Am kommenden Samstag tritt der TSV 1860 München zu Beginn der Rückrunde im Stadion an der Grünwalder Straße gegen den 1. FC Kaiserslautern an. Gegen den FCK spielten die Löwen im Sechzgerstadion zuletzt vor 23 Jahren am vorletzten Spieltag der Bundesligasaison 1994/95. Dieses Spiel damals am 10. Juni 1995 ist aufgrund der besonderen Umstände für die Löwenfans unvergesslich.

Vor dem ersten Spieltag der Bundesligasaison 1994/95 galt das Team von 1860 München als Abstiegskandidat Nummer 1. Zu unwahrscheinlich erschien die Aussicht, dass die Löwen nach dem sensationellen Durchmarsch von der Bayernliga bis in die Bundesliga die Klasse halten könnten. Einige besonders skeptische „Experten“ sahen gar den Negativrekord von Tasmania Berlin aus dem Jahr 1966 in Reichweite. Nach den ersten Spieltagen sah es dann auch überhaupt nicht gut aus und die Mannschaft von Werner Lorant stand nach 8 Punktspielen mit deprimierenden 2:14 Punkten auf Tabellenplatz 18. Aber der Wind sollte sich langsam drehen und ausschlaggebend dafür waren zwei Spielerverpflichtungen, die unter der laufenden Saison getätigt worden sind. Am 5. Spieltag wurde zwar an einem Freitag Abend das Auswärtsspiel beim Karlsruher SC mit 1:3 verloren, aber in der Startelf standen erstmals der vom FC Tirol Innsbruck verpflichtete Manni Schwabl und Peter Nowak, der in der Vorsaison beim 1. FC Kaiserslautern kein einziges Spiel für die Roten Teufel absolviert hatte.

Garant für den Klassenerhalt: Peter Nowak

Vor allem Peter Nowak sollte in der Folgezeit sämtliche Erwartungen übertreffen und mit ihm gewann das Offensivspiel an Gefährlichkeit, was in stimmungsträchtigen Heimspielen an der Grünwalder Straße für grenzenlose Begeisterung sorgen sollte. Am letzten Spieltag der Hinrunde besiegten die Löwen zu Hause Eintracht Frankfurt mit 2:1. Die erneute Galavorstellung von Peter Nowak adelte der Kicker mit der Note 1,5 und 1860 München stand zum ersten Mal in dieser Saison auf einem Nichtabstiegsplatz. Dem Wunder nach dem Durchmarsch in die Bundesliga sollte das Wunder vom Klassenerhalt folgen. Werner Lorant räumte nach der Saison in einem Interview ein, dass ohne die punktuellen Verstärkungen in der Frühphase der Saison der Abstieg nicht zu verhindern gewesen wäre.

Aber nicht nur aus sportlichen Gründen mit dem sensationellen Klassenerhalt am Ende wird die Saison 1994/95 bei vielen Fans unauslöschlich in Erinnerung bleiben. In der Phase, als im Herbst 1994 die Mannschaft den schlechten Start in die Bundesliga langsam aber sicher vergessen machte, traf Präsident Karl-Heinz Wildmoser eine Entscheidung, die bis zum heutigen Tag massive Auswirkungen hat und die dem Verein eine jahrzehntelange Stadionsdiskussion aufbürden sollte. In den Jahren von 1972 bis zum ersten Zwangsabstieg im Jahr 1982 war 1860 München ein Wanderer zwischen den Stadien gewesen. In diesen 10 Jahren haben die Löwen auch unter der Saison zwischen Grünwalder Stadion und Olympiastadion munter hin und her gewechselt. Von daher entsprach es fast schon einer gewissen Tradition, die ersten drei Heimspiele der Saison 94/95 (VfB Stuttgart, FC Schalke 04, Bayern) wegen des zu erwartenden Zuschauerandrangs in das Olympiastadion zu verlegen und die restlichen Heimspiele mit Ausnahme des Rückrundenspiels gegen Borussia Dortmund im Grünwalder Stadion anzupfeifen.

