Am kommenden Sonntag findet das nächste Auswärtsspiel der Löwen im niedersächsischen Meppen statt. In der langen Geschichte des TSV 1860 München haben sich zwei Auswärtspartien derart in das kollektive Gedächtnis festgesetzt, dass bereits das Aussprechen des Ortsnamens bei vielen Löwenfans einen Schauer auslöst. Das eine Spiel, das auch heute noch im Rückblick große Emotionen auslöst, ist das verlorene Europacup-Finale der Pokalsieger vor 100.000 Zuschauer in Wembley im Jahr 1965 gegen West Ham United. Und das andere Spiel war das in Meppen.

Was sich am 11. Juni 1994 im Emsland ereignet hat, kann man nur mit Superlativen wie Sternstunde oder gar Fußballwunder umschreiben. Zu unvorstellbar erschien damals die Aussicht, was am Ende der Saison 1993/94 eintreten könnte, und was sich am letzten Spieltag in Meppen auf dramatische Weise zuspitzen sollte. 1860 München hatte es vor dem Anpfiff am letzten Spieltag in eigener Hand, Fußballgeschichte zu schreiben, weil noch nie zuvor eine Mannschaft aus dem Amateurbereich direkt in die Bundesliga durchmarschiert war.

Zu Beginn der Saison 1993/94 war der Gedanke an einen Durchmarsch in das Fußballoberhaus geradezu lachhaft. In erster Linie galt es, einen neuerlichen Abstieg in die Bayernliga zu vermeiden. Der 1. Spieltag ließ dann gleich das Schlimmste befürchten, als sich Sechzig nach einer krachenden Niederlage bei Hansa Rostock umgehend auf dem letzten Tabellenplatz wiederfand. Ein gewisser Olaf Bodden (3x) und Jens Dowe (1x) hatten den Löwen vier Gegentore im Ostseestadion eingeschenkt. Beide Spieler sollten später prägende Stützen in der Bundesliga bei 1860 München werden.

Aber im Gegensatz zur Abstiegssaison 1991/92 schüttelte das Team von Werner Lorant die 0:4-Auftaktniederlage ab und konnte in den nächsten Partien überzeugen. Nach drei Siegen in Folge standen die Löwen nach einem 2:1-Heimsieg an einem Freitagabend gegen Tennis Borussia Berlin zum ersten Mal auf einem Aufstiegsplatz, wenn auch nur für 24 Stunden. Die Boulevardpresse verglich nach diesem Spiel die ausgelassene Stimmung im Grünwalder Stadion mit dem Betzenberg und in Blickpunkt Sport witzelte Waldemar Hartmann, dass die Löwen, wenn sie nicht aufpassen, sogar aufsteigen könnten. Der Spruch von Waldi im BR war als witzige Bemerkung gedacht, weil niemand in den Löwen einen ernst zu nehmenden Aufstiegsaspiranten sah, aber der Ausspruch verwandelte sich in der Folgezeit für die Konkurrenz in einen real existierenden Alptraum. 1860 München setzte nun tatsächlich zum Durchmarsch an.

Garant für den Durchmarsch: Bernhard Winkler mit 16 Toren

In besonderer Erinnerung bleibt in dieser Erfolgsphase das Duell gegen den Tabellenersten aus Bochum am 10. Spieltag. Das Umfeld vibrierte vor freudiger Erwartung und in diesem Spitzenspiel sprang praktisch mit Anpfiff der Funke von der Mannschaft auf das Publikum im Grünwalder Stadion über. Insbesondere die Verpflichtungen von Bernhard Winkler und Peter Pacult erwiesen sich als wahre Glücksgriffe. Mit 34 Toren waren Pacult/Winkler das beste Sturmduo im bezahlten Fußball in Deutschland in dieser Saison. Im Spiel gegen den Tabellenführer aus Westfalen erzielte der Traumsturm gemeinsam 3 Tore. Das 4:1 gegen den VfL Bochum an diesem Tag gilt als eines der besten Spiele von 1860 München in seiner langen Vereinsgeschichte. Vor dem Anpfiff gegen Bochum waren erstmalig Stimmen laut geworden, die aufgrund der grenzenlosen Euphorie einen kurzfristigen Umzug in das größere Olympiastadion anregten. Eine Zuschauerzahl von Minimum 40.000 bis hin zu einem ausverkauften Olympiastadion schien im Bereich des Möglichen, aber ausgerechnet Präsident Karl-Heinz Wildmoser positionierte sich umgehend für das Grünwalder Stadion, weil er in diesem wichtigen Spiel nicht auf den Heimvorteil verzichten wollte.

