Robert ReisingerLöwenmagazin: Das Löwenmagazin gratuliert zu 500 Tagen Regentschaft beim TSV München von 1860. 500 Tage Präsident bei den Löwen. Der französische Theologe Bernhard von Clairvaux sagte im 12. Jahrhundert: „Stehe an der Spitze um zu dienen, nicht, um zu herrschen!“ und König Friedrich II. meinte, er sei „der erste Diener seines Staates“. Passen diese Aussagen auf Deine Tätigkeit als Präsident oder ist ein solcher Vergleich eher unsinnig?

Reisinger: Ich bin weder Preuße und absolutistischer Herrscher noch ein Kreuzzügler. Deshalb sind mir ehrlich gesagt beide Vergleiche nicht besonders sympathisch. Ich diene diesem Verein, dafür haben mich die Vereinsmitglieder gewählt. Mit der Verpflichtung kann ich mich gut identifizieren. Alle Mitglieder im Präsidium, aber auch in den anderen Gremien, arbeiten engagiert und mit großer Leidenschaft daran, dem TSV 1860 München eine Perspektive zu geben – organisatorisch, wirtschaftlich, sportlich. Alleingänge sind dabei ebenso wenig sinnvoll wie Dinge so lange in Debatten zu zerreden, bis nichts mehr übrig bleibt.

Löwenmagazin: Fast 15 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Aber es gibt doch sicherlich stressfreiere und ruhigere Ämter als Präsident beim TSV zu sein. Was ist Deine Motivation, Präsident beim TSV zu sein?

Reisinger: Mein Verein war in schwerer Not, das hat bei mir zu Handlungsbereitschaft geführt. Die Mitglieder konnten sich mit unserem Kurs rasch identifizieren. Ich bin dem Verein gegenüber verpflichtet. Mehr Motivation brauche ich nicht.

„Die Bühne soll dem Sport gehören, nicht mir.“

Löwenmagazin: Man wirft ja den Ehrenamtlern bei 1860 oft auch vor Selbstdarsteller zu sein. Von Dir hört man jedoch sehr wenig.

Reisinger: Der Pauschalvorwurf der Selbstdarstellung ereilt ausnahmslos jeden, der ein Amt vor breiterer Öffentlichkeit übernimmt. Wenn das nicht mit Hinweisen unterfüttert ist, auf welche konkrete Handlung sich die Behauptung bezieht, kann ich damit nichts anfangen. Ich bin kein Medienpräsident und Grüß-Gott-August, der auf Festen das Publikum unterhält. Daraus hab ich von Anfang an kein Geheimnis gemacht, das war bekannt. Es ist eben meine Art dieses Amt zu interpretieren. Die Bühne soll dem Sport gehören, nicht mir.

Löwenmagazin: Wer sich mit verschiedenen Personen im TSV auseinandersetzt und sich mit ihnen unterhält, merkt schnell, dass es die reine e.V.-Fraktion, die man immer behauptet zu sehen, gar nicht gibt. Da wird durchaus auch der eine oder andere „Mitstreiter“ kritisiert. Wie siehst Du das als Präsident? Gibt es nur das reine Schwarz-Weiß-Denken, das im Endeffekt auch das Lagerdenken ausmacht und forciert, oder gibt es auch im aktuellen e.V. verschiedene Strömungen, Meinungen und damit auch entsprechende Entscheidungsprozesse?

Reisinger: Das ist meine Rede von Anfang an. Es gibt keine e.V.-Fraktion oder KGaA-Fraktion, das ist ein Trugbild, das Leute gerne zeichnen, die von der Polarisierung zu profitieren glauben. Es gibt Menschen, die sich dem Wohl des TSV 1860 München verpflichtet fühlen, die über den Tag hinausdenken und nicht bereit sind, überambitionierten Träumern den Verein zu opfern. Diese Haltung war möglicherweise nicht immer mehrheitsfähig – heute ist sie es definitiv. Andere waren bereit, höhere Risiken zu gehen, auch um die Gefahr des Totalabsturzes. Wieder andere träumen vielleicht von einem Fußball, der noch den Charme der 80er-Jahre hat. Den gibt es aber nicht mehr. Genau so wenig wie die reine Lehre. Wir hören uns als Präsidium viele Meinungen an, wägen verschiedene Argumente ab und treffen dann Entscheidungen.

Löwenmagazin: Dein Vize Hans Sitzberger hat uns gegenüber gemeint, dass er sich durchaus eine andere Zusammensetzung des Verwaltungsrates hätte vorstellen können. Hätte ein oppositioneller Gegenpol dem Gremium gut getan?

