Diese Gedanken verfasse ich wenige Tage, nachdem ich mir in Göteborg das Champions-League-Finale meines ehemaligen Eishockey-Lieblingsvereines EHC München – jetzt RedBull München – angeschaut habe. Selten so emotionslos einer Sportveranstaltung beigewohnt, daher auch meine Gedanken. Zu RedBull verfasse ich aber einen gesonderten Artikel – das Thema ist leider schon rum, deswegen jetzt erst einmal zum Thema “Investoren beim Fußball”.

In schöner Regelmäßigkeit kommt man als Fußball-Fan im Allgemeinen oder 1860-Fan im ganz Besonderen um die Diskussionen „Investoren im Fußball“ oder „Konzernvereine wie RedBull Leipzig – gut oder schlecht“ nicht herum. Im Eishockey ist es ähnlich, gerade als Fan des Münchner Eishockeys – und nachdem ich diese Diskussion schon viel zu oft geführt habe, halte ich meine – aktuelle – Meinung dazu jetzt einfach mal schriftlich fest. Natürlich würde mich Eure Meinung dazu auch interessieren. Hinterlasst sie doch bitte hier in den Kommentaren.

Zu Beginn stellen sich erst einmal eine ganz grundsätzliche Fragen:

Was ist das Besondere an meinem Verein? Was macht ihn für mich zu dem Verein, dem ich mein Herz geschenkt habe? Warum ist es genau dieser Verein geworden und nicht ein anderer?

Ich denke, hier sind die Beweggründe ganz unterschiedlicher Natur: Viele werden in ihren Verein einfach hineingeboren, man wird von Freunden mitgenommen oder man entwickelt seine große Liebe über das Fernsehen oder einen zufälligen ersten Stadionbesuch. Dann gibt es natürlich auch die, die sich mit der Geschichte oder politischen Ausrichtung eines Vereines beschäftigen und ihm deswegen ihr Herz schenken – ich denke, der FC St. Pauli ist (oder war) hier ein schönes Beispiel.

Warum ich Löwenfan geworden bin bzw. was das Besondere an 1860 für mich ist findet Ihr hier.

Gibt es auf die oberen Fragen viele verschiedene Antwortmöglichkeiten, ohne dass man diese pauschal als richtig oder falsch bezeichnen könnte, so kommen wir dann doch an einen Punkt, der nicht mehr ganz so viele Auswahlmöglichkeiten offen lässt:

Was möchte man als Fußball-Fan bzw. als Anhänger eines bestimmten Vereines?

a) den größtmöglichen sportlichen Erfolg um jeden Preis

oder

b) einen Verein, mit dem man sich bestmöglich identifizieren kann (der aber natürlich auch den maximalen sportlichen Erfolg erreichen soll)

An diesem Punkt gibt es nur noch die Antworten a oder b: Sollte für Dich der sportliche Erfolg über allem stehen, dann sind für Dich auch Investoren- oder gar Konzernvereine kein Problem. Aber von was bist Du dann noch Fan?

Antworten, die in diesem Zusammenhang von Fans solcher Vereine oder Modelle – also von Anhängern der Antwort a –  kommen, sind folgende:

“Ich bin Fan von der Mannschaft”

Das ist meiner Meinung nach mit das dümmste Argument, welches man vorbringen kann: Ich bin seit über 30 Jahren Löwenfan – von wem genau soll ich jetzt Fan sein? Von Andreas Löbmann? Markus Lach? Rainer Berg? Frank Pingel? Elvis Brajkovic? Willi Bierofka? Werner Lorant? Gerald Vanenburg?

Spieler, Trainer und Funktionäre sind beliebig austauschbar, der Verein als Ganzes ist sicher das Größte.

“Die spielen aber tollen Fußball/tolles Eishockey”

Habe ich insbesondere in Zusammenhang mit RedBull München / Salzburg / Leipzig jetzt öfter gehört und das Argument ist vielleicht tatsächlich noch dümmer als das erste: Zum einen ist es ja völlig logisch, dass eine Mannschaft, in der etliche Millionen mehr als im Großteil der Konkurrenz stecken, eine gute sportliche Leistung abliefert (ok, die Einkaufspolitik von Hasan Ismaik ist in diesem Fall die Ausnahme, die die Regel bestätigt) – zum anderen: Was macht Ihr denn, wenn die keine tolle sportliche Leistung mehr zeigen? Etwa nicht mehr hingehen? Nicht mehr Fan sein?