Einbruch zur Winterpause

Garant für den Durchmarsch und Schütze des Goldenen Tores in Meppen: Peter Pacult

Staunend verfolgten Presse und Fans den Siegeszug des Aufsteigers in der Hinrunde durch die 2. Liga und nach dem 18. Spieltag betrug der Abstand auf einen Nichtaufstiegsplatz 6 Punkte. Damals wurden nur 2 und noch keine 3 Punkte für einen Sieg vergeben. Ausgerechnet der SV Meppen stoppte am letzten Spieltag dieser begeisternden Hinserie den Höhenflug. Kurz vor Abpfiff drängten die Löwen auf das 2:1 und vergaßen dabei die Defensive. Die Norddeutschen konnten in der letzten Minute erfolgreich kontern und beide Punkte aus dem Grünwalder Stadion entführen. Was als Betriebsunfall angesehen wurde, sollte sich jedoch zu Beginn der Rückrunde in eine handfeste Krise auswachsen. Das Heimspiel gegen den SV Meppen war der Auftakt zu einer Niederlagenserie und es folgten jahresübergreifend 5 Niederlagen am Stück. Werner Lorant wies darauf hin, dass bedingt durch zahlreiche Spielausfälle vor allem 1860 München im Gegensatz zur Konkurrenz eine fast hunderttägige Winterpause gehabt hatte, und diesen Rückstand in der Spielpraxis sah Lorant mitentscheidend für den Einbruch an. Sowohl der FC St. Pauli, als auch der 1. FC Saarbrücken, konnte in der Tabelle die Löwen überholen, erst am 25. Spieltag gelang mit einem Auswärtssieg bei Hannover 96 eine Stabilisierung. Mit diesem Erfolg kamen die Löwen zurück in die Spur und konnten im Aufstiegsrennen wieder eingreifen. Der VfL Bochum war leicht enteilt und zwischen 1860 München, dem FC St. Pauli und Bayer 05 Uerdingen entbrannte in der Folgezeit ein leidenschaftlicher Kampf um die restlichen Aufstiegsplätze mit fast wöchentlich wechselnden Tabellenkonstellationen.

Unerträgliche Spannung am letzten Spieltag

Vor dem letzten Heimspiel gegen den Chemnitzer FC war klar, dass sich das Ringen um den dritten Aufstiegsplatz zwischen 1860 München und dem FC St. Pauli entscheiden würde. Beide Fanlager hegten in den 90er Jahren eine intensive Fanfreundschaft. Die Gemeinsamkeiten beider Vereine, die angesichts eines übermächtigen Lokalrivalen in München bzw. Hamburg einen alternativen Gegenentwurf in ihren stimmungsvollen Stadien abgaben, waren offensichtlich. Auch wenn das Anderssein völlig unterschiedlich ausgelebt wurde, waren Respekt und Anerkennung zwischen Sechzig und dem FC St. Pauli sehr ausgeprägt. Nach der Führung für den Chemnitzer FC im letzten Heimspiel sah es so aus, als ob der Traum vom Durchmarsch platzen würde, aber Bernhard Trares erzielte noch vor dem Halbzeitpfiff den wichtigen Ausgleich. In der 2. Halbzeit erzielte Bernhard Winkler binnen einer Minute zwei Tore und so kam es am letzten Spieltag in Meppen zum Aufstiegsshowdown zwischen den Löwen und dem FC St. Pauli. Beide Konkurrenten waren punktgleich, aber die bessere Tordifferenz sprach für die Löwen.

