Die Covid-19-Pandemie hat mit ihren Einschränkungen dafür gesorgt, dass der Fußball europaweit völlig zum Erliegen gekommen ist. Bereits seit mehreren Wochen ist in Giesing die schönste Nebensache der Welt nicht mehr möglich. Es ist zu befürchten, dass sich auch in den kommenden Wochen nichts am trostlosen Bild von einer leeren Stehhalle/Westkurve ändern wird. In beunruhigenden Zeiten wie diesen, in denen sportliche Neuigkeiten fehlen, bleibt der Blick in die Historie von 1860 München. Genau heute vor 20 Jahren, am 15. April 2000, hat das Team von Werner Lorant sensationell auch das zweite Derby gegen den ungeliebten Nachbarn aus Harlaching gewinnen können.

Zwei Derbysiege in einer Saison gab es noch nie

Die große Mannschaft der Löwen in den 60er Jahren hat alles erreicht, was es zu erreichen gab. 1860 München war der erste Vertreter der noch jungen Bundesliga in einem europäischen Cupfinale und holte zwei nationale Titel. Doch eines hat diese ruhmreiche Mannschaft um Radenkovic, Brunnenmeier und Atom-Otto nicht erreicht, nämlich in einer Saison den FC Bayern gleich zweimal zu besiegen. Dieses unmöglich erscheinende Kunststück vollbrachte in der Saison 1999/2000 die Mannschaft um Icke Häßler, Marco Kurz und Martin Max. Diese Saison vor 20 Jahren, die mit dem vierten Tabellenplatz in der Bundesliga endete, war der Höhepunkt der sportlichen Renaissance, die im Jahr 1992 unter Werner Lorant in der Bayernliga seinen Anfang genommen hatte. Leider hatten die Löwen in der späteren Champions League-Qualifikation kein Losglück. Im Lostopf damals waren u.a. Teams wie Anorthosis Famagusta aus Zypern, aber 1860 München erwischte mit Leeds United den schwersten Gegner von allen. Leeds kam anschließend bis ins Halbfinale und scheiterte dort denkbar knapp am FC Valencia.

Das Löwenteam der Saison 1999/2000

Blickt man auf die Abschlusstabelle der Bundesligasaison 1999/2000, so sieht man, wie wichtig beide Derbysiege im Endklassement gewesen sind. Hätten die Löwen beide Derbys verloren, dann wäre die Konkurrenz aus Kaiserslautern, Berlin, Wolfsburg, Stuttgart und Bremen an den Münchner Löwen vorbeigezogen. Ohne diese 6 Punkte gegen Bayern München hätte es nicht einmal für den damals noch ausgespielten UI-Cup gereicht.

Nach einem Derbysieg in der Vorsaison hatte der damalige Bayernpräsident Franz Beckenbauer getönt, dass 1860 München in 100 Jahren kein Derby gegen den FCB gewinnen würde. Diese Aussage, die an Arroganz nicht mehr zu überbieten ist, strafte am 27. November 1999 Thomas Riedl Lügen. An diesem epochalen Tag wurde in dieser Saison zum ersten Mal Geschichte geschrieben. Zunächst bewahrte in der ersten Halbzeit dreimal die Latte und Oliver Kahn den FC Bayern vor einem Rückstand. In der zweiten Halbzeit lag es an der eigenen Unfähigkeit aus 5 Metern das leere Tor nicht zu treffen (Filip Tapalovic), aber in der 85. Minute erzielte dann Thomas Riedl sein berühmtes Tor aus 22 Metern.

An Tagen wie diesen wurde Geschichte geschrieben

Diese unerwartete Niederlage schmerzte den ungeliebten Nachbarn aus der Säbener Straße ungemein. Im darauffolgenden Heimspiel gegen Borussia Dortmund wurde in der Südkurve ein Transparent mit „Wir verzeihen nicht“ hochgehalten. Am 15. April 2000 kam es nun zum Rückspiel im Olympiastadion und die Zeichen standen ganz klar auf Revanche. Die Mannschaft aus der Seitenstraße duellierte sich kurz vor Schluss an der Tabellenspitze mit Christoph Daum und die Löwen waren nach einem überzeugenden 4:1-Heimsieg gegen den designierten Absteiger aus Duisburg auf einen sensationellen fünften Tabellenplatz vorgeprescht.

