Löwenfans sind leid geprüft, was Finanzen angeht. Vom Verkauf der KGaA bis zu „we go to the top“ und schließlich weiter zum Konsolidierungskurs mit nachhaltigem Finanzpaket. Türkgücü zeigt sich hingegen „kreativ“ – und will an die Börse.

Im Gespräch mit Reinhard Friedl

Um als Investor im Fußball möglichst viel „Geld zu verbrennen“ muss man entweder einen demütigen, alles abnickenden Präsidenten haben, oder aber man ist Investor und Präsident in Personalunion. So wie Hasan Kirvran bei Türkgücü. Das ist trotz 50+1 möglich. Weil die Mitglieder ihn auf demokratischem Weg zum Präsidenten wählen konnten. Sie haben ihn gewählt und können ihn theoretisch auch abwählen. Türkgücü möchte nun seinen Fans Aktien verkaufen. Und anschließend an die Börse. Innerhalb von 7 Wochen sollen 8 Millionen Euro zusammenkommen.

Hasan Kivran – Rückzug vom Rückzug

imago images/Passion2Press

Eigentlich wollte Hasan Kivran sich bei Türkgücü zurückziehen. Zum Jahresende 2020. Die Entscheidung hatte er revidiert. Grund waren zum einen seine „Verantwortlichen in der GmbH“, die „hohe Fan-Unterstützung in den zurückliegenden zwei Wochen“ nach seiner Rücktritts-Verkündung sowie „die Aussicht auf ein Nachwuchsleistungszentrum im Südosten von München“. Der letzte Punkt ist durchaus interessant. Denn im März 2021 widerspricht die Stadt München möglichen Plänen für ein NLZ. „Die von Rot-Grün per Stadtratsantrag geforderte Unterstützung von Türkgücü bei der Suche nach einem NLZ-Standort durch die Stadt sei einfach eine nette Geste“, schrieb der Münchner Merkur am 24.03.2021. Türkgücü soll die Idee gehabt haben, auf der Bezirkssportanlage „Heinrich-Wieland-Straße“ sein NLZ zu bauen. In der Präsentation für den Börsengang schreibt Türkgücü übrigens fälschlicherweise von einer Betriebssportanlage.

Momentan stellt sich die Lage also wie folgt dar: Türkgücü hat keine Immobilien, kein eigenes Stadion, kein Nachwuchsleistungszentrum und auch keine sonstigen Gebäude. Weder als e.V. noch als GmbH & Co. KGaA.

Laut Sphene Capital: Türkgücü ist 30 Millionen Euro Wert

Die Geschäftsführung von Türkgücü hat ein Taufkirchner Unternehmen beauftragt, den Drittligisten zu bewerten. Der Unternehmenswert von Türkgücü beläuft sich laut Sphene Capital auf 30,4 Millionen Euro. Damit lässt sich natürlich gut hausieren. Doch wie kommt diese enorme Summe zustande? Aus was besteht Türkgücü, wenn es keine eigene Infrastruktur gibt? Reinhard Friedl, der als Finanzexperte dem Löwenmagazin immer wieder Fragen beantwortet, hierzu: „Transfermarkt.de bewertet den Kader mit 6,2 Mio €. Allerdings finden die meisten Spielerwechsel in der 3. Liga ohne Ablösesummen statt. Die Bilanz zum 30.6.2020 (Aufstiegssaison aus der Regional Liga in die 3. Liga) weist einen Verlust in Höhe von 1.947.748,05 € auf. Dieser Verlust hat das bisherige Eigenkapital in Höhe von 500 T€ und die Kapitalrücklage in Höhe von 1,8 Mio zum größten Teil bereits aufgezehrt. Die Umsatzerlöse in der Aufstiegssaison 19/20 beliefen sich gerade einmal auf 238 T€. In der ersten Drittliga-Saison 2020/21 sollen die Bruttoeinnahmen 1,8 Mio € betragen haben. Erlöse aus dem Spielbetrieb sind dabei so gut wie keine vorhanden gewesen. Die Mediale Verwertung über den DFB brachte 800 T€ ein und die Werbeeinnahmen werden mit 700 T€ beziffert. In der ersten Drittliga-Saison 2020/2021 wurde für den Kader noch einmal richtig Geld vom Präsidenten in den Kader gesteckt und die Personalkosten dürften exorbitant gestiegen sein. Wenn die Bilanzzahlen zu dieser Saison veröffentlicht werden, dürfte ein riesen Verlust nicht überraschen und ein negatives Eigenkapital wird diese Bilanz beherrschen.“

