Der TSV 1860 München trifft am 29. Juli 2022 im DFB-Pokal auf Borussia Dortmund. Peter Loder hat mit Inge Konietzka gesprochen, der Gattin des einstigen Torjägers Timo Konietzka. Für sie ist es ein ganz besonderes Spiel. Ihr verstorbener Gatte spielte für Dortmund und für die Löwen.

Max Merkels Plan: die Spionin, die aus dem Westen kam

Wäre sie auf den Geheimplan von Max Merkel eingegangen, hätte Inge Konietzka Münchner Fußballgeschichte geschrieben. Der Trainer mit der Peitsche hatte die Gattin des 1965 gerade von Borussia Dortmund zum TSV 1860 gewechselten Torjägers Timo Konietzka zur „Spionin, die aus dem Westen kam“ auserkoren und dem Paar eine Wohnung mit Balkon an der Säbener Straße vermittelt. Von dort aus sollte sie Trainingsgeheimnisse des unmittelbar benachbarten FC Bayern auskundschaften – damals noch ein direkter Konkurrent der Löwen.

Eine etwas blauäugige Hoffnung. Denn Spielerfrau Inge bevorzugte eher gepflegte Kontakte zum Erzrivalen. Kaiser Franz höchstselbst hat in der Wohnung die Bilder aufgehängt (und auch den Nagel für einen Löwen-Wimpel in die Wand geklopft), während Gerd Müller die neue Küche montierte. An diese und andere kuriosen Episoden aus den Anfangszeiten der Bundesliga erinnert sich Inge Konietzka noch lebhaft. Jetzt fiebert sie dem Pokalkracher der Löwen gegen Dortmund entgegen.

Franz Beckenbauer hat den Löwen-Wimpel an die Wand in der ersten Münchner Wohnung von Inge und Timo Konietzka genagelt. (c) Inge Konietzka

Inge Konietzka lebt heute in einer schmucken Eigentumswohnung im Herzen von Fürstenfeldbruck. BVB, TSV 1860, Liverpool („Wegen Klopp und seiner Dortmunder Vergangenheit) – in dieser Reihenfolge nennt sie ihre Lieblingsvereine, deren Spiele sie stets live am Fernseher verfolgt und deshalb auch ein Pay-TV-Abo hat.

Gattin eines Dortmund-Stürmers: Die Meisterschale in der Hand

In den 1960er-Jahren gehörte Inge Konietzka zu den damals wenigen Frauen, die etwas mit dem Wort „Abseits“ anfangen konnten. Am Ende der ersten Bundesliga-Saison 1963 hielt sie als wahrscheinlich erstes weibliches Wesen in Deutschland die Meisterschale in Händen. Die Arena war Dortmunds Rote-Erde-Kampfbahn an der Strobelallee. Mit Timo (der eigentlich Friedhelm hieß, seinen Spitznamen aber wegen der Ähnlichkeit zum damaligen Sowjet-General Timoschenko verpasst bekam und ihn später in der Schweiz offiziell eintragen ließ) war Inge Konietzka gerade ein Jahr verheiratet, als ihr Gatte zur Legende wurde:  Am 24. August 1963 erzielte der Borussia-Stürmer gegen Werder Bremen wenige Sekunden nach dem Anstoß das erste Tor der gerade neu gegründeten Bundesliga. Davon gibt es aber keine Bilder. Weder TV-Kameras noch Fotografen hatten es dokumentiert.

Löwen-Braut Inge Konietzka

Zwei Jahre später saß Inge wieder auf der Tribüne, als „die Liebe meines Lebens“ das Kunststück wiederholte. Diesmal im Grünwalder Stadion. Timo war mittlerweile beim TSV 1860 und traf unmittelbar nach dem Anstoß just gegen den gerade aufgestiegenen FC Bayern. Ein paar Monate später durfte sich die Gattin erneut mit der Meisterschale ablichten lassen – diesmal als Löwen-Braut.

Die deutsche Meisterschale in Händen der Spielerfrauen Inge Konietzka (r.) und Magda Perusic (+) mit dem 2015 in Germering verstorbenen Löwen-Verteidiger Manfred Wagner. (c) Inge Konietzka

Inge in München

Zu diesem Zeitpunkt fühlte sich die mitten in Dortmund geborene und dort aufgewachsene Inge Konietzka schon als echtes Münchner Kindl und war stolze Mutter. Sohn Oliver wurde geboren, als der Vater noch für Borussia kickte. Den Geburtstermin hatte er wegen Europacup-Verpflichtungen verpasst und kam acht Tage zu spät in die Klinik. Sehr zum Missfallen der jungen Mama im Wochenbett, denn der frischgebackene Papa hatte nicht nur ein paar Mini-Fußballschuhe für den Spross im Gepäck, sondern auch einen Fotoreporter im Schlepptau.