Reisinger: Die Mitglieder haben so gewählt und das respektiere ich. Begriffe wie “oppositioneller Gegenpol“ suggerieren, es ginge im Verwaltungsrat zu wie im Bundestag oder im Landtag mit verschiedenen Parteien, Programmen, Grundsatzdebatten. Ganz ehrlich, das ist doch hier nicht der Fall. Wir müssen als Präsidium schauen, dass wir so viele Mitglieder wie möglich mitnehmen und überzeugen. Der Verwaltungsrat ist aber kein gestaltendes Gremium. Die führen satzungsgemäß Aufsicht. Nicht mehr. Zu meiner Zeit wurde dort auch kontrovers diskutiert. Die Vorstellung, es würde im Verwaltungsrat zugehen wie in einem Parteigremium mit Richtlinienkompetenz ist völlig abwegig. Und was den Profifußball anbelangt, spielt die Musik ohnehin in der KGaA.

Löwenmagazin: Der Verwaltungsrat ist sehr still geworden. Auf der einen Seite bietet er damit natürlich aktuell wenig Angriffsfläche. Auf der anderen Seite fragt man sich jedoch, was mit einigen Themen nun ist. Zum Beispiel die Hallensituation. Bei manchen Kandidaten für den Verwaltungsrat klang es so, als könne der e.V. baldmöglichst Ergebnisse liefern. Jetzt sind jedoch schon einige Wochen vergangen. Was ist denn nun der aktuelle Stand?

Reisinger: Stille Arbeit ist das Wesen eines Verwaltungsrats. Wer schon mal mit Entscheidungsprozessen in Politik und Verwaltung von Kommunen zu tun hatte weiß, dass in den Sommermonaten August und September oft der Betrieb stockt und erst im Oktober wieder voll anläuft. Wir sind in engem Austausch mit den beteiligten Referaten und der Politik. Sobald eine finale Grundstückszusage vorliegt, geht es los. Das klappt. Aber die Dinge brauchen eben ihre Zeit.

„Es geht immer um Zwischenschritte, wenn man es mit einem Bestand wie im Grünwalder Stadion zu tun hat.“

Löwenmagazin: Seit dem bekannt wurde, dass es Gespräche zwischen dem Verein und einem Architekturbüro gibt, will die Presse vor allem eines: Konkrete Hinweise, was nun geplant ist. Aber allzu viel lässt Du nicht durchsickern, was gesprochen wurde. Dass es eine neue zusätzliche Anzeige geben soll, ist ja jetzt nichts Neues. Auch einen möglichen VIP-Bereich hast Du angedeutet und wird natürlich thematisiert. Wir wollen überhaupt keine Details, weil es dann unter den Fans wieder Gedankenspiele gibt. Unsere Frage jedoch: Geht es um eine ganzheitliche Änderung des Stadions inklusive der Option für die 2. Bundesliga oder geht es erst einmal um Zwischenschritte?

Reisinger: Es geht immer um Zwischenschritte, wenn man es mit einem Bestand wie im Grünwalder Stadion zu tun hat. Wir müssen uns mit allen Optionen für die Zukunft auseinandersetzen und das tun wir auch. Wer aber mit jedem Gedankenspiel gleich nach draußen rennt, kann nur scheitern. Ich bitte um Verständnis, dass wir keine Planungsstände kommunizieren. Was ich sagen kann ist, dass in der KGaA und im Präsidium mit Hochdruck an Verbesserungen gearbeitet wird. Das schließt vieles mit ein. Verbesserungen für die Zuschauer, Verbesserungen im Businessbereich, Verbesserungen für die Medien, aber auch Verbesserungen für die Anwohner, was die Lärmemission anbelangt.

Löwenmagazin: Die Situation der Rollstuhlfahrer wurde vergangenes Jahr immer wieder diskutiert. Passiert ist in den ersten Schritten zwar durchaus etwas, so konnte zum Beispiel die Anzahl der Plätze erhöht werden. Aber es gibt durchaus auch da einige Fragen. Die neue Werbebande ist für die Sicht der Rollstuhlfahrer eher kontraproduktiv. Ist das auch ein Thema bei architektonischen Überlegungen?

Reisinger: Wir versuchen in den Planungen, den Bedürfnissen und Anliegen aller Stadionbesucher gerecht zu werden. Das schließt selbstverständlich Rollstuhlfahrer ein. Mir ist durchaus bewusst, dass die bestehende Situation nicht optimal ist.

Löwenmagazin: Der Verein hat ein klares Statement in der vergangenen Woche abgegeben und signalisiert, dass man am Thema Stadion intensiv arbeitet. Was uns interessiert ist, ob es einen strategischen Plan im Hinblick auf die Vorgehensweise gibt. Unabhängig von möglichen Stadionplänen und Machbarkeitsstudien, was ist der geplante Prozess?

