Die Vereine der Dritten Liga haben sich knapp aber mehrheitlich, darunter auch der TSV 1860 München, für die Fortführung der Saison 2019/20 ausgesprochen. Geisterspiele sollen Arbeitsplätze sichern und das Volk unterhalten. Während die Einen es gut finden, sind die Anderen für einen Abbruch der Liga. Eine tatsächliche Entscheidung wird es wohl erst Ende Mai geben. Was ist richtig, was ist falsch? So manchem Fan fällt es schwer, sich hier auf eine Seite zu stellen. So manchen begleiten diese gegensätzlichen Gedanken auch bis in den Schlaf. Sie träumen davon. Von der Weiterführung des Ligabetriebes während der aktuell andauernden Coronakrise. – Vorsicht Satire

28. Spieltag (H): MSV Duisburg – Samstag, 30.05.2020  

Die Dritte Liga hat an diesem Samstag wieder den Spielbetrieb aufgenommen. Verantwortliche wie auch Fans atmeten auch durch die angelegten Schutzmasken hör- und spürbar auf. Die fußballfreie Zeit hatte nun endlich ein Ende gefunden. Die Sonne lachte über Giesings Höhen und unsere Löwen schienen gut vorbereitet zu sein. Zu Gast war der Spitzenreiter aus Duisburg. Die Zebras waren bereits am Vortag einzeln in Privat-PKW’s angereist, um den notwendigen Abstand zu wahren. Übernachtet haben Spieler, Verantwortliche und der gesamte Trainerstab des Meidericher SV in Einmannzelten auf der Theresienwiese. Nach dem obligatorischen Coronatest in der angrenzenden Teststation ging es zum Frühstücken in den offiziell immer noch geschlossenen Löwenbräukeller, wo die Gäste aus dem Ruhrpott im Festsaal von prominenten Münchnern (selbstverständlich mit Mundschutz) zuvorkommend bedient wurden. Wie meinte Moritz Stoppelkamp noch kurz vor dem Spiel in einem Interview: „Das war das mit Abstand beste Frühstück in meiner Fußballerkarriere“.

Ja der TSV 1860 München hatte sich etwas einfallen lassen, um den hohen hygienischen Auflagen gerecht zu werden. Auch die Stadt München trug ihren Teil dazu bei, dass die Vorgaben des Robert-Koch-Institutes (RKI) eingehalten wurden. Während die berittene Polizei rund ums Stadion Präsenz zeigte, schwadronierten Zivilbeamte mehr oder weniger unauffällig durch den Stadtteil. Ein paar Unverbesserliche erhielten unten am „Candid“ bereits vor dem Spiel einen Platzverweis. Auch Sabine P., Twan F., Tobi H. und Thomas G. vor der bis 15:00 Uhr geöffneten Rampe des Giesinger Bräu mussten Zivilbeamte die Maßeinheit 1,5 Meter genauer erklären.

Im Stadion selbst war von all dem nichts zu spüren. Wenn man es genau nimmt war vor dem Spiel im Stadion eigentlich gar nichts zu spüren. Bis auf eine Handvoll Menschen aus Reportern, Betreuern und auserwählten Fans (Gewinner der Verlosung unter allen Geisterspielticket-Käufern) war nichts los im weiten Rund. Ach ja, da waren noch die Portraits der Fans, aufgereiht in der West unter der historischen Anzeigetafel. Eine nette Idee, was die Spieler auch dazu veranlasste, vor dem Spiel der eingefrorenen Mimik der aufgereihten Pappkameraden ihre Aufwartung zu machen. Erwähnt werden muss aber auch die „blaue Wand“. Ein gewöhnungsbedürftiges Bild vor der Stehhalle. Hier wurden mobile Dixi-Toiletten aufgereiht, auf denen gut lesbar die Namen der Spieler angebracht waren. Der Verein folgte hier ebenfalls der Auflage des RKI, um Profifußball in diesem Jahr überhaupt möglich zu machen. Jeder Spieler muss die Möglichkeit haben, eine separate Toilette zu benutzen.