Auch hier ist die Antwort klar: Der Verein ist größer als eine sportliche Momentaufnahme.

“Der Verein ist für mich das Wappen und wir Fans”

Hier kommen wir meiner Betrachtungsweise schon näher: Der schwarze Löwe und die heiligen vier Zahlen 1-8-6-0 – ja, damit kann ich mich anfreunden, obwohl ich doch eigentlich mit „Antwort b“ antworten würde – hier müssen wir allerdings etwas in die Tiefe gehen:

“Ist es mit Investor nicht noch der gleiche Verein, nur mit einem besseren Geldgeber?”

Man mag mich als altmodisch betrachten, aber ich bin tatsächlich der Meinung, dass ein Verein in erster Line durch seine Fans bzw. Mitglieder besteht – und die Mitglieder das höchste Vereinsorgan sein sollten. Mit ausgelagerten Gesellschaften wie KGaA, AG kann ich persönlich nichts anfangen – und mir ist auch nicht klar, warum bei einem Verein, der eine mehr als 150-jährige Geschichte und Tradition und über 20.000 Mitglieder hat, auf einmal ein einziger Mann das Sagen haben sollte, nur weil er seinen üppigen Geldbeutel aufgemacht hat.

Außerdem: Soll ich ein Investorenmodell auf einmal toll finden, nur weil zufälligerweise wir ausgewählt wurden? Ich bin in den 90ern einiges mit Chelsea unterwegs gewesen und habe mich dann emotional verabschiedet, als Abramowitsch kam: Sagenhafte vier Milliarden soll der von seinem Antritt bis heute in Chelsea investiert haben, 17 Titel holte Chelsea in dieser Zeit: Kann man auf diese Titel stolz sein? Stolz, weil man bzw. sein Verein zufälligerweise das Lieblingsspielzeug eines Milliardärs wurde?

Wo bleibt der sportliche Gedanke, der Fairnessgedanke? Ist es denn gerecht, wenn sich ein Verein gegenüber Investoren öffnet und dadurch einen massiven Vorteil gegenüber den anderen Vereinen hat?

..und etwas weiter gedacht:

…wenn sich dann zwangsweise immer mehr Vereine für Investorenmodelle öffnen – was haben wir dann irgendwann erreicht?

Dass quasi alle Vereine fremdbestimmt werden, kein Verein mehr seinen Mitgliedern gehört, aber letztlich doch alle gleichgestellt sind? Ja zefix, warum sparen wir uns die Investoren dann nicht gleich, wenn wir letztlich dann doch wieder alle gleich sind, aber wir als Mitglieder keinerlei Einfluss mehr auf (die Fußballabteilung von) unseren/m Verein haben?

Ich möchte einen Verein, mit dem ich mich identifizieren kann: Für mich sind in erster Linie die Basis eines jeden Vereines seine Fans: Diese – bzw. die Mitglieder – sind nicht nur das höchste bestimmende Vereinsorgan, sondern auch sein Kapital, in guten wie in schlechten Zeiten.

Löwenfan bin ich unter anderem, weil mich diese bedingungslose Treue der Löwenfans schon immer fasziniert hat: Da spielst in der Bayernliga unter der Woche gegen Schweinfurt – und trotzdem ist die Hütte voll. Zumindest, wenn es das vorgezogene Meisterschaftsendspiel ist.

Damals war es voll mit Menschen, die einem Sportverein auch in 10 Jahren Drittklassigkeit die Treue gehalten haben – heute ist es immer noch voll: Voll mit Menschen, die sich bewusst für diesen Verein entschieden haben, obwohl er in den letzten 30 Jahren sportlich immer unter dem Stadtrivalen stand – bis zu drei Ligen über uns hat der Stadtrivale gespielt und mehr als einmal hat uns sogar dessen zweite Mannschaft geärgert… und trotzdem halten wir diesem Verein immer noch die Treue.