Reisinger: Es wird strategisch und mit Weitsicht gearbeitet. Wir haben Sachverständige hinzugezogen, die mit Projektabläufen wie in diesem Fall umfangreiche Erfahrung haben. Mehr kann und will ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sagen. Schlagzeilen zum falschen Zeitpunkt schaden uns nur.

Löwenmagazin: Ist es denn aktuell nicht auch notwendig, auf Aufsichtsratssitzungen der KGaA zu pochen und mit dem Gesellschafter HAM International die zukünftige Strategie zu besprechen? Wie ist im Moment die Kommunikation zwischen den beiden Gesellschaftern?

Reisinger: Die Kommunikation läuft über E-Mail und Telefonkonferenzen, es ist jetzt aber zeitnah eine Sitzung terminiert worden.

Löwenmagazin: Gibt es irgendeine Vorstellung von Seiten des Vereins oder gar eine Marketingstrategie, wie Projekte im Grünwalder Stadion finanziert werden sollen?

Reisinger: Ja, auch Finanzierungsfragen gehören selbstverständlich zum Planungsumfang. Sobald wir hier konkrete Lösungen anbieten können, werden wir diese unseren Mitgliedern und Fans vorstellen.

Löwenmagazin: Im Namen der Leserinnen und Leser des Löwenmagazins danken wir in jedem Fall für 500 Tage Ehrenamt als Präsident. Es sind ja weitaus mehr Tage, wenn man die Ämter zuvor mitrechnen würde. Aber die Zeit als Präsident war sicherlich eine besondere Herausforderung. Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg.

Reisinger: Gern geschehen. Ich wünsche Euch ebenfalls viel Erfolg.


Titelbild: TSV München von 1860

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Loewenfan66
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Endlich mal ein Präsident der sich nicht in jede Kamera stellt und geistigen Müll absondert,
wie lange mussten wir auf solch einen Man warten aber am Ende ist doch alles gut geworden.
Erst Arbeiten und wenn etwas fertig ist dann kann man ja gerne vor die Kamera gehen und das Ergebnis bekannt geben.
Bei uns war es doch immer genau anders rum erst wurde groß rum getönt und dann wenn man anfangen wollte zu Arbeiten war alles schon zu spät , weil einfach keiner die Klappe halten konnte.
Hoffentlich bleibt uns Robert noch eine ganze weile erhalten.

Buergermeister
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KGAA und e.v. doch nicht voneinander getrennt – endlich sagts mal einer 😉

BruckbergerLoewe
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Was ich bis jetzt nicht verstanden habe, warum macht man sich selbst soviel Arbeit mit Architekten, Sachverständigen usw ? Warum stimmt man sich nicht erst mal mit der Stadt ab, ob das überhaupt gewollt ist und dann auch umgesetzt wird ? Wenn man dort Nein sagt hätte man sich die ganze Mühe und Kosten sparen können.

Landshuter Löwe
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Weil man eventuell für den Ausbau ein neues Konzept entwickelt, das die Interessen aller berücksichtigt und es damit leichter ist dafür eine Mehrheit zu gewinnen.

Serkan
Leser

Ich denke, dass die grundsätzliche politische Bereitschaft im Vorfeld schon aufgelotet wurde. So doof sind die auch nicht. Dann musst allerdings inhaltlich liefern, um eine Gesprächsgrundlage zu haben. Wenn ich mich recht an Zeitungsberichte erinnere, hat Ismaik in seiner Hochphase mit reichlich unausgegorenem und widersprüchlichem Planungszeug für Riem bei OB Reiter erst für Verwunderung und dann für Spott gesorgt. Den Fehler werden Reisinger und Kollegas nicht wiederholen wollen.

LionsPack
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Auch wenn inhaltlich nicht allzu viele Informationen vermittelt werden, so ist das Interview doch sehr wichtig und beruhigt das Löwenherz ungemein. Reisinger bringt eine Ruhe herein, bringt Hoffnung und sagt aus, dass an den Themen gearbeitet wird und man entsprechend informieren wird, wenn es etwas zu informieren gibt.

HHeinz
Leser

So wirklich erzählen wollte er ja nichts, das Interview finde ich daher ein wenig zäh. Aber gewisse Infos gab es ja schon im Vorfeld. Vielen Dank für die Mühe.

Landshuter Löwe
Leser

Aber das ist doch genau seine Art, erst Ergebnisse dann plaudern…

HHeinz
Leser

Du hast natürlich recht aber es gibt schon auch Interviews mit ihm in denen er ein wenig mehr erzählt. Sollte auch nicht als Kritik rüberkommen sondern eher als Meinung.

Leo
Leser

Solide Arbeit von Robert Reisinger. Weiter so – lass dich nicht von deinem Weg abbringen