenen Personen bestraft werden sollen, sondern richtete seinen Appell an den DFB und an das dortige Sportgericht. Und dort hat man nun eine Entscheidung getroffen.

Die Entscheidung ist fragwürdig

Wir reden alle darüber, ob der DFB nicht überzogen reagiert hat. Aber aus meiner Sicht ist die Entscheidung moralisch absolut verwerflich. Man stelle sich den Englischen Garten vor. Zwanzig Jugendliche urinieren auf die Wiese. Der Polizeipräsident empfiehlt der Stadt ein klares Zeichen zu setzen: Am kommenden Sonntag wird der Englische Garten ausnahmslos gesperrt. Die Stadt setzt dies um. Und bestraft damit Touristen und Münchner. Aber auch die Eisverkäufer, die Biergärten und die Rikscha-Sightseeing-Anbieter. Wäre das in Ordnung? Manch einer mag nun Grinsen. Aber in anderen Bereichen reagiert man auf dieses Thema sehr empfindlich. Zum Beispiel in Schulen. Kollektivstrafen waren früher Standard. Heute sind sie im Schulrecht eindeutig verboten. Keine Klasse darf für das Verhalten eines Einzelnen im Kollektiv bestraft werden. Ist also die Entscheidung des DFB in Ordnung? Moralisch ist sie es aus meiner Sicht auf keinen Fall. Es ist das falsche Zeichen. Für alle Fans, die friedlich ins Stadion gehen und ihre Mannschaft sehen wollen. Für alle Kinder, denen man in der Schule beibringt, dass Kollektivstrafen nicht in Ordnung sind, die aber aus dem Stadion gesperrt werden. Weil einige Fans randaliert haben. Wie soll man das einem Kind erklären?

Gerade auch im Hinblick auf Kinder, die irgendwann einmal selbst vielleicht in der Kurve stehen, sollte man ein solches Zeichen nicht setzen.

Bestrafung des Vereins

Auch der Verein wird damit bestraft. Warum? Weil er die Fans am Eingang nicht richtig kontrolliert hat? Weil er die Sitzschalen nicht zuvor festgeschweißt hat? Weil er es nicht kommen sehen hat?

Helene Fischer tritt im Olympiastadion auf. Ein paar betrunkene Hardcore-Fans übertreiben es maßlos und sorgen für Randale. Weil sie erwartet hatten, dass Helene Fischer hübscher aussieht. Oder was auch immer. Ja, ich weiß, ich mache mich da jetzt ein wenig lustig drüber. Aber ganz ehrlich: Wird dann das nächste Konzert abgesagt? Beziehungsweise, wie Harry Riedl in den Kommentaren richtig schreibt: Helene Fischer müsste vor leeren Zuschauerrängen singen.

Aus meiner Sicht haben wir eine gute Justiz und eine der besten Strafverfolgungen auf der ganzen Welt. Randalierende Fans werden bestraft. Und der Verein hat zudem das Hausrecht und kann Hausverbot erteilen. Aber damit war es dann auch schon. Selbstherrlich sich an einen selbst gegründeten Richtertisch zu setzen und eine Kollektivstrafe auszusprechen. Das ist mehr als fragwürdig und passt nicht ins 21. Jahrhundert. Tut mir Leid, aber so sehe ich das.

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[…] Es ist eine Frage, die sich viele Fans stellen. Wie viele Fair-Play-Tickets wurden nun verkauft? Im Sinne einer transparenten Kommunikation zwischen Verein und Fans durchaus eine gerechtfertigte Frage. Wir haben beim Spiel in Garching unseren Geschäftsführer Markus Fauser gefragt. Der gibt jedoch zu diesem Thema keine Antwort. Noch einmal zum Verständnis: Die Fair-Play-Tickets wurden für das Geisterspiel verkauft. Fans konnten damit ein Zeichen setzen und trotz der vielfach kritisierten Kollektivstrafe ein Ticket erwerben, um den Verein zu unterstützen. Kollektivstrafen wurden übrigens in der Zwischenzeit vom DFB ausgesetzt und finden keine Anwendung mehr. Für 1860 München kam das zweifelsohne zu spät. Wir hatten im Löwenmagazin diese Maßnahme ja auch kritisiert: Geisterspiel: Falsches Signal an die Fans. […]

trackback

[…] Beiträge seit Bestehen des Löwenmagazins: der DFB und seine Kollektivstrafen (Geisterspiel: Falsches Signal an die Fans). Auslöser für unsere Diskussion war natürlich das Geisterspiel. Dazu wurde der TSV […]

Harry Riedl harie
Mitglied

-Zitat-
Ja, ich weiß, ich mache mich da jetzt ein wenig lustig drüber. Aber ganz ehrlich: Wird dann das nächste Konzert abgesagt?
-Zitatende-

Trifft es nicht ganz.
Sie müsste das Konzert abhalten, damit die Kosten tragen und vor leeren Rängen singen. Dann wäre der Vergleich zutreffend.
Auf die Idee würde wohl niemand kommen.

Täter ausfindig machen und bestrafen. Fertig.

Uraltloewe
Mitglied

Ein guter Kommentar. Ich gestehe, dass ich das von dieser Seite noch gar nicht betrachtet habe. Das einzige, was man dem entgegenhalten könnte, ist, dass man die Täter offenbar identifiziert hat. Neben den strafrechtlichen Konsequenzen, die auf sie zukommen, kann man diese Randalierer auch zu Schadensersatz verpflichten, und das sind nicht nur die zerbrochenen Plastikschalen sondern auch der Einnahmeausfall durch das Geisterspiel.
Ich hoffe sehr, das 60 alles dafür Nötige unternimmt. Man wird vielleicht nicht allen Fällen erfolgreich sein (“einem Nackten in die Tasche langen”), aber einiges dürfte trotzdem zusammenkommen.

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