Übrigens: Auch voll mit Menschen, die sich bei der Mitgliederversammlung für eine Politik der Konsolidierung anstatt einer Politik der Verschuldung ausgesprochen haben – aber das nur am Rande.

Ich bin Anhänger eines Traditionsvereines geworden: Tradition bedeutet für mich auch, zu alten Werten zu stehen – und ein Investor hat für mich im Fußball schlicht und ergreifend nichts verloren.

“Aber langfristig werden die Konzernvereine und Vereine mit Investoren die Macht im Fußball übernehmen…”

Es ist gut möglich, dass das passieren wird. Aber nur weil andere diesen – falschen – Weg einschlagen, bedeutet das nicht, dass mein Verein diesen Weg mitgehen oder hier – wie aktuell – gar eine Vorreiterrolle in Deutschland einnehmen muss:  Schämen sollten wir uns, dass gerade 1860 den Weg für Investoren in die Deutsche Bundesliga ebnen möchte.

Möglich bis wahrscheinlich, dass wir ohne Investor nie Deutscher Meister werden. Ja, das kann sein. Aber wir können jeden Tag stolz in den Spiegel schauen und zu den Top 50-Vereinen in Deutschland von über 27.000 gehören wir auch so, ohne uns zu prostituieren.

Würdet Ihr Eure Tochter auf den Strich schicken, um ein größeres Haus in Grünwald, einen Porsche und eine Gucci-Handtasche zu besitzen?

Für mich sind Ideale nicht verhandelbar – ich bin stolzer Anhänger des Traditionsvereines TSV 1860.

Stephan Tempel


Der Artikel erschien auch auf https://bunte-ansichten.de.

Der Beitrag ist ein Gastbeitrag.

Titelbild: CC BY-SA 3.0 / Nick Youngson

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anteater
Gast
anteater

“Aber langfristig werden die Konzernvereine und Vereine mit Investoren die Macht im Fußball übernehmen…”

Ich würde eher sagen, dass das mittelfristig passieren wird. Hier schlage ich schon wieder einen ganz weiten Bogen, also gleich.

Zunächst einmal ist es ja so, dass durch sogenannte Investoren und Konzerne mehr Geld auf den Markt kommt. Nur bleibt die Anzahl der wirklich extrem begabten Spieler weitgehend gleich und die Anzahl der sehr guten Spieler auch. Was also passiert in einem System, in dem das Angebot gleich bleibt, die Nachfrage aber steigt? Die wirklich extrem guten Spieler, die sich heute schon nur zwei Hände voll Clubs leisten können, werden einfach noch mal teurer und deren Gehälter steigen noch mehr ins Astronomische. Und das setzt sich dann nach unten fort. Mittelmäßige Spieler in den vermeintlich großen Ligen bekommen dann auch schon irre Gehälter. Wie kann man sich damit identifizieren? Ein Arbeitnehmer (m/w) verdient bei durchgehend durchschnittlichem Gehalt über 40 Jahre bei 8 Stunden täglich kumulativ so um die 2 Millionen Euro. Und wir sollen dann von der Tribüne aus jungen Männern zujubelnd, die das in einem Vierteljahr bekommen? Und wir sollen uns darüber freuen, dass unser Verein dann 60, 80 oder 100 Millionen für den Starspieler hingelegt hat? Dafür arbeiten 30, 40, 50 Menschen wie Du und ich ein Leben lang!

Jetzt kommt mein weitere Bogen: Also, die derzeitige Ausprägung des kapitalistischen Systems hat bereits dazu geführt, das, ich glaube 90% des globalen Vermögens bei 10 % der Weltbevölkerung und 50% des globalen Vermögens bei 1 % angesammelt sind. Gleichzeitig kann ich mir in München und selbst im Umland keine Wohnung zur Miete leisten, von Wohneigentum, ein guter Schutz vor Altersarmut ganz zu schweigen. Während der Finanzkrise ab 2008, da sind die Reichsten noch reicher geworden, während Banken (nicht die Griechen!) von uns Steuerzahlern gerettet wurden. Es ist also sehr, sehr viel Geld unterwegs auf dieser Welt, das sehr, sehr schlecht verteilt ist. Einige Wenige haben fast alles. Es gehen diesem vielen Geld ja schon längst die Anlagemöglichkeiten aus, zumindest die renditeträchtigen. Und diesem vielen Geld ist halt teilweise langweilig, dann kauft es sich einen Fußballclub, ein PSG oder Man City, wenn man wirklich viel Geld hat.

