Am kommenden Samstag begrüßen die Löwen den Chemnitzer FC zum Punktspiel auf Giesings Höhen. Es ist das erste Heimspiel gegen die Sachsen seit dem 4. Juni 1994. Diese letzte Partie damals gegen den Chemnitzer FC vor 26 Jahren bot alles, was einen unvergesslichen Nachmittag im Grünwalder Stadion ausmacht. Bestes Wetter, kribbelnde Vorfreude, ausverkauftes Stadion, Bangen, Hoffen und einen grenzenloser Jubel beim Siegtor.

Die Saison 1993/94 weckte den TSV 1860 München aus dem Dornröschenschlaf und war der Startschuss für die goldenen Jahre in der Bundesliga unter Trainer Werner Lorant. Vor allem in der Hinrunde konnte der Aufsteiger aus der Bayernliga zur Verblüffung aller die Gegner nicht nur niederringen, oft waren die Löwen auch spielerisch überlegen. Bis zu 6 Punkte betrug in der Hinrunde der Vorsprung von 1860 München auf einen Nichtaufstiegsplatz. Dabei ist zu beachten, dass es damals für einen Sieg nur zwei und nicht wie heute drei Punkte gab.

Hochspannung am 37. Spieltag der Saison 1993/94

Aufgrund eines sehr schneereichen Winters in Süddeutschland trugen die Löwen im Zeitraum vom 5. Dezember 1993 bis zum 6. März 1994 keine Ligaspiele aus. Die übrigen Mannschaften der 2. Bundesliga waren von Spielausfällen in diesem Ausmaß verschont geblieben und hatten bereits Wochen vorher wieder den Spielbetrieb aufgenommen. Die Folge davon war eine deprimierende Niederlagenserie zu Beginn der Rückrunde gegen eingespielte Mannschaften. Der üppige Punktevorsprung war binnen kürzester Zeit komplett aufgebraucht. Vor dem Auswärtsspiel bei Hannover 96 am 25. Spieltag war Sechzig München sogar auf Platz 4 zurückgefallen, aber dieser 1:4-Auswärtserfolg bei den Niedersachsen ließ das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlagen.

Hinter dem in der Tabelle enteilten VfL Bochum entbrannte zwischen Bayer 05 Uerdingen, dem FC St. Pauli und den Löwen ein spannender Kampf um die restlichen zwei Aufstiegsplätze. Bochum und Uerdingen konnte sich gegen Ende der Rückrunde absetzen, der VfL Bochum war sogar vorzeitig aufgestiegen. Der letzte Aufstiegsplatz entschied sich somit zwischen Sechzig und dem FC St. Pauli.  Mitte der 90er Jahre pflegten beide Stadtteilclubs eine ausgeprägte Fanfreundschaft. Am 11. Spieltag hatten Anhänger beider Vereine in Giesing unter dem Motto „Die Kleinen sind doch die Großen“ ein ausgelassenes Fanfest organisiert.

Mitte der 90er standen die Gemeinsamkeiten zwischen 1860 München und dem FC St. Pauli im Vordergrund

Vor dem letzten Heimspiel der Saison gingen die Löwen leicht favorisiert in die restlichen zwei Partien, weil die Hamburger aufgrund einer Auswärtsniederlage eine Woche zuvor bei Hertha BSC den begehrten dritten Tabellenplatz wieder an das Team von Werner Lorant verloren hatten. Beide Mannschaften waren punktgleich, aber beim Torverhältnis war Sechzig mit sechs mehr erzielten Treffern im Vorteil. Eine Entscheidung im Aufstiegsrennen zugunsten von 1860 München war beim letzten Heimspiel somit möglich, vorausgesetzt 1860 München würde gegen Chemnitz gewinnen und St. Pauli gleichzeitig am Millerntor gegen Waldhof Mannheim verlieren.

Dementsprechend groß waren die Vorfreude und Erwartungen im Löwenumfeld, aber auch der Druck, der auf den Spielern lastete. Um 15:30 Uhr an jenem 4. Juni 1994 schritten die Teams vor 28.000 Zuschauern auf das Spielfeld. Es herrschte eine brodelnde und aufgepeitschte Atmosphäre im Grünwalder Stadion, die sich schwer in Worte fassen lässt. Wer gedacht hatte, dass die Löwen vom Anstoß weg die Chemnitzer in die Defensive drängen würde, sah sich getäuscht. Fast schon unterkühlt begann 1860 München diese eminent wichtige Heimpartie. Doch dann verbreitete sich in Zeiten, als es weder sekundengenaue Liveticker oder gar Mobilfunkgeräte gab, im Stadion eine aufsehenerregende Neuigkeit. Der FC St. Pauli lag daheim gegen Mannheim mit 0:1 zurück. Ein Raunen ging durch das Sechzgerstadion und die Anfeuerungen von den Rängen wurden noch lauter, noch fanatischer. Aber sie verstummten dann für kurze Zeit, denn auch im Grünwalder Stadion ging die Gastmannschaft in der 7. Spielminute mit 0:1 in Führung.

