Der FC Carl Zeiss Jena hat sich mit einem offenen Brief an den Deutschen Fußball-Bund gewandt. Der Brief ist vor allem als Reaktion auf die Äußerungen von Rainer Koch, dem Vizepräsidenten des DFB zu verstehen. Der hatte von den Befürwortern eines Abbruches der aktuellen Saison ein Konzept verlangt. Der Brief im Wortlaut.

Offener Brief des FC Carl Zeiss Jena an den DFB

Sehr geehrte Damen und Herren,

die jüngsten Äußerungen von Rainer Koch, 1. Vize-Präsident des DFB, veranlassen uns zu nachfolgender Reaktion, weil diese aus unserer Sicht entscheidende Tatsachen verkennen bzw. ignorieren. Zur Erläuterung der besonderen Situation in Jena: Die Stadt Jena war zu Beginn der Corona-Krise ein Hotspot. Nur aufgrund einer solidarischen Gemeinschaftsleistung mit Maßnahmen, die über die verhängten Landesverordnungen hinausgegangen sind, ist es gelungen, die rasante Ausbreitung des Coronavirus’ zu stoppen.

In dieser gesellschaftlichen Lage müssen wir als FC Carl Zeiss Jena akzeptieren, dass auch unser Sport-, Spiel- und Geschäftsbetrieb wie bei allen anderen Wirtschaftsunternehmen in Jena erheblich eingeschränkt ist. Die behördlichen Verfügungslagen erlauben uns derzeit keine Aufnahme von Mannschaftstraining. Möglich ist nur Training mit zwei Personen, also einem Trainer und einem Spieler. Auch eine Ausnahmegenehmigung für Kleingruppentraining unter Kontakt haben wir bislang nicht erhalten. Deshalb ist es uns schon rein faktisch gar nicht möglich, den Spielbetrieb zum vom DFB gewünschten Zeitpunkt zu starten. Nach dann zwölf Wochen ohne Mannschaftstraining wäre eine Vorbereitungszeit von nur zwei Wochen sehr ambitioniert, zumal unser Sportarzt bereits vor einer erheblichen Verletzungsgefahr ob des dann geforderten Pensums warnt.

Völlig zurecht haben DFL und DFB immer wieder auf die Notwendigkeit vorliegender Genehmigungen durch die örtlichen Behörden hingewiesen. Erinnern möchten wir in diesem Zusammenhang daran, dass keine behördliche Genehmigung besteht, den Spielbetrieb der 3. Liga wiederaufzunehmen. Die Sportministerkonferenz hat in ihrer Sitzung am 29. April 2020 einstimmig beschlossen, dass die 1. und 2. Bundesliga aufgrund der besonderen wirtschaftlichen Bedeutung den Spielbetrieb wieder aufnehmen kann. Im Beschluss heißt es, dass auch die Flyeralarm-Bundesliga der Frauen und der DFB-Pokal wieder starten können, sofern sich in den Bundesligen das Hygienekonzept bewährt. Auf diesen Beschluss nimmt die Bundesregierung gemeinsam mit den Regierungen der Bundesländer in ihrem Beschluss vom 6. Mai 2020 Bezug. Zu keinem Zeitpunkt war in dem Beschluss die Rede davon, dass auch die 3. Liga wieder den Spielbetrieb aufnehmen kann. Selbst wenn die Liga den Spielbetrieb aufnimmt, ist unter den unterschiedlichen Trainingsständen bei elf Spielen in fünf Wochen kein fairer Wettbewerb mehr möglich.

Uns „ein unwürdiges Schauspiel“ zu unterstellen, halten wir deshalb für äußerst bedenklich. Wir achten einzig die bestehende Gesetzeslage. Sollen wir diese brechen? Gleichwohl liegt es uns am Herzen, die 3. Liga in ihrem Bestand als Profiliga zu erhalten.

Am 13. Mai 2020 haben uns die Präsidenten der Landes- und Regionalverbände aufgefordert, ein Konzept für den Fortgang der dritten Liga vorzulegen. Dem Wunsch möchten wir gerne nachkommen. Uns ist bewusst, dass es einer breiten Debatte bedarf, um zu einer tragfähigen Lösung zu finden. Das braucht den Zusammenhalt aller Akteure und einen integrativ agierenden DFB.

Einige Kernüberlegungen haben wir hier zusammengefasst:

1. Aufgrund der behördlichen Verfügungslage ist die 3. Liga in dieser Saison 2019/2020 bis zum regulär benannten Endtermin am 30. Juni 2020 nicht zu Ende zu bringen. Aufgrund dieser behördlichen Auflagen muss die Saison auslaufen.