Gegenstand vieler Diskussionen: Grünwalder Stadion

Karl-Heinz Wildmoser hatte in der Vorsaison vor dem Heimspiel gegen den VfL Bochum den Überlegungen, kurzfristig in das größere Olympiastadion umzuziehen, eine klare Absage erteilt. Der damalige Präsident wollte den Heimvorteil in diesem Aufstiegsduell nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Aber ab Januar 1994 deutete sich bei Wildmoser allmählich ein Stimmungswechsel an und wurde im Herbst 1994 zur Gewissheit. Nach Wildmosers Meinung konnte nur im Olympiastadion der Verbleib von 1860 München in der Bundesliga langfristig gesichert werden, weil das Olympiastadion höhere Einnahmen aus dem Kartenverkauf versprach und bessere Vermarktungsmöglichkeiten als das Grünwalder Stadion bot.

Diese Stadionpläne riefen in der aktiven Fanszene umgehend zornige Proteste hervor. Der leidenschaftliche Einwand der Fans, dass ein Umzug in die Heimstätte des ungeliebten Nachbars einen Identitätsverlust des TSV 1860 München zur Folge haben würde, wurde von der Clubführung übergangen. Daraus erwuchsen Flugblattaktionen, Lichterketten und vor dem Heimspiel gegen Dynamo Dresden am 1. April 1995 zog ein Protestzug aus rund 400 Sechzgerfans bei strömenden Regen für den Verbleib im Sechzgerstadion den Giesinger Berg hinauf. Am 30. Mai 1995 stimmten schließlich die Delegierten über die weitere Stadionzukunft ab. Vor der Abstimmung hatten Präsident Wildmoser und Trainer Werner Lorant mit Rücktritt gedroht, falls man im Grünwalder Stadion bleiben wolle. 101 Delegierte stimmten an diesem Tag für das Olympiastadion, 34 dagegen und drei enthielten sich. Laut damaliger Vereinssatzung hätte Wildmoser auf ein negatives Votum der Versammlung nicht reagieren müssen und den Umzug auch eigenmächtig beschließen können.

Gegenstand vieler Diskussionen: Olympiastadion

Das letzte Heimspiel der Löwen in der Saison 94/95 wurde somit zum großen Abschiedsfest. Da der Nichtabstieg ein Spieltag zuvor gegen den 1. FC Köln erreicht worden war, war genügend Raum für Sentimentalitäten. Den Auftakt machte vor Anpfiff die Verabschiedung von Peter Pacult. Der Torschütze von Meppen drehte unter Standing Ovations eine Ehrenrunde und weinte vor Rührung. Bei den Löwenspielern war nach dem errungenen Klassenerhalt erkennbar die Luft raus und es fehlte von Beginn an der letzte Biss gegen die Roten Teufel. Der FCK ging nach 13 Minuten durch Marco Haber in Führung und die Löwen konnten wenig später dank Bernhard Winkler sogar noch ausgleichen. Aber Pavel Kuka erzielte kurz vor der Halbzeit die erneute Führung für die Gäste und nach 66 Minuten auch noch den Treffer zum 1:3-Endstand. Die Partie gegen die Lauterer hatte fast schon den Charakter eines Freundschaftsspiels. In dieses Bild passt die schon vor dem Spiel angekündigte Einwechslung von Co-Trainer „Magic“ Roland Kneißl. Der Mittelfeldspieler, zu Bayernligazeiten Liebling der Fans, durfte über ein Jahr nach seinem Karriereende in der zweiten Halbzeit mitspielen. Damit hatte sich Kneißls Kindheitstraum, einmal in der Bundesliga zu spielen, doch noch erfüllt. Mit dem Abpfiff hieß es dann für die Löwenfans Abschied vom Grünwalder Stadion zu nehmen, was vielen sehr schwer fallen sollte.