Sei es drum. Mittlerweile hat man sich in dieser komischen Zeit schier an alles gewöhnt. Den Spielern auf dem Rasen schienen all die Vorkehrungen nichts auszumachen. Bereits nach wenigen Minuten entwickelte sich ein munteres Hin und Her mit einem leichten Übergewicht für die Löwen. Die erste richtige Chance gehörte aber dem MSV. Moritz Stoppelkamp streichelte einen Freistoß von der Strafraumgrenze direkt in den rechten Winkel. Der für Marco Hiller im Tor stehende Bonmann hatte keine Abwehr-Chance. In der zweiten Hälfte konnte Michael Köllner wieder Marco Hiller aufs Feld schicken. Der vor dem Spiel noch fehlende Befund des morgendlichen Corona-Testes lag mittlerweile vor. Ob es am Torwartwechsel lag, die Löwen waren im zweiten Durchgang griffiger. Es dauerte aber bis zur 77. Minute, als Sascha Mölders eine Hereingabe von Stefan Lex per Direktabnahme fast ungehindert im gegnerischen Gehäuse unterbringen konnte. Der Ausgleich war längst überfällig und was für eine groteske Szene, als sich Mölders nach dem Torschuss den Atemschutz vom Gesicht riss und Richtung Westkurve lief. Als schien ihm erst jetzt bewusst zu werden, dass die aufgestellten Pappkameraden in der Kurve keine lebendigen Fans sind, drehte er wieder ab, um seine Kameraden zum Jubel zu empfangen. Und fast wäre es auch zu einem entsprechenden Kollektivjubel gekommen, hätte nicht Michael Köllner mit einem schrillen Pfiff die Spieler an die bestehenden Hygienevorschriften erinnert. Wie von Geisterhand gesteuert, stoppten die Sechzger ihren Jubellauf abrupt ab, um sich im 1,5 Meter-Abstand symbolisch gegenseitig den Ellenbogen entgegenzustrecken. Ein Bild des Torjubels, das uns die ganze verbleibende Saison über verfolgen sollte.

Ein Unentschieden im ersten Spiel nach der Corona-Pause und noch dazu gegen den Tabellenführer. Was will man mehr. Na gut, natürlich dürfen diese unschönen Meldungen nach Spielende nicht unter den Teppich gekehrt werden. Aber wer will es dem weiß-blauen Anhang schon verdenken, dass man sich das Spiel nicht nur alleine zuhause vor dem Fernseher auf der Couch anschaut. Ob man da so übertreiben musste, wie Charly S., der 30 Freunde in seinem Partykeller bewirtete, bis die Nachbarn die Polizei alarmierten oder eben Jürgen R., der nach einer Garten-Party mit seiner Freundin Alex K. und weiteren 30 angetrunkenen Leuten durch Ottobrunn gezogen ist, das lassen wir mal dahingestellt sein.

In einer Pressemitteilung bedankte sich Günther Gorenzel ausdrücklich bei den Ultras, die wie angekündigt dem Stadion ferngeblieben sind. Gleichzeitig appellierte er aber an die Vernunft der Fans und bat darum, zukünftig auf privates Public Viewing zu verzichten.