2. Der DFB möge sich dafür einsetzen, dass trotz des durch die behördlichen Verfügungen nötigen Abbruchs zwei Aufsteiger in die 2. Bundesliga gemeldet werden dürfen. Unter Beachtung des Hygienekonzeptes soll dem Drittplatzierten die Relegation ermöglicht werden.

3. Noch haben alle Mannschaften die Chance, die 3. Liga zu halten. Deshalb soll der Abstieg in die Regionalliga ausgesetzt werden.

4. Der DFB sollte den Regionalligen die vor der Saison vereinbarten vier Startplätze zur Verfügung stellen. Damit wächst die Zahl des Teilnehmerfeldes in der 3. Liga in der neuen Saison auf 24 Mannschaften.

5. Ziel muss es sein, das Teilnehmerfeld der 3. Liga mittelfristig auf 22 Mannschaften festzulegen. In der kommenden Saison steigen sechs Mannschaften ab. Ab der Saison 2021/22 wird die Zahl der Absteiger auf fünf reduziert. Dies ermöglicht ab derselben Saison, dass alle Meister der fünf Regionalligen direkt aufsteigen.

6. Aufgrund der höheren Teilnehmerzahl in der 3. Liga teilen sich die Erlöse aus der Zentralvermarktung auf mehr Vereine. Bei den aktuellen Summen bedeutet das eine Minderung der Ausschüttung um 192000 Euro. Dies können die Teilnehmer der dritten Liga durch die höhere Zahl von Heimspielen kompensieren.

7. Der DFB tritt in Gespräche mit den TV-Partnern ein, dass die für diese Saison vorgesehenen Zahlungen noch erfolgen. Die TV-Partner profitieren davon, in der neuen Saison mehr Spiele übertragen zu können. Durch das größere Fanpotenzial steigt die Reichweite in der neuen Spielzeit und damit auch die Chancen der TV-Partner, höhere Erlöse zu erzielen.

8. Zugleich bittet der Deutsche Fußball-Bund die bestehenden Premium-Sponsoren der 3. Liga, ebenfalls in kulanter Weise ihre Zusagen für diese Saison zu erfüllen. In der neuen Spielzeit profitieren auch die Partner von der höheren Anzahl von Vereinen, dem größeren Fanpotenzial und der höheren Zahl von Spielen.

9. Die Vereine der 3. Liga haben die Möglichkeit, bis zu einem Saisonstart im September das Hygienekonzept zu erfüllen. Einzelne Regelungen daraus werden an die objektiv vorhandenen Voraussetzungen der 3. Liga angepasst. Wir sind uns bewusst darüber, dass auch zum Beginn der neuen Spielzeit Geisterspiele nicht ausgeschlossen sind. Das müssen die Vereine in ihrer Kalkulation berücksichtigen. Die dankenswerterweise von den Champions-League-Clubs bedingungslos zur Verfügung gestellten 7,5 Millionen Euro werden in der neuen Spielzeit für notwendige Corona-Tests (auch in der Frauen-Bundesliga) eingesetzt. Die übrige Summe fließt paritätisch an alle berechtigten Vereine in beiden Ligen.

10. Wenn den Vereinen der 3. Liga zugemutet werden soll, jetzt ohne Vorbereitung binnen fünf Wochen elf Spiele zu absolvieren, wird es möglich sein, den um acht Partien erhöhten Plan in einer kompletten Spielzeit zu stemmen. Wir schlagen daher vor, im Rahmenspielplan die Zahl der englischen Wochen zu erhöhen und die Winterpause einzukürzen.

11. Für den Deutschen Fußball-Bund erhöhen sich die Verbandsabgaben der Vereine durch die höhere Anzahl von Spielen.

12. Zudem möchten wir dem Wunsch der Bundesligen nachkommen, die Ausbildung in der 3. Liga stärker in den Fokus zu rücken. Möglich wäre, über statuarische Regelungen jungen Spielern mehr Einsatzzeiten zu verschaffen. Zugleich tritt der DFB mit der DFL in Verhandlungen, den Nachwuchsfördertopf für diesen Zweck aufzustocken. Die dadurch generierten Einnahmen kommen den Drittligisten zugute. Die höhere Zahl von Talenten in den Kadern führt zudem zu einer Entlastung der Spieleretats.