Emotionsgeladenes Spiel im Grünwalder Stadion

Das ersehnte Ziel „Durchmarsch in die Bundesliga“ war in greifbarer Nähe, doch der Rückstand lähmte für einige Minuten das ganze Stadion. Als sich Mannschaft und Fans vom Schrecken der Gästeführung erholt hatten, drängte Sechzig aber entschlossen auf den Ausgleich.  In der 28. Spielminute konnte Bernhard Trares den Ball an der Strafraumgrenze der Chemnitzer behaupten und zog einfach einmal kraftvoll ab. Der Gästetorwart streckte sich vergebens, der Flachschluss schlug im rechten Eck ein. Der wichtige Ausgleich war noch in der ersten Hälfte geschafft.

Damals wie heute ein Hexenkessel: Stadion an der Grünwalder Straße

Mit 1:1-Unentschieden ging es in die Kabine. In der Fußballsendung „ran“ auf Sat.1 bemerkte der Kommentator in der Zusammenfassung, dass die Halbzeitpause vielen Münchner EKG-Werten gutgetan habe. Nach der Pause spielte 1860 München in Spielrichtung der Westkurve. Das Stadion entwickelte von neuem seine mitreißende Kulisse, die bei gegnerischen Mannschaften berühmt-berüchtigt ist. 1860 München musste im zweiten Durchgang ein höheres Risiko eingehen, weil auch der Konkurrent aus der Hansestadt vor der Pause gegen Mannheim noch den Ausgleich erzielt hatte.

Bernhard Winkler: 16 Tore für den Durchmarsch

In einer Druckphase, in der die Löwenführung mehrmals in der Luft lag, gelang dann Bernhard Winkler in der 65. Minute mit seinem 15. Saisontor schließlich die viel umjubelte Führung. Es kann im Rückblick nicht mehr genau gesagt werden, ob Stadionsprecher Stefan Schneider den Torschützen im weiten Rund bereits durchgegeben hatte oder nicht, denn Sekunden nach dem Wiederanpfiff kam Bernhard Winkler schon wieder im Chemnitzer Strafraum an den Ball und erhöhte prompt auf 3:1. Das Grünwalder Stadion erzitterte in seinen Grundfesten und es dürfte einer der lautesten Torjubel gewesen sein, der jemals über die Dächer von Giesing gefegt ist.   

Mit diesem unglaublichen Doppelschlag von Bernhard Winkler war das Spiel entschieden. Sechzig machte hinten dicht, kontrollierte aber weiterhin das Spielgeschehen. Nachdem der Torschütze der Chemnitzer auch noch mit Gelb-Rot vom Platz verwiesen worden war, fand ein Offensivspiel der Gäste nicht mehr statt. Das Ergebnis hätte durchaus noch höher für die Löwen ausfallen können, aber letztendlich blieb es beim 3:1.

Entscheidung um eine Woche vertagt

Große Bedeutung in den letzten Minuten des Spiels hatten diejenigen Fans, die ein tragbares Transistorradio mitgebracht hatten und „Live aus dem Stadion“ auf Bayern 1 hörten. Aber auch der FC St. Pauli hatte in der zweiten Hälfte aufgedreht und gegen Waldhof Mannheim am Ende mit 4:1 gewonnen. Die Entscheidung im Aufstiegsrennen war somit auf den letzten Spieltag der Saison vertagt. Eine Woche später begaben sich 10.000 Löwenfans Richtung holländische Grenze, um in Meppen eines der bedeutendsten Spiele in der langen Löwengeschichte hautnah mitzuerleben. 

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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Loewen1860
Leser
Loewen1860 (@loewen1860)
8 Monate her

An des Spiel kann ich mich noch sehr gut erinnern. Wir waren damals in der Ostkurve – wollte alles mal von der anderen Perspektive sehen. Auswärtsgäste waren ungefähr 50 da, welche zur Belustigung aller „Hier regiert der C F C“ die 90 Minuten durchbrüllten. Was wir zurückbrüllten, schreib ich jetz hier nicht u würde ich auch heute nicht mehr schreien. Aber damals war ich halt auch erst 19

Monika
Gast
Monika (@guest_42797)
8 Monate her

Einfach unvergesslich! Danke an wundervolle Momente in der Westkurve!

Tami Tes
Tami Tes (@tamites)
8 Monate her

Danke Tom… ich war damals nicht dabei, aber bei Deinem Bericht hatte ich teilweise Gänsehaut.

United Sixties
Leser
United Sixties (@richard-ostermeiergmail-com)
8 Monate her

Eines der vielen unvergesslichen Gänsehaut- Momente auf Giesings Höhen.
28 000 gemeinsam in Siegesfreude und dann mit tausenden im Sonderzug nach Meppen zum Doppelaufstieg , durchgemacht und danach zum Marienplatz. Als junger Vater seiner Zeit die schönste Erinnerung unseres Löwenlebens nach den langen Jahren der Drittklassigkeit zur Bayernligazeit 1982-1991 plus 92/93. Werner Lorant war der richtige Trainer zur richtigen Zeit und hoffentlich gelingt M. Köllner ähnliches.
Nur brauchen wir Alle wieder Geduld.