29. Spieltag (A): 1. FC Kaiserslautern – Mittwoch, 03.06.2020

29. Spieltag auf dem Betzenberg. Die Stimmung war… naja muss man darüber überhaupt noch ein Wort verlieren. Die Löwen reisten als mittlerweile seit 15 Spielen ungeschlagenes Team nach Kaiserslautern. Dieser positive Lauf der Löwen schien den roten Teufeln gehörigen Respekt eingeflößt zu haben. Kaum anders ist die deftige Heimniederlage an diesem Mittwoch zu erklären. Die Löwen reckten sich insgesamt 4-mal die Ellenbogen entgegen, während die Lauterer nur einmal in Jubelpose und mit gehörigem Abstand vor der gähnend leeren Heimtribüne stehen durften. Ohne wirklichen Heimnimbus wird es in dieser Saison eng für die roten Teufel. Die Löwen machten sich unterdessen sofort nach Abpfiff und ungeduscht einzeln mit dem Privat-PKW auf die Heimreise. Am darauffolgenden Donnerstag bat Köllner seine Mannen wieder zum Training. Ab 10:00 Uhr jede volle Stunde eine neue Vierergruppe auf dem Platz. So wie es zwischen DFB und RKI ausgehandelt wurde. Zudem stand am Sonntag das nächste Heimspiel an. Bis Saisonende wird der Liga-Betrieb in englischen Wochen durchgezogen. Wenn da mal keinem die Puste ausgeht.     

30. Spieltag (H): Würzburger Kickers – Sonntag, 07.06.2020

An diesem Sonntagnachmittag regnete es in Strömen. Ein echter Segen für die Spieler, die erstmals auch ohne Atemschutzmaske auf den Platz durften. Laut RKI ist die Gefahr einer Viren-Übertragung bei Starkregen gleich Null. Apropos Übertragung, das Spiel wurde auch im Free-TV gesendet. Die Gefahr erneuter privater Public-Viewing war groß. Widererwarten blieb es aber ruhig, bis auf den einen Ausreißer im Gasthaus Grünen Hof im Freisinger Stadtteil Lerchenfeld. Die als Straßenverkauf getarnte Wiedereröffnung der Gaststätte eskalierte, als Lothar W. die brav in einer Schlange wartenden Gäste zu einer spontanen Aufstiegsparty animieren konnte. Grund war wohl der grandiose 2:0-Sieg der Löwen gegen chancenlose Unterfranken.

31. Spieltag (A): KFC Uerdingen – Mittwoch, 10.06.2020

Nach dem 31. Spieltag waren mittlerweile auch die Skeptiker unter dem Löwenanhang überzeugt. Der Einsatz Günther Gorenzels für eine Fortführung der Liga schien die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Die Löwen setzten ihren Siegeszug auch in Düsseldorf gegen den KFC Uerdingen fort. Mit einem effizienten aber schmucklosen 1:0-Sieg im Gepäck machten sich die Löwen wieder ungeduscht und einzeln im Privat-PKW auf die Rückreise zu ihren Familien. Sascha Mölders soll dabei an der Raststätte Haid mit einer Zigarette im Mund beobachtet worden sein. Angeblich hätte er dabei auch gegenüber Passanten geäußert, dass ihm die Zelterei vor den Auswärtsspielen mächtig auf die Eier gehen würde. Ohne Ivonne würde er nirgendwo mehr hinfahren.

32. Spieltag (H): Hansa Rostock – Samstag, 13.06.2020

Die wilde Fahrt der Löwen ging auch am 32. Spieltag im heimischen Sechzger-Stadion weiter. Die mittlerweile auf einem Aufstiegsplatz stehende Köllner-Truppe ließ den Hanseaten aus Rostock kaum eine Chance. Am Ende tauschte der Mann unter der historischen Anzeige-Tafel dreimal die Ziffern auf Seiten des TSV. Langsam wird der städtische Mitarbeiter unter der Tafel noch zum Kultobjekt bei den Löwenfans am heimischen Bildschirm. Der Kerl sieht in seinem Ganzkörperschutzanzug und der Atemmaske ja auch zum Schießen aus.

