Mit dem Leistungssport ist das so eine Sache. Er beginnt und endet nicht am Trainingsplatz. Er ist ein ständiger Begleiter. Das muss man wollen. Auch im Fußball. Wir beschäftigen uns heute mit dem Leistungsfußball, Social Media und den Hippocampus.

Ein Hürdenläufer auf Teneriffa

Einer der besten Hürdenläufer der Welt trainiert auf Teneriffa. Vom Trainingspensum könnte so mancher Fußballer sich bereits eine Scheibe abschneiden. Aber das ist ein anderer Punkt. Was den Individualsportler auszeichnet, ist sein Umgang mit der Technik. Er hat einen MP3-Player mit dem er während dem Training Musik hört. Warum einen MP3-Player? Heutzutage kann man mit jedem Smartphone Musik hören. Der Markt für reine MP3-Player wurde in den letzten Jahren deshalb immer kleiner. Aber für ihn, unseren Hürdenläufer, ist dieser MP3-Player wichtig. Eben weil er abgekoppelt vom Smartphone ist. “Ich würde sonst ständig Instagram, Email oder Whatsapp checken”, verrät er. “Deshalb nutze ich dieses Gerät, das eben nur Musik abspielt.” Manchmal allerdings hört er nicht einmal Musik. Sitzt einfach nur da. Er weiß, dass Musik beim Sport so eine Sache ist. Den einen hilft es, die anderen brauchen einfach nur Ruhe. Klar ist aber, dass im Leistungssport der Focus rein auf dem Sport liegen muss. Auch in den Erholungsphasen zwischen verschiedenen Einheiten. Wenn Musik hilft in diesem Focus zu bleiben ist es gut, wenn nicht dann nicht.

Der Sympathikus und sein Focus auf die Leistung

Der Sympathikus ist Teil des unwillkürlichen Nervensystems. Er sorgt für Leistungssteigerung. Dabei hemmt er Vorgänge, die für eine sofortige Aktivität nicht zwingend notwendig ist. So zum Beispiel die Verdauung. Oder auch der Sexualtrieb. “Auf der Flucht”, so sagt man, “sollte auch die schönst Frau nicht ablenken”. Doch so einfach ist das heutzutage nicht mehr. Weil wir alle Smartphones haben, die ständig unsere Reize überfluten. Eigentlich will dein Körper das gar nicht. Der Hürdenläufer von Teneriffa ist deshalb der Meinung: “Im Trainingslager habe ich mein Handy noch beim Frühstück. Danach lasse ich es im Hotelzimmer.” Und zwar für viele Stunden. Um 8 Uhr bereitet er sich bereits geistig auf das Training vor. Um 9 Uhr ist er auf dem Platz.” Sein Handy sieht er erst wieder am Abend. Warum? Weil er auch beim Mittagessen seinen Focus nicht verlieren will. Es ist kein Problem sich mit anderen zu unterhalten. Doch den intensiven, teils unnötigen Informationsstrom von Social Media und Co lässt er nicht zu. Um seinen Hippocampus im Gehirn nicht mit unnötigen Details zu überlasten und dem Sympathikus die Konzentration auf die wirklich wichtigen Körperfunktionen während des Sports zu fokussieren.

Zehn Minuten Licht aus?

Michael Köllner ordnet vor Trainingseinheiten an, dass das Licht für zehn Minuten ausgeht. Die Spieler sollen in sich gehen. Handynutzung ist nicht erlaubt. Das ist durchaus eine sinnvolle Grundidee. Doch im Endeffekt ein Tropfen auf den heißen Stein. Leistungssport ist deshalb so anstrengend, weil er eben nicht nur aus der einen Trainingseinheit besteht. Der Hürdenläufer von Teneriffa führt während des Frühstücks kleine Smalltalks und auch bei der Fahrt zum Stadion spricht er mit anderen. Das lenkt ab, überlastet das Gehirn aber nicht unnötig. Manchmal sieht man ihn allerdings vor allem still dasitzen. Bereits im vollen Focus auf das Training. Was ist heute geplant? Was ist die Zielsetzung des heutigen Trainings? Geht es mir muskulär gut? Welche Defizite will ich heute angehen? Wo setze ich Schwerpunkte? Und eben nicht: was schreiben eigentlich die Fans aktuell über meine Leistung? Was hat die Presse wieder ausgegraben? Wer folgt mir auf Instagram, wer hat was kommentiert und was like ich von Sportkollegen?

Jesper Verlaat und zurück daheim “ein bisschen überfordert”

Jesper Verlaat war in Vietnam. Machte dort eine Reise und verzichtete auf Komfort. Und aufs Handy. Für ein paar Tage ein Aussteiger sein. “Ich hatte kein Internet, hab mir auch keinen Handyvertrag geholt – das war sehr beruhigend, als hätte ich mich von der Welt abgemeldet. Als ich zurück zu Hause war, kam ich mir ein bisschen überfordert vor”, erklärt er der tz München. Das ist durchaus aufschlussreich. Und leider verdeutlicht es die Volkskrankheit Nummer 1. Genau dieses “Abmelden von der Welt” müsste ein Leistungssportler jeden Tag vornehmen. Für einige Stunden. Er war überfordert als er wieder zurück zu Hause war, so Verlaat. Das klingt so dahingesagt, ist aber das wesentliche Problem. Die Löwen haben eine Generation an Spielern die medial zu gebombt werden. Gerade beim TSV 1860 geschieht jede Minute in Social Media so viel. Das ist eine ständige Reizüberflutung. Wer erfolgreich ein will, muss sich aus dieser Welt ausklinken. Jeden Trainings- und Spieltag. Es gibt übrigens immer mehr sehr junge Menschen, die für eine Weile der Welt entfliehen wollen oder gar müssen. Das ist eine katastrophale gesellschaftliche Entwicklung.

Der Hippocampus soll Informationen aus dem Training verarbeiten

In Deutschland gibt es wenig Artikel über Social Media und den Hippocampus. Doch wissenschaftlich wird das durchaus sehr kontrovers betrachtet. Der ständige Informationsfluss muss verarbeitet werden. Das versetzt das Gehirn in einen ständigen Multitasking-Zustand, was wiederum die Konzentrationsfähigkeit behindert und die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt. Man wird mit Informationen überflutet, die man selbst nicht erlebt. Der Informationsfluss der sozialen Medien beeinflusst damit auch unser transaktives Gedächtnis. Das kann dazu führen, das wirklich erlebte Erfahrungen verdrängt werden. Also zum Beispiel auch eine Trainingseinheit. Ein weiterer Punkt ist, dass das Fehlen von Likes und Kommentaren oder auch negative Berichte uns deprimieren können, weil das Gehirn nicht genügend Dopamin bekommt. Dabei wäre der Körper durchaus in der Lage sehr viel Dopamin alleine durch den Sport zu ziehen. Wer jedoch gedanklich in Instagram hängt, verhindert diese Dopamin-Quelle.

Leistungssport und die Nutzung moderner Medien wird in jedem Fall in den nächsten Jahren ein wichtiges Thema weltweit sein. Die jüngeren Generationen stehen vor großen Herausforderungen, wenn sie körperlich und geistig Leistung erbringen wollen. Ein körperlicher und geistiger Wachstum im Sport ist nur mit reellen Reizen möglich. Virtuelle Reize sollten zudem diese Reize nicht überlagern.

Titelbild:
diego_cervo
via Stockfotos, Fotos, Vektoren, Illustrationen und Videos | Enterprise | Depositphotos

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
1 Kommentar
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments

Chacho1860

Respekt, klasse Artikel und so wahr!