Langfristig wird das höchstwahrscheinlich nicht mehr funktionieren. Es gibt keine wirklichen Gegenwerte mehr für dieses viele Geld, es ist ja nur auf Papier gedruckt (früher gab es ja mal Goldsicherung des Dollars, zum Beispiel, das ist noch nicht soooo lange her, da habe ich sogar schon gelebt) oder, noch schlechter, existiert nur als Giralgeld als Zahl irgendwo im IT-System der Banken. Diese Blase wird wohl früher oder später platzen, weil dann, nehmen wir das Beispiel der Wohnung in München, niemand mehr die Miete, die nötig wäre, um eine Rendite zu erzielen, bezahlen kann (die Verteilung des Geldes bleibt ja sehr ungünstig) bzw. dann auch niemand mehr bereit dazu ist, die Wohnung, die der eine überteuert für 2 Mio gekauft hat für 3 Mio zu erwerben.

Der heutige Hochglanzfußball (Premier League zum Beispiel oder ganz sicher Champions League), der erinnert doch auch ganz stark an das „Brot und Spiele“ der alten Römer. Das gemeine Volk wird wunderschön beschäftigt, während die wirklich Mächtigen in Industrie und Wirtschaft der Politik das nächste Gesetz diktieren, welches sie noch reicher macht. Anteilseigner der großen, wirklich profitablen Konzerne sind ja in der Regel auch die eh schon Superreichen. Das Hochglanzfußballsystem erzeugt dabei aber eben auch ein Überangebot. Ich finde hier das Beispiel meine roten Schwagers ganz interessant. Der hat seit 19irgendwas eine Dauerkarte und hatte lange Zeit auch ein Sky-Abo. Und irgendwann war er übersättigt durch das ganze Angebot, dadurch, dass er jeden Tag Hochglanzfußball sehen konnte. Inzwischen geht er bei weitem nicht mehr zu jedem Spiel, weil der Reiz für ihn verloren ging. Hier frisst sich das System also, zumindest stellenweise, selbst. Ich persönlich umgehe das, indem ich mir außer Sechzig und den Highlights der Ligakonkurrenten keinen Fußball anschaue.

Ich lasse es jetzt hier, mein Kommentar ist leider unausgegoren, zu Matsche bin ich im Kopf nach 1083,2 km, die ich dieses Wochenende für ein Spiel in Duisburg gefahren bin. Mein Punkt kommt hoffentlich trotzdem rüber, wenn sich jemand überhaupt die Mühe macht, einen so langen Kommentar zu lesen. Das mit dem „warum“ das Finanzsystem in dieser Form zusammenbrechen wird, das habe ich hier schlecht ausgeführt, aber ich habe da einfach sehr renommierte Wirtschaftswissenschaftler angerissen. Danke fürs Lesen!

Tami Tes
Redakteur

Ich hab’s ganz gelesen 😉… die Gedankengänge kann ich nachvollziehen und Du hast nicht unrecht… leider.

jürgen (jr1860)
Leser

sehr treffend smile

DonZapata
Leser

Klasse Beitrag.
Ich habs ganz gelesen smile

anteater
Gast
anteater

„Stolz, weil man bzw. sein Verein zufälligerweise das Lieblingsspielzeug eines Milliardärs wurde?“

Das ist mal ein ganz toller Ansatz. Ich persönlich habe es generell nicht so mit Stolz. Nehmen wir den Stolz darauf, Deutscher zu sein. Ich bin froh darüber und dankbar dafür, dass ich zufällig in so ein reiches Land geboren wurde, das mir so viele Möglichkeiten bietet.