Seit 1911 war dieser Ort die Heimat des Vereins gewesen. Hier hatten die Fans die Deutsche Meisterschaft gefeiert und 10 Jahre Bayernliga ertragen. An der anschließenden Pressekonferenz sagte FCK-Trainer Friedel Rausch: „Aus solch einer schönen Stube wollt Ihr ausziehen? Es ist doch so gemütlich hier.“


Diskutiere mit. Warst Du damals dabei? Welche Erinnerungen hast Du an diese Zeit? Diskussionen jetzt auch für Gäste ohne Registrierung im Löwenmagazin möglich.

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)

5
Hinterlasse einen Kommentar

Please Login to comment
avatar
  
smilewinklolsadballlionpretzelbeerstadiumlinkrollingheartzzzpolice
 
 
 
5 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
5 Comment authors
United Sixtiesjr1860BruckLoeweTami TesKranzberg Recent comment authors

  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
United Sixties
Leser

Live dabei und unvergesslich. Es waren Spieler wie Magic Kneißl. Thomas Miller, Rainer Berg im Tor, Reiner Maurer, Bernd Trares, Armin Störzenhofecker, Sturmduo Winkler und PaKULT und dann Manni Schwabl, Olaf Bodden und Super-Peter Nowak, die einen auf Giesings Höhen so gern pilgern ließen. Diese Bundesligasaison 94/95 mit dem Klassenerhalt und 13 Heimspielen in Giesing ( alle vier Spiele im Oly wurden übrigens verloren) werde ich immer in allerschönster Erinnerung behalten.
Das ist für mich Sechzig pur und die Stimmung von damals wohl kaum mehr wieder zu erreichen, außer die Stadt findet eine zukunftsfähige, nachhaltige Umbaulösung komplett überdacht für 25 000 + x als dauerhafte Löwenheimat. Nur so können alle Löwenkräfte endlich vereint und gebündelt werden.
Als Delegierte wurden wir damals vom zweifachen Wiederaufstieg mit Klassenerhalt berauscht „überrannt“. Diesen Fehler darf der Verein kein zweites Mal erlauben und sich seiner Tradition und Stadionheimat bewusster sein. Dank neuer Vereinssatzung und informierterer Mitglieder,Sponsoren und Sportreferat sollte das in 2019 gelingen.

jürgen (jr1860)
Leser

War damals auch im Stadion… Kneißlverabschiedung

Kann mich noch gut an den Demonstrationszug zum GWS erinnern gegen das Oly…
Leider hats nichts gebracht…
Wär wahrscheinlich ein richtig schönes Schmuckkästchen geworden (siehe Schwabl-Entwurf) und der Würstluli hätte jeden Tag auf dem Weg in die Seitenstrasse kotzen müssen, wenn er da vorbeigefahren wäre wink

Drum ists jetzt umso schöner wieder in unserem Wohnzimmer zu sein und hoffe die Stadt hat ein Einsehen und erstellt ein stimmiges Konzept zum Ausbau auf 25.000 und Überdachung…

Btw, es wird ja immer wieder behauptet, man könne im GWS nichts verdienen… gestern Stand in der AZ, dass 3,5 Mio mit Zuschauereinnahmen reinkommen… Finde das ist nicht unbedingt wenig; weiss nicht ob das 100 VIP-Zuschauer deutlich steigern würden…
Wenn die Kapazität steigen würde würden auch die Einnahmen steigen (zwar nicht linear, weil das wohl „nur“ Stehplätze sein werden) …

BruckLoewe
Leser

Schon damals hab ich über die Rücktrittsdrohung vom KHW lachen müssen.Durch das Delegiertensystem das er ja selbst geschaffen hatte war ja klar das die Mehrheit derer dafür ist.Dadurch hat er ja die Vereinsmitglieder mundtot gemacht.

Tami Tes
Gast
Tami Tes

Da waren einige Entscheidungen von Wildmoser, die alles verändert haben. Hätten wir überhaupt auf unbegrenzte Zeit im Grünwalder bleiben können? Wenn ja, gäbe es heute die Arena? Wie würde das GWS heute aussehen? …

Kranzberg
Leser

Es hätte alles so schön und einfach sein können…