33. Spieltag (A): Viktoria Köln – Dienstag, 16.06.2020

Das Spiel bei der Viktoria in Köln musste kurzfristig ins Müngersdorfer Stadion verlegt werden, weil der Besitzer des Verkaufskiosks vom Stadion im Sportpark Höhenberg (Heimspielstätte der Viktoria) positiv auf das Corona-Virus getestet wurde. Für die Löwen ein klarer Vorteil, haben sie doch ihre Zeltstadt vor dem Auswärtsspiel doch eben in diesem Bundesligastadion aufgeschlagen. Selbst Michael Köllner und Günter Gorenzel halfen mit, die Zelte noch rechtzeitig vor Spielbeginn abzubauen. Am Ende stand ein mageres 0:0, bei dem nur die unablässigen Anweisungen vom Cheftrainer Köllner im sonst gespenstisch stillen Stadion in Erinnerung geblieben sind. Durch die Atemschutzmaske war der Übungsleiter aber eher schlecht als recht zu verstehen. 

34. Spieltag (H): Hallescher FC – Freitag, 19.06.2020

Die Löwen standen immer noch auf dem für die Aufstiegsspiele berechtigten Relegationsplatz. Für Halle war es wieder mal eine Freude, nach München zu reisen. Nach dem Verbot der Stadt Halle musste der HFC seine Heimspiele im angrenzenden Bitterfeld, im Fritz-Heinrich Stadion des Amateurclubs 1. FC Bitterfeld-Wolfen, bestreiten. Kein einziges dieser „Heimspiele“ konnten die Hallenser für sich entscheiden. Umso besser lief es in der Fremde. Münster, Zwickau und Meppen konnten ein Lied davon singen. Die Löwen wären eigentlich gewarnt gewesen. Und an den engagierten Anweisungen von Trainer Köllner, die fortwährend in der leeren Betonschüssel des Grünwalder Stadions widerhalten, konnte es nicht gelegen haben. Die Mannen um Kapitän Sascha Mölders wirkten ungewohnt lethargisch. Ganz besonders Aaron Berzel, der ohne seine Fans im Rücken keinen Fuß auf den Boden zu bekommen scheint. Nun gut, mit Zuschauern wäre diese Partie sicherlich anders ausgegangen, aber ein Punkt war es auch. Und die aufsteigende Form vom Youngster Noel Niemann ließ für die folgenden Spiele hoffen.

35. Spieltag (A): B. München – Montag, 22.06.2020

Diese Hoffnung bestätigte sich gleich am nächsten Spieltag. Das Derby gegen die Roten stand an einem verheißungsvollen Montagabend auf dem Programm. Im Stadion herrschte diesmal eine Stimmung wie an einem normalen Spieltag. Also einem Heimspieltag der Roten. Etwa 291 auserwählte Zuschauer verirrten sich in der ansonsten leeren Spielstätte auf Giesings Höhen. Da zu befürchten war, dass trotz der weiterhin bestehenden Ausgangsbeschränkungen zu viele Fans beider Lager in die Nähe des Stadions pilgern könnten, wurde diesmal der gesamte Stadtteil von der Polizei abgeriegelt. Nur neutrale Bürger und Anwohner durften die Absperrungen passieren. Und so war Giesing an diesem Abend wie ausgestorben. Lediglich um die Litfaßsäule am verwaisten Grünspitz standen die als Flaschensammler getarnten Alex K., Jürgen R., Andi K., Tanja T., Lothar W. und Melli K.-S. um einen halbvollen Kasten Augustiner herum.

Das Spiel selber, war diesmal kein Trauerspiel. Der gut aufgelegte Stefan Lex beschäftigte die Bayern-Bubis ein ums andere Mal. Noel Niemann war es, der in der 60. Minute den Bann brach und gleichzeitig das goldene Tor für die Löwen erzielte. Unvergessen bleibt die Szene, als das Löwenrudel nicht wie gewohnt die Ellenbogen hoch reckte, sondern in Reih‘ und Glied im Abstand von 1,5 Metern vor der West stand und mit dem Gesicht zum Spielfeld gewandt für einen kurzen Moment „Mit Leib und Seele“ anstimmte. Hörte sich echt mies an. Die Botschaft dieser Geste aber war klar. Wir sind die Löwen auf dem Platz und auf den Rängen. Spieler und Fans sind eins. In den sozialen Medien wurde diese Szene in den folgenden Tagen rauf und runter gepostet. Die Kommentare darunter waren euphorisch bis überschwänglich. Dieser Gänsehautmoment darf in der Rückschau betrachtet durchaus als Initialzündung für den späteren Aufstieg bezeichnet werden.