In der Firma, bei welcher ich arbeite, habe ich es tatsächlich geschafft, mich von einer Aushilfstätigkeit zu einer sehr verantwortungsvollen Position hochzuarbeiten. Mein Chef meinte irgendwann mal zu mir, dass ich darauf stolz sein könne. Er hat recht, denn das ging nur durch meinen Willen und meine Leistung. Und so ist es halt irgendwie auch mit dem Fan-Dasein. Wenn Sechzig gewinnt und ich (oder ein beliebiger anderer Fan jedweden Geschlechts) meinen Teil beitragen konnte, indem ich mich heiser gesungen und gebrüllt habe, dann kann ich (vielleicht – darüber kann man philosophieren) stolz darauf sein, weil ich einen klitzekleinen Teil dazu beigetragen habe. Und wenn man „nur“ gewinnt, weil jemand einem die beste Mannschaft zusammengekauft hat, worauf soll ich dann stolz sein, zumindest ein bisschen? Ja, da ist nichts mehr. Das wäre, als hätte ich die verantwortungsvolle Position in der Firma nur bekommen, weil ich der Sohn vom Chef bin.

Alexander Schlegel
Leser

Es ist doch so, dass spätestens im Champions-League Halbfinale eh nur noch Geldbeutel A gegen Geldbeutel B antritt. Selbst Traditionsvereine wie Liverpool sind inzwischen genau so ein Investoren-Verein wie Chelsea, Paris SG oder Manchester City. Was hat das noch mit sportlichen Wettbewerb zu tun, wenn in Frankreich ein mit Katar-Millionen gepamperter ehemaliger Looser-Verein keine Gegner mehr hat? Macht das noch Spaß? Klar, man kann sagen: reg Dich nicht auf, ist doch nur Fußball. Aber genauso wie hier Fairplay und sportlicher Wettbewerb mit Füßen getreten werden, so haben doch die Menschen überall auf der Welt inzwischen das Gefühl, dass hier eine immer größere Zahl von Milliardären sich ihre abgehobenen Spielchen und Vereine leisten und wir Fans nur noch die stimmungsvolle Staffage darstellen, die als kostümierte Clowns den Herrschaften von der VIP-Lounge ein bißchen Prickeln verschaffen, während sie ihren Champagner schlürfen und ihre Häppchen verspeisen. Und was der Fußball im Kleinen darstellt, ist doch inzwischen überall Thema: das Gefühl, das hier gewaltig was falsch läuft. Brot und Spiele für uns, ausgerichtet von dekadenten Eliten. So war es in Rom, so ist es auch heute wieder.

Tami Tes
Redakteur

Tja, das ist etwas was in heutiger Zeit nicht mehr miteinander vereinbar ist – der ehrliche bodenständige Fußball, bei dem es um die Sportart geht und der erfolgreiche eventbasierter Fußball, bei dem es um Geld und „Welterfolg“ geht. Deshalb ist vielleicht die Idee der großen Clubs gar nicht so verkehrt. Eine eigene Liga, in der sich diese Klubs mit- und gegeneinander messen können und Spieler für je 200 Millionen kaufen und verkaufen, leidenschaftslose Fans auf den Tribünen sitzen haben und ihre Stadionwurste mit Blattgold belegen.

Auch ich habe nichts gegen den Erfolg, aber mir geht es nach wie vor um den Fußball, um den Verein und die Identifizierung… Die Regionalliga hat mich tatsächlich entspannter gemacht, als die Jahre in der 2. Liga, bei der man immer zittern musste, ob man absteigt oder den Aufstieg schafft (was sehr selten war). Ich war nervlich ganz anders drauf. Nach dem Abstieg habe ich gesehen, dass alles noch da ist… mein Verein, der Fußball und auch der Spaß an dem Spiel.

anteater
Leser

Und meine Identifikation ist ganz klar dadurch gesteigert, dass unser Torwart den gleichen Jugendverein hat wie ich. Er natürlich viel später und mit viel mehr Erfolg.