Diese Punkte sehen wir als konstruktive Vorschläge, um in einen gemeinsamen, zielgerichteten Diskussionsprozess für die Rettung der 3. Liga einzusteigen. Wir sind uns bewusst, dass wir in dieser gesellschaftlich einmaligen Lage auf das Wohlwollen zahlreicher Partner, aber auch auf den solidarischen Zusammenhalt in der 3. Liga angewiesen sind. Wir bitten Sie deshalb, im Interesse einer tragfähigen Lösung um die Aufnahme von Gesprächen. Dazu sind alle eingeladen, denen an einer Lösung liegt, uns ihre Rückmeldung, Ideen und Ansätze wissen zu lassen, um im gemeinsam Dialog statt einem Klima gegenseitiger Vorhaltungen einen Weg aus der Krise zu finden.

Mit sportlichen Grüßen

FC Carl Zeiss Jena

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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Sechzga
9 Tage her

Ein so was von verlogener Vorschlag….
Jetzt will/kann man nicht mitspielen und torpediert mit allen Möglichkeiten und fadenscheinigen Argumenten DFB und spielwillige Vereine und wenn man sich als sportlich klar abgestiegener Verein über den grünen Tisch gerettet hat will man im September mit 24 Vereinen sofort wieder mitmachen. Ja gehts noch? Was bittschön ist im September anders als jetzt im Mai, Juni?
Jena soll bitte mit Würde runtergehn und ned so ein Kasperltheater aufführen.

harie
10 Tage her

Entweder es werden alle gleich bewertet oder gar nicht.
Also Abbruch und Wertung nach aktuellem Stand oder Annullierung und alles auf Null. Letzteres wäre wohl die fairste Lösung.

Die Rosinenpickerei muss endlich ein Ende haben.

United Sixties
10 Tage her

Kann mich dazu nur der Weisswuaschd aus der http://www.loewenbar.de anschließen:
Ostklubs ausschließen ..oder nun konkret „alle Klubs , die nicht wollen“
mit Punkteabzug bestrafen!
Und mein Besuch in Jena zum letzten Punktspiel vor Corona war definitiv mein allerletzter in Thüringen!

anteater
10 Tage her
Reply to  United Sixties

Ostklubs ausschließen?

Also, Chemnitz und Rostock haben wohl für eine Fortsetzung gestimmt, Jena, Halle und Magdeburg haben einen gewissen Wettbewerbsnachteil durch die Regelungen in ihren Ländern. Weiß nicht, ob das jetzt einen Ausschluss pauschal aller Ostklubs nach sich ziehen sollte.

Und was ist mit den Westklubs, die gegen eine Fortsetzung gestimmt haben. Sollte man die der Fairness halber dann nicht auch ausschließen, sogar eher noch als die Fortsetzungswilligen Chemnitz und Rostock?

tomandcherry
10 Tage her
Reply to  United Sixties

@United Sixties Also ausschließen würde ich keinen Verein, egal mit welchen absurden Argumenten man den jeweiligen Vorteil pro Aufstieg bzw. contra Abstieg zu untermauern versucht. Letzten Endes spielen ja doch einige Faktoren mehr oder weniger stark in diese ziemlich verfahrende Situation mit rein. Verschiedene Bundesländer bzw. Regionen/Landkreise/Städte/Gemeinden haben sehr unterschiedliche Vorgehensweisen, wie sie die gültigen Maßnahmen umsetzen bzw. diese wieder lockern/zurücknehmen. Dass sämtliche Vereine penibel darauf achten, jede noch so kleine Chance auf einen (sportlichen) Vorteil zu ihren Gunsten zu nutzen, ist doch klar. G. Gorenzel plädiert doch ebenfalls dafür, dass diese Saison sportlich zu Ende gespielt werden muss (!),… Read more »

anteater
10 Tage her
Reply to  ArikSteen

Nach dem, was ich so auf anderen sozialen Medien mitbekomme, wird das zumindest in Bezug auf Fußball gerade noch krasser oder zumindest noch krasser geäußert. Als ob die Gesellschaft nicht schon genug gespalten wäre.

Sechzga
9 Tage her
Reply to  United Sixties

Ich bin ehrlich gesagt auch für sofortigen Lizenzentzug bzw. drastischen Punktabzug, wenn Vereine offensichtlich nicht bereit sind das zu tun wozu sie sich mit der Lizenznehmung verpflichtet haben. Solche Vereine haben im Profifussball (und die 3. Liga ist Profifussball) nichts verloren. Es geht um den Erhalt der 3. Liga, um die Möglichkeit das noch durchlässige System DFL-DFB aufrechtzuerhalten. Sonst wird die DFL sehr schnell zu dem Schluß kommen, dass sie bei den chaotischen Verhältnissen im DFB-Bereich dann doch am liebsten unter sich bleibt. Dann haben wir die von nicht wenigen Akteuren im Profifussball gewünschten amerikanische Verhältnisse mit weitgehend gesicherten Investment… Read more »