Der Alltag war trotz der Popularität ihres Mannes und dessen Mannschaft mit nationalen Größen wie Horst Tilkowski und Lothar Emmerich ein „ganz normaler“. Auf der Straße und beim Einkaufen wurde sie zwar erkannt, aber die Leute hielten Distanz. „Das dürfte heute anders sein. Ich möchte niemals eine Frau Lewandowski sein.“

Zur Geburt von Sohn Oliver kam Timo Konietzka acht Tage zu spät, brachte Mini-Fußballschuhe und einen Fotoreporter mit. (c) Inge Konietzka

Die schönste Zeit meines Lebens

Glücklichere Jahre und „die schönste Zeit meines Lebens“ verbrachte Inge Konietzka in München bei den Löwen. Die heute in Belgrad lebende Torwart-Legende Petar „Radi“ Radenkovic und sein erst vor wenigen Wochen verstorbener Stellvertreter Wolfgang Fahrian waren die besten Freunde und Ratgeber der jungen Familie. Gemeinsam mit Zeljiko Perusic (+2017) ging’s in den Urlaub nach Kroatien und mit Peter Grosser (+2021) „konnte ich am besten tanzen“, erinnert sich die Spielerfrau. Auf Giesings Höhen feuerte der gerade 18 Monate alt gewordene Sohn Oliver den Papa mit „Sechzig, Sechzig“-Rufen an und schwenke dazu die Fahne – zum Entsetzen der Fans allerdings die falsche, weil er von Bayern-Gaudibursch‘ Sepp Maier eine rote Bayern-Standarte geschenkt bekommen hatte.

Löwen-Meister samt Spielerfrauen (Timo Konietzka hinten 5.v.r., Inge Konietzka Mitte 5.v.l.). (c) Inge Konietzka

Trainerpeitsche des Max Merkel

Nur mit der Trainerpeitsche des gefürchteten Max Merkel kamen Herr und vor allem Frau Konietzka so gar nicht zurecht. Als ihr Mann wegen einer Tätlichkeit gegen einen Schiedsrichter für ein halbes Jahr gesperrt wurde, hat der grantelnde Löwen-Bändiger dafür gesorgt, dass der neunfache deutsche Nationalspieler nur das Grundgehalt in Höhe von 1300 D-Mark brutto überwiesen bekam. Neben den Fußballgeld lebte die junge Familie damals von den Einkünften eines Zeitungs- und Zigarettenladens an der Amalienstraße, der ihnen vom damaligen 1860-Präsident Adalbert Wetzel vermittelt wurde. Inge Konietzka: „Jeden Tag stand ich da drin mit dem Kind unterm Arm und dem Laufstall im Eck.“ Dass es in dieser Zeit finanziell über die Runden ging, sei „dem Sportartikelhersteller mit den drei Streifen aus Herzogenaurach“ zu verdanken gewesen, der ohne Wissen des Vereins „immer was gemacht hat“. Das Tischtuch mit Merkel war aber zerschnitten, zumal er nach Timos Wechsel in die Schweiz die Konietzka-Wohnung bezog und „uns keinen Pfennig Ablöse fürs zurückgelassene Inventar zahlte“. Inge Konietzka glaubt noch heute: „Ohne Merkel wären wir bei 1860 alt geworden. Dort habe ich mich aufgehoben gefühlt.“

Nach Winterthur und dann zurück nach München

So aber zog es den Stürmer samt Frau und Kind zum FC Winterthur, ehe er später als Trainer den FC Zürich zum Schweizer Meister machte. Da verdiente Timo das richtig große Geld, lernte aber auch eine jüngere Frau kennen. Inge Konietzka kehrte heim nach München („In der Schweiz war es schlimm, ich wäre sogar zu Fuß über die Alpen gegangen“), arbeitete bei einer Kleiderfabrik und war als Chefsekretärin fürs Fernostgeschäft verantwortlich. Geheiratet hat sie nicht mehr, während Timo Konietzka Schweizer Staatsbürger wurde und noch zweimal in den Stand der Ehe trat. Unheilbar erkrankt, setzte er am 12. März 2012 mit Hilfe der Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit seinem Leben ein Ende.

Zu dieser Zeit waren die Kontakte von Inge Konietzka zu den Löwen längst abgekühlt, den heißen Draht zu bekannten Bayern-Größen pflegte sie aber weiterhin. Franz Beckenbauer hat sie Jahre später bei einer Beerdigung in den Arm genommen und sich noch haargenau daran erinnert, wie er damals den Löwen-Wimpel an die Wand genagelt hat, als  ein gewisser Gerd Müller die Wohnung betrat. Der „Bomber der Nation“ hatte nach seinem Wechsel vom TSV Nördlingen zum FC Bayern zunächst als Halbtagskraft bei einem Möbelhändler gearbeitet und die Küche angeliefert. Ein Ober-Bayer war es auch, dem Inge Konietzka das (vorerst) letzte Live-Vorort-Erlebnis in einer Bundesliga-Arena zu verdanken hat: Uli Hoeness hatte sie eingeladen, als die Roten noch im Olympiastadion kickten.

Nun kommen „ihre“ Dortmunder zu „ihren“ Löwen in „ihr“ Grünwalder.

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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