Alexander Schlegel
Leser

So ist es. Das ist doch der genaue Kern von Identifikation. Mir wurde das so klar, als ich in der Regionalliga-Saison bei meinem ersten Heimspiel war und jemand in meiner Nähe fragte: Wo kommt denn eigentlich der Hiller her? Und die Antwort darauf war: „Der kommt von uns, des is unser Bua.“ Freudige Gesichter ringsum. Das hatte nichts mit Patriotismus oder Ähnlichem zu tun, sondern war pure Identifikation. Und das tat uns doch allen so gut nach dem diese seelenlose Söldnertruppe, angeheuert von einem ebenso seelenlosen Investor, das Jahr zuvor so elendig versagt hatte. Wir haben doch auch deswegen alle so aufgeatmet, weil wir doch alle das Gefühl hatten, dass das ein Familientreffen im Stadion war. „Unsere“ Buam auf dem Spielfeld und die restliche Löwenfamilie auf den Rängen.

coeurdelion
Gast
coeurdelion

mich hat der Abstieg auch geläutert und aus meiner 2.-Liga-Depression gerissen; hatte leider für die Reli keine Karte, aber was ich im Giasinger erleben durfte, reicht mir bis an mein Lebensende, sowas von Emotion ist für mich nicht zu toppen! unbeschreiblich, ich hab geheult wie ein Hund wink
ich war schon solange „Fan“, aber seit dem Tag weiss ich, was wir zu verlieren haben und das geb ich NIE mehr her
Investoren, Konzerne, Geldverleiher sind beliebig und austauschbar, wir und unsere Farben sind einmalig,das sollten wir uns völlig losgelöst von irgendwelchen Ligen immer vor Augen halten
UNVERKÄUFLICH !!

anteater
Leser

Du sprichst mir aus der Seele! Und das mit dem Heulen, das hatte ich auch, allerdings im Stadion.

jürgen (jr1860)
Leser

dito … im Blue Adria

Die Karte fürs Stadion hab ich meinem Buam überlassen. Das war sein (unvergesslicher) 18. Geburtstag

Dr. Klothilde Rumpelschtilz
Gast
Dr. Klothilde Rumpelschtilz

Gänsehaut.

SchorschMetzgerBGL
Leser

Nochmal DITO:
Werde es niemals vergessen und deshalb….
UNVERKÄUFLICH ! ! !

Alexander Schlegel
Leser

Sehe ich natürlich genauso wie Du, Tanja. Nur denke ich, dass Du mit so einer „Operettenliga“ nicht das Problem gelöst hast. Denn selbst in der dritten Liga schießen ja inzwischen diese merkwürdigen Westentaschen-Oligarchen wie die Pilze aus dem Boden.

Nein, man kann dem Treiben nur einen Riegel vorschieben, in dem man Sportvereine strikt von Wirtschaftsunternehmen unterscheidet. Sportvereine sind Kulturgut. leben von ihren Fans und sollten nicht käuflich sein. Das heißt konkret: Sponsoring, Werbung und dergleichen mehr: sehr gerne. Verkauf von Vereinsanteilen, egal was da wie wo ausgelagert wird: nein. Und in jeder Mannschaft muss mehr als die Hälfte der Spieler aus der eigenen Jugend stammen, sozusagen „6+“. So gesehen bin ich sogar noch für eine Ausweitung von „50+1“.

anteater
Leser

So ist es! Brot und Spiele!

twchris
Leser

Danke, einnfach nur 👍, bzw. aus der Seele geschrieben.
Immer noch auf dem Rückweg aus Duisburg.

Tami Tes
Redakteur

Sehe ich auch alles so, doch leider kommt dann immer eben „dann sind wir nicht konkurrenzfähig“, „willst du zurück in die Regionalliga (oder Bayernliga)?“, „ohne Investor überleben wir nicht“ usw.