36. Spieltag (H): Unterhaching – Freitag, 27.06.2020

Ganze vier Tage später empfingen die mittlerweile zweitplatzierten Löwen im dritten Spiel hintereinander auf Giesings Höhen die Spielervereinigung aus dem benachbarten Unterhaching. Fast taten die Vorstädter einem schon leid und ihr Votum, die Liga fortsetzen zu wollen, dürfte der Verein längst bereut haben. Seit der Aufnahme des Ligabetriebes Ende Mai hagelte es für die Schromm-Schützlinge nur Niederlagen. Grundstein für diesen Negativ-Trend war sicherlich die saftige Niederlage beim Sonnenhof in Großaspach, als in der ersten Hälfte gleich fünf Hachinger mit Rot vom Platz flogen. Dabei hätten die Spieler wissen müssen, dass nach den neuen Corona-Regeln ein Torjubel mit Körperkontakt entsprechend geahndet werden würde.

Auch im Grünwalder Stadion gab es für die Bobfahrer nichts zu holen. 3:0 stand es am Ende. Die Tore erzielten Lex, Niemann und Karger. Lustige Anekdote am Rande. Die als Flaschensammler getarnten Passanten um die Litfaßsäule am Grünspitz sind kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit aufgeflogen und haben von der Polizei einen Platzverweis bis Ende 2020 erhalten. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass der Flaschensammler leere Flaschen sammelt, die offensichtlich organisierte Menschenschar an der Litfaßsäule aber nur beim Biertrinken beobachtet werden konnte.

37. Spieltag (A): Sonnenhof Großaspach – Mittwoch, 01.07.2020

Vor dem 37. Spieltag standen die Löwen auf dem 2. Tabellenplatz, punktgleich mit dem Drittplatzierten aus Ingoldorf. Der MSV Duisburg stand zu diesem Zeitpunkt bereits als Aufsteiger fest. Die Reise zu den bereits abgestiegenen Aspachern war für die Löwen reine Formsache. Die Anfahrt war überschaubar und das obligatorische Zeltlager fand auf dem weitläufigen Gelände des Sonnenhofes statt. Zum Zelten hatte diesmal Trainer Michael Köllner eingeladen. In Baden-Württemberg wurde der Hotel- und Gaststättenbetrieb bereits in der Vorwoche wieder eröffnet. Der Trainer wollte allerdings die Abläufe vor dem Spiel nicht mehr ändern, um den nahenden Aufstieg nicht zu gefährden. Recht sollte er behalten. Die Löwen fegten durch das leere Stadion, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt, als Fußball zu spielen. Dreimal Mölders, Karger und Willsch versüßten den zuhause gebliebenen Fans vor den Bildschirmen diesen Spieltag. Die Lothars dieser Republik wurden immer mehr. Es roch förmlich nach Aufstieg. Ingolstadt spielte zuhause nur Unentschieden gegen den 1. FC aus Magdeburg. Zur Krönung dieses Spieltages durften die Spieler vor Antritt der Heimreise duschen. Die Schlange wartender Spieler stand bis zum Mittelkreis. Allein Mölders wurde es zu bunt und setzte sich kurzerhand zusammen mit Ivonne und den Kindern ins Auto, um ungeduscht die Heimreise anzutreten.

