Sommerfest der „Blutgruppe 1860“ im Bootshaus der Wassersportabteilung des TSV 1860 München, ganz in der Nähe der Floßlände, und da saß schon wieder ein „IBAS“ neben mir. Ein wahres Prachtexemplar. Eine weiß-blaue Sprachinsel war schnell gefunden und der graumelierte Herr im nagelneuen Heimtrikot der Münchner Löwen gab seine Löwen-Geschichte zum Besten. Als er von seinen Profifußball-Ambitionen erzählte, musste ich unweigerlich an unsere U17 denken, die derzeit eine richtig gute Rolle in der Bundesliga ihrer Altersklasse spielen. Junge motivierte Burschen, die den Traum vom Profifußball leben. Genau diesen Traum lebte auch Jakob Rühl. Es war die Zeit, als im Fußball die Rückennummern noch zwingend zur Position auf dem Spielfeld passen mussten. Aber es war der gleiche Traum, als der junge Jakob Rühl aus dem Bayerischen Wald zum TSV 1860 nach München wechselte. Sein damaliger Spezl vom SC Zwiesel hatte den weiten Weg zu den Löwen nach München bereits im Alter von 18 Jahren gefunden. Es war kein Geringerer als Klaus Fischer, für den die Löwen das Sprungbrett für eine beispiellose Profifußballkarriere werden sollten. Der Mittelstürmer aus dem Bayerischen Wald wurde Bundesliga-Torschützenkönig (1976) und Vizeweltmeister (1982). Wer erinnert sich nicht an seine Fallrückzieher-Tore, die ihm in der Regel sein Teamkollege beim FC Schalke 04 und in der Nationalmannschaft Rüdiger Abramczik als Flankengeber mustergültig auflegte?

Jakob Rühl, hier beim Sommerfest der „Blutgruppe 1860“.

Flankengott

Ein Part den gut und gerne auch Jakob Rühl hätte übernehmen können. Bereits in seiner Jugendzeit bekam der Offensivspieler, wegen seiner beherzten Läufe auf der Außenbahn, den Spitznamen „Flankengott“ von seinen Mitspielern verpasst. Eine Karriere als Profifußballer blieb ihm allerdings verwehrt. Dabei waren die ersten Schritte als Fußballer äußerst vielversprechend. Als Jugendlicher blieb sein Talent nicht lange im Verborgenen und der niederbayrische „Flankengott“ wurde in die Rottal-Auswahl berufen. Andere Vereine wurden auf ihn aufmerksam. Auch die Löwen, bei denen damals sein Spezl Klaus Fischer auf Torejagd ging und Trainer Franz Binder an der Seitenlinie stand. An das erste Training an der Grünwalder Straße 114 erinnerst sich der Jakob noch gut. Es war der Tag an dem sich der amtierende Schwergewichtsweltmeister Joe Frazier und Muhammed Ali im New Yorker Madison Square Garden das erste Mal gegenüber standen. Ein damals weltweit beachtetes, nahezu historisches Ereignis. Noch bevor sich die beiden Schwergewichts-Protagonisten auf der anderen Seite der Erdkugel gegenseitig die Fäuste an den Kopf schlugen, schnürte an diesem 08. März 1970 Jakob Rühl seine Fußballschuhe an der Grünwalder Straße 114. Er wollte Franz Binder unbedingt in der anstehenden Trainingseinheit von seinem fußballerischen Talent überzeugen, um endlich Profifußballer zu werden. Es war noch kein Ball auf dem kurzgeschnittenen Grün gespielt, da blies ihm bereits der eisige Wind des bis dahin nicht gekannten Fußballgeschäfts entgegen. Jakob Rühl war sich durchaus bewusst, dass im Profigeschäft die Früchte höher hängen würden, als in seiner vertrauten Heimatfußball in Niederbayern. Sein Fokus lag auf dieser Einheit bei den Löwen. Er war Fit. Er war bereit. Aber er hatte vergessen seine Schläuche zu putzen.

Glück gehabt, Rüdiger Abramczik?