Gemeinsam mit seinem Enkel saß Franz Beckenbauer, der damals von den Boulevardmedien noch als Lichtgestalt tituliert wurde, auf der Ehrenloge des Olympiastadions. Milde lächelnd nahm er die Huldigungen seines Hofstaates entgegen, begrüßte Edmund Stoiber mit Handschlag, doch er dürfte nicht zufrieden gewesen sein, als das Spiel vor 69.000 Zuschauern von Schiedsrichter Herbert Fandel angepfiffen wurde.

Bundesweit beliebter Kuttenaufnäher der 80er und 90er Jahre

Gleich in der 1. Minute hatte Paul Agostino die Möglichkeit zur Führung und in der 8. Minute rettete nach einem wuchtigen Kopfball von Martin Stranzl Bixente Lizarazu für den bereits geschlagenen Oliver Kahn auf der Torlinie. Erneut erwiesen sich die Löwen im Derby spielerisch auf Augenhöhe und es entwickelte sich ein rasantes, hochklassiges Spiel. Nach einem Konter wie aus dem Lehrbuch landete in der 22. Minute der Ball bei Martin Max. Max stoppte ihn mit der Brust und schoss den Ball flach ins rechte Eck zur Löwenführung. Schon wieder war 1860 München gegen Bayern München in Führung gegangen. Am Ende der Saison wurde Martin Max mit 19 Treffern Bundesligatorschützenkönig und trat in die Fußstapfen des unsterblichen Rudi Brunnenmeier, der seinerseits im Jahr 1965 mit 24 Treffern diesen prestigeträchtigen Titel erringen konnte.

Die beste Saison seit Jahrzehnten und für Jahrzehnte

Die Führung währte allerdings nicht lange. Nur 7 Minuten später trat Mehmet Scholl einen direkten Freistoß perfekt über die Mauer und ließ Daniel Hoffmann im Tor keine Chance. Die 69.000 Zuschauer im Olympiastadion waren elektrisiert von dem packenden Schlagabtausch beider Teams. Die Löwen hielten dagegen und Martin Max hätte gleich nach dem Ausgleich auf 1:2 erhöhen müssen, das Tor war nach einem Patzer von Kahn praktisch leer. In der 40. Minute mussten dann schon wieder die Geschichtsbücher herausgeholt werden. Es fiel eines der kuriosesten Tore der Bundesligahistorie. Roman Tyce trug einen schnellen Konter über die linke Seite bis zur Grundlinie vor und flankte nach innen. Markus Babbel konnte die Flanke zwar nicht verhindern, aber doch entscheidend abschwächen. Der Ball flog langsam und für die Bayernabwehr völlig harmlos in den Fünf-Meter-Raum. Oliver Kahn kam raus und hatte schon beide Arme nach dem Ball ausgestreckt, als auch Jens Jeremies zum Ball ging. Die Absicht von Jeremies ist nicht ganz klar, vermutlich wollte er den Ball zu Kahn zurückköpfen. Aber Kahn war bereits zu weit aus seinem Kasten heraus und kam so nicht mehr an den Ball. Neben dem rechten Pfosten trudelte der Ball langsam wie in Zeitlupe zur erneuten Löwenführung ins Tornetz. Unweigerlich kamen Erinnerungen an den unglücklichen Bernd Meier zurück, der 2 Jahre zuvor bei einem Abschlag Carsten Jancker hinter sich nicht bemerkt hatte. Jancker konnte diese Unaufmerksamkeit leider in ein Tor ummünzen.

Siegtorschütze am 15.04.2000: Jens Jeremies

Am 1. April 1995 hatte Jens Jeremies im Dress von Dynamo Dresden sein erstes Punktspiel in der Bundesliga absolviert. Die Aufgabe in seinem Debüt bestand darin, den Wirkungskreis von Peter Nowak beim Auswärtsspiel im Grünwalder Stadion einzudämmen. Die Löwen gewannen mit 3:1 und Werner Lorant war auf Jeremies aufmerksam geworden. Sechzig verpflichtete am Saisonende Jeremies und Lorant bewies damit zum wiederholten Male sein Gespür für Talente. Im Herbst 1997 wurde Jeremies zum ersten Mal für die Nationalelf nominiert. Er war der erste Spieler aus dem Löwenkader seit den glorreichen 60er Jahren, den der DFB zu einem Länderspiel einlud. Doch gleichzeitig war in den Medien durchgesickert, dass Jeremies am Saisonende zum ungeliebten Nachbarn wechseln würde. Es wurde kolportiert, dass Jeremies anstatt der bisherigen 600.000 DM im Jahr, beim FC Bayern jetzt 2 Millionen DM verdienen würde. Die Nordkurve quittierte in den folgenden Spielen jeden Ballkontakt von Jens Jeremies mit wütenden Pfiffen. Doch diese Ablehnung flaute in der Rückrunde wieder ab. Es waren vor allem die energischen Antritte von Jeremies im Mittelfeld, die das Abstiegsgespenst in der Saison 1997/98 erfolgreich vertrieben. 