Reinhard Friedl
11 Tage her

Wenn ich die Corona-Zahlen von Jena mit München vergleiche, kann ich den Argumenten vom FC Carl Zeiss Jena nicht ganz folgen:
Jena (in Klammern München)
Gesamtfälle: 159 (6.157)
Fälle pro 100 T Einwohner: 142,7 (418,4)
neue Fälle letzte 7 Tage pro 100 T Einwohner: 0,9 (13)
Tote: 3 (172)
Einwohner: 111.407 (1.471.508)
Derzeit hat Jena 4 aktive Fälle, davon ist eine Person im Krankenhaus. In München sind derzeit 85 Personen im Krankenhaus von 1.072 aktuell Infizierten.
Warum wohl der FC Carl Zeiss Jena die weitere Sperrung der Sportstätten im Bundesland Thüringen verteidigt?

anteater
11 Tage her

Das die ihre Chance auf einen Klassenerhalt sehen und ergreifen wollen, ja, naheliegend. Verständlich? Finde ich schon. Das sollte auch niemals Entscheidungsgrundlage des Verbandes sein. Wo die Jenenser allerdings nichts dazu können, das sind die Vorgaben der Landesregierung. Sofern ich es korrekt verstanden habe, dürfen die beim FCC nur einzeln trainieren (1 Trainer + 1 Spieler). Und da muss ich als Sportsmann schon sagen, dass es nicht fair wäre, denen jetzt zeitnah eine Ligafortsetzung aufzuzwingen. So nahe verfolge ich das alles gerade nicht, aber trifft das nicht auch noch Mannheim? Und bei den Klubs aus Sachsen-Anhalt gibt es, wenn ich… Read more »

bluwe
11 Tage her
Reply to  anteater

Dieser Vorschlag ist so schräg wie grad nochmals was.
– Die Absteiger sind nicht fix – weil es könnte ja noch der Klassenerhalt geschafft werden
– Die Aufsteiger sind fix? – Anmerkung: es könnten aber noch andere aufsteigen

– Entweder Konjunktiv für alle => dann muß die Saison sportlich zu Ende gebracht werden
– oder gar kein Konjunktiv für alle => dann muß die jetzige Tabelle für den auf- Abstieg herangezogen werden oder die Saison wird komplett annulliert

Alexander Schlegel
11 Tage her
Reply to  bluwe

Genau so isses … Dass die kaum vernünftig trainieren können, ist ein absolutes Argument und kaum verständlich angesichts der Gesamtentwicklung im Fußball. Allerdings sind die Vorschläge heuchlerisch und zielen nur darauf sich doch wieder einen Vorteil am grünen Tisch zu verschaffen, wo man auf der Grünfläche versagt hat.

Alexander Schlegel
11 Tage her

Bis zu Punkt 3 fand ich den Brief gut und bedenkenswert. Leider sitzt den Herrschaften dann doch wieder das Hemd näher als der Rock, will sagen: es ist ein absolut durchsichtiges und verlogenes Manöver sich selber als den 1000% sicheren Absteiger am grünen Tisch die Profiliga zu erhalten. Aha, die oberen sollen Nutznießer von der momentanen Situation sein und bei den unteren wird die Tabelle eingefroren. Wie singt Pippi Langstrumpf nicht so schön: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Genau so gut könnte Gorenzel argumentieren, dass man den Trend der letzten 10 Spiele als realistischen Maßstab für… Read more »

Francis Underwood
11 Tage her

Guten Morgen, ich habe durchaus Verständnis für Jenas Situation! Vor allem, dass sie aufgrund behördlicher Anordnungen immer noch nicht trainieren können, ist natürlich ein enormer Wettbewerbsnachteil. Ich finde es auch sehe positiv, dass sie einige Vorschläge vorgetragen haben. Das ist schon sehr löblich! Es wird oft nur kritisiert und gemeckert, ohne aber selber einen Vorschlag zu machen. Das ist hier nicht (mehr) der Fall; wie gesagt, finde ich gut. Was mich aber richtig stört sind die Punkte 2 und 3. Es sollen also 2 Mannschsften „am grünen Tisch“ aufsteigen, aber absteigen soll, da noch alle Mannschaften die Chance auf den… Read more »

DonZapata
11 Tage her
Reply to  ArikSteen

@arik Das finden die Regionalligesten bestimmt nicht geil.
Vor allem, wenn es Auf- und Abstieg in der 2. Liga gibt, muß es den auch in 3. geben.

michl60
11 Tage her
Reply to  ArikSteen

Mit den 5 Aufsteigern aus den Regionalligen hättest du dann 27 Mannschaften in der Liga, das wird so nicht funktionieren