Wert basiert auf der Annahme, dass Türkgücü übernächste Saison aufsteigt

Deshalb noch einmal die Frage. Wieso ist Türkgücü dann 30,4 Millionen Euro wert? Dabei lohnt sich ein Blick in die Unternehmensbewertung Türkgücü München. Die Zahlen beruhen auf Hochrechnungen und haben mit der aktuellen Situation nur bedingt etwas zu tun. Dabei geht man davon aus, dass Türkgücü in jedem Fall 2023/24 in die 2. Bundesliga aufsteigt. „So konnten schnell für die Saison 2024/25 Einnahmen von 17,2 Mio € und für die Saison 2025/26 19,9 Mio € in die Hochrechnungen einfließen. Aus dieser Gemengelage, mit einer Vielzahl von willkürlich angenommenen Finanzkennzahlen, da es ja keine vergleichbare Finanzhistorie bei Türkgücü gibt, wurde nun ein Firmenwert von 30,4Mio € errechnet“, erklärt uns Reinhard Friedl. Die Berechnungen von Sphere Capital basieren dabei wohl nicht nur auf eigenen Prognosen, sondern auch auf Vergleichen mit anderen börsennotierten Fußballunternehmen. Und zwar anhand von 23 börsennotierten Fußballunternehmen in Europa. Darunter A.S. Roma, Fenerbahçe Futbol, Manchester United oder Celtic. Allerdings immer basierend darauf, dass Türkgücü übernächste Saison aufsteigt.

Man ködert die Fans

Dass ein Aufstieg nicht automatisch zu wirklich vielen Mehreinnahmen führt, das wird unter Fans des TSV 1860 München immer wieder diskutiert. Richtig ist, dass es natürlich deutlich mehr Geld gibt im Hinblick auf die Fernsehgelder. Aber auch die Kosten sind höher. Und Türkgücü hat dann immer noch keine Infrastruktur.

So oder so – damit kam man bei der Bewertung auf einen Unternehmenswert von über 30 Millionen Euro. Und damit wirbt man nun. Reinhard Friedl: „Auf der nicht haltbaren Gesamtbewertung kam man für eine Aktie auf einen Wert von 15,02 €. Damit eine Platzierung ein Erfolg werden könnte, ködert man nun ahnungslose Zeichner mit einem 20% Rabatt auf diesen willkürlichen Preis. Mit 12,00 € kann nun eine Aktie erworben werden. Man plant nach dieser Zeichnungsfrist die Aktie in den Freiverkehr der Münchner Börse aufnehmen zu lassen. Allerdings ist für diesen Schritt ein Börsenzulassungsprospekt zu erstellen. Für dieses Prospekt muss Türkgücü dann die Hosen herunter lassen und nicht mit willkürlichen Zahlen agieren. Bis dahin dürften die Bilanzzahlen der letzten Saison den tatsächlichen Wert besser aufzeigen.“

(c) imago images/Fotostand/Wagner

Momentan hat Türkgücü nicht einmal einen Hauptsponsor. Auf dem Trikot steht stattdessen eigene Werbung: „Überall Familie“. Man gehe davon aus, dass es zeitnah zu einem Vertragsabschluss mit einem neuen Partner kommen wird, heißt es in den Unterlagen für die neue Aktie. Das es aktuell nur 650 Vereinsmitglieder gibt, begründet man mit dem raschen Aufstieg des Vereins und der noch geringen aktuellen TV-Präsenz. „Überdies rechnen wir damit, dass sich die Vereinsmitglieder nicht nur aus dem Großraum München rekrutieren werden, sondern deutschlandweit“, schreibt Sphere Capital. Außerdem rechnet man mit deutlich mehr Fanclubs in naher Zukunft. Vor allem mit zunehmender Berichterstattung und der Wiederzulassung von Fans im Stadion. Aktuell gibt es vier Fanclubs. Da die Zuschauerzahlen aufgrund von Coronamaßnahmen nicht verlässlich seien, beruft man sich auf „alternative Performance-Indikatoren“ aus dem Social Media-Bereich. „Mit 40.800 Followern und 345.000 Likes ist Türkgücü München einer der populärsten Drittligisten auf der Social-Media-Plattform TikTok.“

„Der Geldgeber wollte im Dezember letzten Jahres schon aussteigen. Nachdem die Auflösung drohte, hat er seine Ankündigung vom Ausstieg wieder zurückgezogen. Es konnten keine großen Geldgeber gefunden werden, die bereit waren, ihr gutes Geld verbrennen zu lassen“, meint Reinhard Friedl. Geld soll nun von den Fans kommen.