Ivonne schrieb später in ihrem Facebook-Account, „das erste Mal in meinem Leben, dass ich gerne mit Atemschutzmaske Auto gefahren bin“

38. Spieltag (H): FC Ingolstadt – Samstag, 04.07.2020

Showdown auf Giesings Höhen. Die Polizei hatte Giesing aufgrund der vergangenen Vorkommnisse komplett dicht gemacht. Nicht einmal Anwohner durften zurück in ihre Häuser. Keine Fans, kein Passant durfte den Stadtteil betreten. Besonderer Augenmerk lag diesmal auf den Flaschensammlern. Auch sie mussten draußen bleiben. Lediglich Straßenarbeiter durften die Absperrungen passieren und sich im Stadtteil aufhalten. 

Dann war es eben so. Michael Köllner hatte seine Löwen gut auf das Spiel und die Begleitumstände eingestellt. Der Zweite gegen den Drittplatzierten. Den Löwen reichte ein Unentschieden. Die Schanzer mussten gewinnen. Tim Rieder konnte, wie auch schon in Aspach, leider nicht mehr dabei sein, da seine Leihe vom FC Augsburg am 30.06.2020 endete. Für die Löwen war das sicherlich ein Handycap. Am Ende setzten sie sich aber in einem dramatischen Saisonfinale gegen die Ingolstädter durch. Ein Spiel, das in die Geschichtsbücher eingehend wird. Nicht nur wegen der beiden Tore von Sascha Mölders. Nicht nur wegen der insgesamt 13 gelben Karten wegen unerlaubten Entfernens der Atemschutzmaske während des Spiels. Nicht nur wegen der 18 Roten Karten in der 90. Minute, als sich die Mannschaft und der komplette Betreuerstab nach dem 2:2-Ausgleich durch Mölders an der Eckfahne hemmungslos in den Armen gelegen ist. Nein, es war das Bild in Giesing nach Abpfiff, als Mannschaft und Betreuer (alle ungeduscht) aus dem leeren Stadion getreten sind und gemeinsam in Richtung Trainingsgelände gehen wollten. Es sollte ein bescheidener Triumph-Marsch durch leere Straßen und mit dem notwendigen Abstand werden.

Doch wo kamen plötzlich die vielen Straßen-Arbeiter her. Ganz Giesing war in Orange getaucht. Kein einziger Fan war zu sehen. Nur Arbeiter der AHD-Sitzberger GmbH. Überall diese Straßenarbeiter in Orange. Fast hätte man meinen können, die Holländische Nationalmannschaft wäre hier zu Besuch. Gespenstische Stille und ungläubige Blicke prägten die Szenerie. Bis Sascha Mölders mit Blick auf einen der Arbeiter laut aufschrie. „Das ist der Willi, der ist Maurer, kein Straßenkehrer“. Das schien das Zeichen zu sein. Der besagte Willi F. entledigte sich seiner orangenen Arbeiterkluft und zum Vorschein kam ein waschechter Sechzger-Fan. Alle anderen angeblichen Arbeiter darum herum taten es dem Willi gleich. Aus dem gerade noch alles übertünchenden Orange wurde binnen Sekunden ein Meer aus Weiß und Blau. Hans Sitzberger war der erste, der dem Trainer um den Hals fiel. An Abstand dachte nun niemand mehr. Raketen stiegen drunten vom Candid-Platz herauf und der Boden fing an zu beben. Die Ultras machten sich auf den Weg vom Candid den Giesinger Berg hinauf. Die Straßen waren jetzt voll mit Löwenfans. Von überall strömten sie aus den Häuserschluchten. Ein Wahnsinn. Sechzig ist aufgestiegen. Giesing leuchtet.

Was gibt es Schöneres als hier einzutauchen. Das letzte, an was ich mich erinnern kann, war die Stimme von Aaron Berzel, wie er in die Menge schrie: „Sechzig ist der geilste Club der Welt, wo sind meine Jungs, die mich in die 114 tragen?“

Aaron, ich hätte es sofort gemacht, wäre ich nicht vorher aus diesem wunderschönen Traum aufgewacht.