„Wannst noamal mit dreckige Schuah daher kummst, brauchst gar nimmer kommen, Bursche“, raunzte ihn der österreiche Trainer Franz Binder noch vor der Trainingseinheit an. Am Ende wusste Jakob Rühl aber doch zu überzeugen und er durfte vorerst bei den Löwen bleiben. Von nun an gehörte der Flankengott in Spé zumindest zum erweiterten Kader und er durfte sich in den kommenden Freundschaftsspielen mit dem Löwen auf der Brust beweisen. Leider kam es nicht wirklich dazu und der so verheißungsvolle Beginn einer möglichen Profikarriere nahm in einem der darauffolgenden Freundschaftsspiele ein jähes Ende. Ein Schritt zu spät und der gegnerische Torwart krachte mit voller Wucht in den heranrauschenden Jungspund. Das Knie war für damalige Verhältnisse irreparabel kaputt. So schnell kann es gehen. Das Pech von Jakob Rühl könnte, wenn man so will, am Ende das Glück von Rüdiger Abramczik gewesen sein. So ganz ohne Fußball konnte der damals 21-jährige Rühl aber nicht leben. Nach einer langwierigen Genesungsphase schnürte der damals in München sesshaft gewordene Jakob in unterklassigen Vereinen in und um die Landeshauptstadt seine immer sauber geputzen Fußballschuhe. Beim FC 1960 München, dem heutigen FC Neu-Hadern, spielte er beispielsweise in der gleichen Mannschaft, wie Hans Sitzberger, dem heutigen Vizepräsidenten des TSV 1860 München.

Stadionsprecher im Sechzger für einen Tag

Im Herzen ist Jakob Rühl immer ein Löwe geblieben. Er erinnert sich gerne an diese Zeit zurück. Hat mit dem damaligen Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser im Stüberl Karten gespielt. Unvergessen ist sicherlich auch ein für ihn ganz besonderes Spiel gegen die SpVgg Landshut im Grünwalder Stadion. Der Stadionsprecher war kurzfristig ausgefallen und Jakob Rühl übernahm kurzerhand diesen Part für dieses eine Mal. „Ein unbeschreibliches Gefühl“, wie er es mir versichert. Das Grünwalder Stadion kennt er noch zu Zeiten als es 44.000 Zuschauer fasste. Es ist die wahre Löwenheimat. Der mittlerweile in Augsburg sesshaft gewordene Rühl ist seit dem Umzug der Löwen nach Giesing leider nicht mehr ins Stadion gekommen. „Man kommt so schwer an Tickets“, seine fast schon resignierende Begründung. Jetzt kennt er aber das Löwenmagazin. Immer eine gute Adresse, um zu normalen, nicht Corona-Zeiten, ins Stadion zu kommen.

Ein Sechzger braucht keine Ergebnisse bei Google

Für die Zukunft seiner Löwen wünscht er sich sportlichen Erfolg. Seinem Alter entsprechend träumt der heute 70-Jährige davon, noch zu Lebzeiten ein echtes Derby in der Fußballbundesliga zu erleben. Er ist aber Realist genug, um den aktuellen Kurs des TSV 1860 München als den richtigen zu halten. Den Michael Köllner findet er richtig gut. Und als wir schon am Ende eines wunderbaren Gespräches waren, fällt dem Jakob noch ein, dass ja sein mittlerweile leider verstorbener Cousin, der Karl-Heinz Rühl, früher Trainer bei den Löwen und in späteren Jahren Manager beim Karlsruher SC war. Lass stecken, lieber Jakob Rühl, es geht hier um dich. Nicht um Klaus Fischer, Rüdiger Abramczik oder deinen Cousin. Man muss keinen Treffer landen, wenn man seinen Namen in die Suchmaschine „Google“ eingibt, um im Leben etwas erreicht zu haben. Du bist ein sehr sympathischer, liebenswerter Mensch mit dem man sich gerne unterhält. Und du bist ein Löwen-Fan, mit einer ganz eigenen spannenden Geschichte. Danke für die wunderbare Unterhaltung.

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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Tami Tes
Tami Tes (@tamites)
14 Tage her

Eine faszinierende Geschichte und faszinierender Mensch, der viel zu erzählen hat. Wer von den Löwenfans wünscht sich das nicht, im Alter am Kaminfeuer sitzen zu können und seinem kleinen Enkelkind von Sechzig und all den schönen „Randgeschichten“ erzählen zu können, die er erlebt hat und ihn bis ans Lebensende an den Verein binden.