Denke, dass sich auch die Investoren-Befürworter mit einem >1860 ohne Investor< anfreunden können, wenn wir es dennoch zurück in Liga 1 oder 2 schaffen. Es geht eben, wie du sagst um Erfolg. Doch was sie nicht haben, ist Geduld. Und was die dafür genug haben, ist Angst. Angst die Löwen nicht mehr im „Oberhaus“ zu erleben. Diese ist ja vielleicht berechtigt... aber es gibt zu Investoren ja immer noch Alternativen. Und das sind Sponsoren. Holstein Kiel macht es vor, um nur ein Beispiel zu nennen. Nur ob man in der jetzigen Situation, bei dem Konstrukt, einen starken Sponsorenpool aufbauen kann, ist eher fraglich.

anteater
Leser

Tami Tes Das mit der Regionalliga, in die wir ja laut bestimmten Leuten definitiv absteigen werden, wenn wir nicht noch mehr Schulden auf die KGaA packen, das kotzt mich derart an. Das sind Leute, die trauen Sechzig, dem Verein, den sie angeblich lieben, auch wirklich gar nichts zu. Dabei sage ich, dass wenn Sandhausen und Heidenheim, die sicher viel weniger Potential haben als wir, es schaffen, sich in der 2. BL zu etablieren, wir das ganz sicher auch können, aber halt nicht mit Gewalt und auf Teufel-komm-raus, sondern überlegt und im Rahmen unserer Möglichkeiten. Alles andere hat bei uns noch immer ins Desaster geführt. Eigentlich hast Du das ja auch schon alles so geschrieben.

Tami Tes
Redakteur

Ich nehme ihnen ja nicht einmal krumm, dass sie der Vereinsführung nicht vertrauen… vielleicht hat das mit Erfahrungswerten zu tun? Seit 2004 klappt ja die Rückkehr in die 1.Liga nicht, egal, wer den Verein führte. Was ich ihnen aber krumm nehme, ist, dass sie dem Investor mehr trauen, ihm mehr Kompezenz und auch zum Teil höheres „Löwentum“ zusprechen. Warum? Womit hat er dies verdient oder bewiesen?

Und… sie alle finden es so selbstverständlich, dass 1860 in die Bundesliga gehört. Warum? Weil wir einmal dt. Meister waren? Weil wir ab 1994 mal 10 Jahre am Stück in der 1. Liga waren? Die wenigste Zeit haben die Löwen aber in der 1. Liga verbracht. So selbstverständlich ist das also nicht.

anteater
Leser

Dabei nehme ich die aktuelle Vereinsführung eben schon als geläutert wahr. So, als hätten sie, insbesondere Herr Reisinger, eben tatsächlich mal darüber nachgedacht, was eben in alle den Jahren zuvor nicht geklappt hat und das ist eben dieses auf Krampf aufsteigen wollen mit allen Mitteln und weit jenseits eines gesunden Wachstums.

Vom Potential her wäre die Bundesliga sicherlich nicht zu groß für uns, aber eben Schritt für Schritt. Ich dürfte gut die Hälfte meines Lebens hinter mir haben und denke schon, dass ich Sechzig noch in der Bundesliga sehen könnte, wenn wir vernünftig wachsen und klüger sowie nachhaltiger Agieren als bislang.

tomandcherry
Leser

@ Tami Tes

Einer der besten Kommentare, die ich seit langem gelesen habe, Tami.

Speziell dieses Anspruchsdenken, dass „60 auf jeden Fall in die Bundesliga gehört“ ist für mich – seit rund 42 Jahren Löwen-Fan – noch nie nachvollziehbar gewesen.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Selbstverständlich würde mir 60 in der BuLi gut gefallen und ich habe die zehn Jahre seinerzeit auch sehr genossen. Speziell die erfolgreichen Derbies gegen die Roten. wink

Aber sollten wir zukünftig nur noch maximal 2. Liga spielen, hätte ich damit auch kein Problem.

Der Weg, der mit immensen Schulden verbunden war und trotzdem keinerlei nennenswerten Erfolg einbrachte, der muss ein für allemal verlassen werden.

Ich halte nichts von Schulden und immer noch mehr Schulden aufnehmen, denn irgendwann am Ende muss jemand dafür bezahlen. Das war schon immer so und 60 bildet dabei keine Ausnahme.

Manne60
Leser

Sehr guter Beitrag Stephan

Bine1860
Leser

Spricht mir aus der Seele, danke

Wolli1860
Redakteur

Danke Stephan für den sehr guten Beitrag👍Bin da bei dir.

bluwe
Leser

… unter schreibe jeden Satz – perfekt zusammengefasst wink

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