In Bayern sammelt das Landeskriminalamt laut dem Kicker parallel zur bundesweiten Datei “Gewalttäter Sport” DGS” noch einmal gesondert Personalien von Fußballfans. Laut dem Fachmagazin sind 1.644 bayerische Fans in der Datei “EASy Gewalt und Sport” erfasst.

Bayern war schon immer etwas anders als andere Bundesländer. Vor allem, wenn es um die Polizei geht. Ein umstrittenes Polizeiaufgabengesetz, das massive Kritik erntet, zum Beispiel. Oder eben eine eigene Datei für Fußballfans, die sich “EASy Gewalt und Sport” nennt. Darüber berichtet nun der Kicker exklusiv.

Polizei fotografiert Fans
(c) AS/LM

Laut dem Fachmagazin hat die bayerische Polizei eine gewaltige Datenmenge gesammelt. 1.644 Personen sollen Stand 15. Juni 2021 gespeichert sein. Am häufigsten Fans des 1. FC Nürnberg (556 Personen), vor dem TSV 1860 München (407) und dem FC Bayern (248). Gesammelt von szenekundigen Beamten, die sich, wie viele Fans wissen, gerne auch unter die Fans mischen. Zum Vergleich: in der bundesweiten “Datei Gewalttäter Sport” sind rund 500 Personen mit Wohnsitz in Bayern gespeichert. In Bayern speichert man also deutlich mehr. Unverhältnismäßig mehr, so die Kritik im Kicker.

“Die Entscheidung zur Speicherung einer Person […] erfolgt nicht auf Basis eines einzelnen, relevanten Sachverhalts, sondern auf Grundlage einer sogenannten Individualprognose” bekommt der Kicker auf eine Anfrage als Antwort. Eine offene Formulierung, die von Experten so interpretiert wird, dass eine Aufnahme auch ohne Verdacht auf eine Straftat oder Ordnungswidrigkeit möglich ist. Marco Noli, Strafverteidiger aus München, der Mitglied in der AG Fananwälte ist, dazu: “Man kann also in der Datensammlung landen, wenn die Polizei meint, dass von einer Person die Gefahr des Anbringens von Aufklebern ausgeht”.

Selbst die Politik stellt die Menge an gespeicherten Personen in Frage. Max Deisenhofer, bayerischer Landtagsabgeordneter: “”Der Besuch von Fußballspielen ist in Bayern gefahrlos möglich, die Anzahl der Delikte und Ordnungswidrigkeiten geht seit Jahren kontinuierlich zurück. Vor diesem Hintergrund ist es absolut unverständlich, dass die bayerische Polizei still und heimlich eine weitere Datenbank zur Speicherung von Fußballfans angelegt hat – in der noch dazu dreimal so viele Personen gespeichert sind.”

Das Staatsministerium begründet die Datenbank der Polizei: Sie diene “der Gewinnung von personenbezogenen Erkenntnissen über Zusammenhänge und Verbindungen zwischen den Angehörigen gewaltbereiter Szenen im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen” und sollen “gezielte polizeiliche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr” initiieren.

Christian Exner vom Fanprojekt München: “Der Verdacht liegt nahe, dass festgehalten wird, welche Person mit wem verkehrt, in welchem Fanklub sie ist, und welche Bekannte sie möglicherweise bei einer Ultragruppe hat. Das ist eine Sammelwut, um ein großes Bild herzustellen. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum so viele Personen gespeichert wurden. Es geht offenbar um möglichst viele Daten und Querverbindungen. Das Ergebnis ist aber eine generelle Kriminalisierung.”

Das sei eine systematische Stigmatisierung junger Menschen als Gewalttäter, nur, weil sie einer Fangruppe angehören oder Personen aus der Szene kennen, meint Tobias Reuter vom Fanprojekt München.

Der Artikel im Kicker: Geheime Fan-Datenbank in Bayern: 1644 Fragezeichen

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