Fanschal FC St. Pauli – 1860 München

Im Jahr 1977 waren schätzungsweise 30.000 Löwenfans nach Frankfurt gefahren, um den Aufstieg gegen Arminia Bielefeld im entscheidenden dritten Relegationsspiel vor Ort miterleben zu können. An diesem 11. Juni 1994 hätten ebenfalls 30.000 Eintrittskarten an Löwenfans verkauft werden können, aber das Emslandstadion fasste lediglich 16.000 Zuschauer. Die Anspannung vor dem Anpfiff war so groß, dass im Löwenlager keiner auf den Sitzen saß, und in der 3. Minute nahm das Fußballwunder dann bereits seinen Lauf. Peter Pacult stand urplötzlich vor dem Meppener Torwart und erzielte mit dem ersten nennenswerten Angriff die Auswärtsführung. Es sollte das Tor für die Ewigkeit sein. Die Begeisterung war zu einem sehr frühen Zeitpunkt am Siedepunkt angekommen, aber es wurde noch besser. In der 15. Minute wurde im Radio die Führung für den VfL Wolfsburg gegen St. Pauli vermeldet. Der nicht für möglich gehaltene Durchmarsch war nun zum Greifen nahe. Als in Meppen bereits Halbzeit war, kam die nächste frohe Botschaft aus Wolfsburg. Kurz vor dem Pausenpfiff das 2:0 für Wolfsburg. Nach Wiederanpfiff gar das 3:0. Die mitgereisten Fans erlebten die zweite Halbzeit in Meppen wie in Trance. Es war tatsächlich geschafft. 1860 München hätte eigentlich höher als 1:0 gewinnen können, aber das war egal. Nach dem Schlusspfiff strömten die Fans auf das Grün. Bärtige Männer, die wie Wikinger aussahen, knieten auf dem Rasen und weinten vor Glück. Andere Fans schnitten Fetzen aus dem Rasen, wieder andere zerlegten das Tor, in welches Peter Pacult das historische Tor erzielt hatte. Ein Fan hielt ein selbstgemachtes Transparent in die Fernsehkameras, welches an den bekannten Anti-AIDS-Slogan aus den 90er Jahren erinnerte: „Gib BAYERN keine Chance“. Dieser eine Tag in Meppen wird für immer einen Ehrenplatz in der Vereinshistorie einnehmen. Der Tag, an dem den Löwen der Durchmarsch in die Bundesliga geglückt war.

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)

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United Sixties
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Unvergessliche Löwenmomente und noch heute hat das Rasenstück aus Meppen seinen Ehrenplatz im Garten. Am Sonntag hoffentlich auch ohne mich wieder ein 1:0 Auswärtssieg!

jürgen (jr1860)
Leser

War auch bei dem unvergesslichen Spiel
Ein paar „Erinnerungsfetzen“:
HBF Nürnberg (sind da wohl mal wieder abgestiegen) geile Stimmung gemacht.
Dann das geniale Spiel… Ein Stück Tornetz hab ich immer als glücksbringer in der Kutte
Das Weinfest in Meppen, im Umzug mitgelaufen
Danach Polizeihund gestreichelt in Köln
Beim Donisl waren in der früh um 7 die Weisswürst ausverkauft…
Dann Party am Marienplatz
Einfach unvergesslich

Jay1860
Leser

Ich war damals im Bundeswehrkrankenhaus Ulm aufgrund einer Bandscheibenwölbung.
Habe mich auf “ eigene Gefahr “ entlassen lassen, nach Hause zum Umziehen und dann in den Zug gen Meppen gestiegen.
Auf dem Marktplatz in Meppen war derzeit ein Weinfest bei dem wir herzlich aufgenommen wurden.
Zurück brauchte ich geschlagene drei Tage da wir in Frankfurt noch a bisserl weiter gefeiert haben.
Dieser Trip war das bisher geilste, was ich bisher sportlich mit den Löwen erleben durfte uns werde ich niemals mehr vergessen.