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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DaBrain1860
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DaBrain1860 (@dabrain1860)
5 Monate her

Wahnsinns Geschichte 😀👍👍
blau91 chapeau chapeau
So darf es gerne stattfinden!
Und die Noagalsaufa von der Litfaßsäule 😉 😆 einfach göttlich!!

Sechzig ist der geilste Club der Welt
Ohne Hasan

Bettina
Leser
Bettina (@bettina)
5 Monate her

Sensationell!!!!! You made my day! Hoffentlich bis bald wieder an der Litfaßsäule! AdL 💙⚽️🦁

jürgen
Leser
jürgen (@jr1860)
5 Monate her

Sowas von genial…
Kann ich vor lauter Tränen in den Augen nur ganz genüsslich und langsam lesen.

60 ist der geilste Club der Welt
#ohneHasan

Landshuter Löwe
Leser
Landshuter Löwe (@landshuter-loewe)
5 Monate her

„Lediglich um die Litfaßsäule am verwaisten Grünspitz standen die als Flaschensammler getarnten Alex K., Jürgen R., Andi K., Tanja T., Lothar W. und Melli S.-K. um einen halbvollen Kasten Augustiner herum.“

LOL, you made my day!

Alex Kuhn
Alex Kuhn (@alexbowie)
5 Monate her

Ich bin grad völlig sprachlos. Wohl das Geiste was ich je gelesen habe. Vor dir kann man mal echt nur den Hut ziehen und auf die Knie fallen. Sensationell 💙💙💙🦁

Loewen1860
Leser
Loewen1860 (@loewen1860)
5 Monate her

Vielen lieben Dank für diese wirklich tolle Geschichte. Ich hab sie gerade beim Frühstück meinen Kindern vorgelesen. Auch sie waren begeistert!
Wäre toll, wenns dann auch so läuft. Nur der letzte Spieltag wird wahrscheinlich anders laufen. In der 92. Min entscheidet Schiedsrichterin Bibiane S. mit einem Pfiff in ihre spucksichere Pfeiffe unberechtigt für einen Strafstoß, nachdem Aaron Berzel beim Abwehrversuch ins Stolpern kam und im Fallen versehentlich mit der flachen Hand auf ihre rechte Pobacke schlug…. Dies wertete sie als sexuellen Angriff. Beim Zücken der roten Karte soll sie ihm noch zugeflüstert haben :“später, Aaron, in der Kabine, aber mit Abstand!“ Auch Torwart Hiller erhielt bei dieser Aktion die rote Karte, da er wohl die Tat Berzels mit den Worten „dem weiten Rund konnte Aaron einfach nicht ausweichen“ lauthals kommentierte – was Bibi als Beleidigung auffasste! Da sich keiner freiwillig in den Kasten stellen wollte, entschied Köllner auf Mölders (er deckt mit seinem Körper wohl die meiste Fläche vom Tor ab). Vor dem 11er hörte man Gorenzel noch rufen, wenn Du den nicht hältst, verlängert sich dein Vertrag automatisch um weitere 2 Jahre – aber mit geringerem Gehalt! Und so kam es, wie es sein musste. Der Schanzer Schütze war wohl von der Masse seines Gegenübers so beeindruckt, dass er mit einem Vollspanschuss genau in die Mitte des Tores zielte und Sascha diesen Ball mit seiner Standhaftigkeit – aber zu seinem Leidwesen mit seinem Gemächt – abwehren konnte. Der Nachschuss hing meilenweit übers Tor.

Sascha, der nach dem Spiel noch lange behandelt werden musste, soll danach erwähnt haben – ok, 4 Kinder sind ja auch genug, aber 1 weiteres Jahr Fußball, das geht schon noch…. Und so gabs auch da ein Happy End!

Schönen 1. Mai!

Sechzig ist der geilste Club der Welt!

anteater
Gast
anteater (@guest_44350)
5 Monate her
Reply to  Loewen1860

😆