„Der Erwerb dieses Produktes ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen“, ist die wohl wichtigste Aussage in den Dokumenten rund um die neue Türkgücü-Aktie. Ihr begegnet man in den Unterlagen mehrmals.

Titelbild: imago images/Oryk HAIST

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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coeurdelion
coeurdelion (@guest_58603)
Gast
1 Monat her

sauber vorbereitet das Ganze, alles auf Hochglanz…da kann praktisch nix mehr schiefgehen !! kann allen Fans ,die da einsteigen, nur herzlich gratulieren und empfehlen, sich gleich ne Magnumflasche Schampus zu gönnen😂

Francis Underwood
Francis Underwood (@francis-underwood)
Leser
1 Monat her

Schade dass Jan Marsalek gerade, wie sag ichs am besten…, ähm, „verhindert“ ist… er hätte Hr. Kivran hier sicher gut beraten können.. aber ich bin mir relativ sicher, dass Hr. Kivran von fachlich absoluten Topberatern begleitet wird.

Wie sagte auch schon unser damaliger Präsi Mayerhofer (damals jedoch moralisch ziemlich deplatziert!): „Manche Dinge erledigen sich von selbst…“

BruckLoewe
BruckLoewe (@bruckloewe)
Leser
1 Monat her

„Da die Zuschauerzahlen aufgrund von Coronamaßnahmen nicht verlässlich seien, beruft man sich auf „alternative Performance-Indikatoren“ aus dem Social Media-Bereich. „Mit 40.800 Followern und 345.000 Likes ist Türkgücü München einer der populärsten Drittligisten auf der Social-Media-Plattform TikTok.“

Beim Lesen dieses Abschnittes hätt ich mich fast vor Lachen verschluckt!!!

Diese Hohlfrittenplattform Tiktok is also das nonplusultra im Socialmediabereich?
Na,dann erspar ich mir das weiterhin

nofan
nofan (@nofan)
Leser
1 Monat her

Auf jeden Fall dürfte für den/die Gesellschafter es bisher ein teurer Unterfangen gewesen zu sein, TG zu positionieren. Alleine die letzten beiden Spielzeiten haben Verluste von 6,2 Mio. € verursacht.

Gerne wird kolpotiert, wieviel Geld TG für den Spielerkader ausgibt. Die aktuelle Saison soll lediglich einen Personalaufwand von 3,7 Mio. € verursachen inkl. Verwaltung. Hinter diesen Wert muss sich 1860 aber nicht verstecken. Nur für die Aufstiegssaison 2022/23 soll bei TG richtig Geklotzt werden und 7,0 Mio. € bereit gestellt werden.

Auch beim Marktwert des Kaders ist 1860 gut aufgestellt und liegt auf Platz 4 mit 6,45 Mio. € vor TG mit 6,2 Mio. €. Wohl richtig teuer eingekauft haben Wehen und der FCK, denen Kader Marktwerte von 7,1 bzw. 6,88 Mio. € ergeben soll.

HHeinz
HHeinz (@hheinz)
Leser
1 Monat her

Meiner Meinung nach will man damit nicht an das Geld der Fans denn der Club hat gar keine Fans.

Selbst wenn man 1.000 „Fans“ findet die für 960 Euro Anteile zeichnen (Zahlen fiktiv) kommt man damit nicht einmal auf 1 Mio. Euro und so ein Börsengedöns ist ja auch nicht ganz billig.

Entweder Herr Kivran möchte/kann nicht mehr investieren und man sucht nach einem Notnagel oder man versucht so windige Investoren anzulocken. Davon laufen ja auf der Welt durchaus ein paar rum.

Was ich an Türk Gücü durchaus interessant finde ist die absolute Konzentration auf das Wesentliche. Was braucht man um möglichst schnell in die 2. Liga zu kommen. Deutlich weniger als so manch anderer Verein (und vielleicht auch Verband) meint.

Marcel Prohaska
Marcel Prohaska (@guest_58578)
Gast
1 Monat her

Schon der Erfolg bei Unterhaching war überschaubar und die sind ein gewachsener Verein mit den entsprechenden Strukturen, Jugendmannschaften und einer soliden Fan-Basis.
Aber in der zweiten Liga ist es ja auch ganz einfach sich einen entsprechenden Kader zusammen zu kaufen :-).
Dortmund startete übrigens mit 11 € und liegt aktuell bei gut 6 €.
Da trösten die 0,55 € Dividenden die insgesamt in den letzten Jahren ausgeschüttet würden auch nicht weiter.