In der zweiten Halbzeit machten die Löwen an jenem 15. April 2000 hinten dicht und es entbrannte eine leidenschaftliche Abwehrschlacht, die gefühlt eine kleine Ewigkeit dauern sollte. Besonders brenzlig wurde es, als Daniel Hoffmann Mehmet Scholl im Strafraum von den Füßen holte. Es grenzt an ein Wunder, dass ausgerechnet der Verein, der am häufigsten von Elfmeterentscheidungen zu seinen Gunsten profitiert, in dieser Situation keinen Elfer zugesprochen bekam. Man hätte sich aus Löwensicht jedenfalls nicht beschweren dürfen. Eventuell lag es daran, weil Carsten Jancker Minuten vorher nach einem krassen Foul an Martin Stranzl eigentlich die rote Karte hätte sehen müssen und Herbert Fandel deswegen den fälligen Elfmeterpfiff verweigerte.

Die restlichen Minuten zogen sich endlos wie Kaugummi. Bayern kam auf und hatte mit Scholl eine weitere hervorragende Freistoßsituation an der Strafraumgrenze. Es war eine Kopie von der Situation, die in der ersten Halbzeit zum Ausgleich geführt hatte. Scholl traf den Ball erneut perfekt und nur die Latte rettete die Löwen. Den Nachschuss, erneut eine Riesengelegenheit für den FC Bayern, hielt dann Hoffmann souverän fest. Die Nordkurve feuerte das eigene Team leidenschaftlich und ununterbrochen in dieser entscheidenden Phase an. Jede Entlastung wurde frenetisch gefeiert. Holger Greilich und Marco Kurz bildeten das unbezwingbare Bollwerk im Zentrum der Abwehr und dann pfiff Herbert Fandel ab. Es war endlich geschafft! Sechzig München hatte in der Saison 1999/2000 tatsächlich beide Derbys gegen Bayern München gewonnen.
Unvergesslich. Legendär. Das waren Zeiten!

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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Loewen1860
Leser
Loewen1860 (@loewen1860)
6 Monate her

Das Spiel werde ich nie vergessen, zumal ich damals in der Gegengerade unter fast lauter Roten saß (ich glaub das mit der Fantrennung wurde da noch nicht so ernst genommen) und mir doch tatsächlich so ein blöder Seitenstraßler vor lauter Frust a Spezi oder so a Gwasch drüber gschütt hat. Wenn’s wenigstens a Bier gwesen wär…

Natürlich hat die Eintrittskarte von damals auch heute noch einen Ehrenplatz im Partykeller.

Dem ersten Derby der Saison konnte ich trotz Dauerkarte leider nicht beiwohnen, da mein Fuß in Gips war. Das habe ich dann in der Rotesten Kneipe – leider damals die einzige bei uns die das auf ich glaube Premiere übertragen hat – auf einem für heutige Verhältnisse kleinen TV mit sauschlechter Qualität angeschaut. Egal – Thomas Riedl wurde damals trotzdem zum Helden…

Bin ja gespannt, wanns endlich wieder Spiele vor Ausverkauftem GWS geben wird. Ich vermisse es derzeit sehr 😭😭😭

💙💙💙 Sechzig is der geilste Club der Welt 💙💙💙

Ohne Corona – ohne Hasi u Konsorten

Tami Tes
Tami Tes (@tamites)
6 Monate her

Danke Tom für den tollen und lebendigen Bericht. Du hast es am Ende selbst „gesagt“, was mir beim Lesen durch den Kopf ging. „Unvergesslich. Legendär.“
Es gibt sicher keinen Löwen, der damals dabei war und sich heute nicht mehr daran erinnern kann. Schade, dass die CL-Quali nicht erfolgreich war, denn es war eine echt gute Mannschaft. Sie machten einfach Spaß… aber sei es drum. Sie bleiben trotzdem unvergessen 🙂