Gestern hatten wir im Löwenmagazin die Disneyfizierung der Fußballwelt thematisiert. Weil der 1. FC Kaiserslautern mit dem Gedanken spielt, Anteile an einen großen Multi-Klub-Besitzer zu verkaufen. Heute blicken wir weiter über den Tellerrand und auf ein aktuelles Ereignis: den Verkauf von Newcastle United.

Ein interessanter und vielleicht notwendiger Blick über den Tellerrand

Fans von Newcastle United feiern, weil sie ihn endlich loshaben – ihren verhassten Investor. Mike Ashley wurde mit seinem Sportartikel-Handelsunternehmen “Sports Direct” zum Milliardär. Im Juni 2007 kaufte er sich den Klub Newcastle United. Größter Newcastle Fan aller Zeiten, so wirkte es anfänglich. Er traf sich mit Fans im Pub, saß im Newcastle-Trikot auf der Tribüne und ließ sich feiern. Doch am Ende trieb er die Fans in den Wahnsinn. Bereits ein Jahr nach Übernahme wollte er verkaufen, weil er merkte, dass der Klub hoch verschuldet war. Einen Käufer fand er nicht. Unbeliebt machte er sich, weil er das Stadion St. James Park zu Ehren seines eigenen Unternehmens in “The Sports Direct Arena” umbenannte. Weil er wirre Personalentscheidungen traf. Weil er seinen Klub in die 2. Liga abschmieren ließ. Mittlerweile ist Newcastle United zurück in der 1. Liga, in der Premier League. Doch Investor Ashley ist bekannt dafür, immer genau so viel Geld in seinen Klub zu stecken, dass der nicht erneut absäuft. Momentan ist Newcastle in der Premier League Vorletzter.

Nun endet die Geschichte. Die Fans feiern. Mike Ashley hat Newcastle United verkauft. Das Absurde an der Sache, sie wollen Ashley so unbedingt loswerden, dass ihnen scheinbar völlig egal ist, wer neuer Besitzer wird. Für 300 Millionen Pfund geht Newcastle über die Ladentheke. Neuer Besitzer ist eine Investorengruppe unter maßgeblicher Beteiligung des saudischen Staatsfonds, der unter der Kontrolle des Kronprinzen Mohammed bin Salman ist. Damit zieht Saudi Arabien nach. Katar besitzt bereits Paris Saint-Germain. Abu Dhabi besitzt Manchester City. Den Saudis gehört nun Newcastle United.

Es ist mühseelig zu betonen, dass Saudi-Arabien eine streng konservativ islamische Monarchie hat. Das es viele Fragezeichen gibt im Hinblick auf Menschenrechte, Frauenrechte, Religionsfreiheit oder den Umgang mit Homosexualität. Oder dass dem Kronprinzen seitens der CIA und den UNO-Sonderermittlern zumindest eine indirekte Beteiligung bei der Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi vorgeworden wird. All das ist mühsam, weil es im Hinblick auf Katar irgendwie auch niemand so richtig interessiert. Nicht nur im Hinblick auf Paris Saint-Germain, sondern auch im Hinblick auf die kommenden Weltmeisterschaften. Laut BBC soll der Fonds seitens der Premier League “vom Staat getrennt” betrachtet werden. Der Kronprinz ist nur indirekt Mehrheitseigner. Als Mehrheitseigner des Mehrheitseigners, was die Übernahme möglich machte.

Die Fans feiern. Sie hoffen auf einen großen Geldsegen. Und wollen den bisherigen Besitzer vergessen. Denn er hat nicht investiert. Nicht in den Klub, nicht ins Stadion und nicht ins Trainingsgelände. Das könnte sich nun ändern. Hofft man. Geld spielt eigentlich keine Rolle. Das saudische Königshaus ist eines der reichsten auf der Welt. 81 Milliarden Euro schätzt Forbes. Und Saudi Arabien wird wohl Katar und Abu Dhabi Paroli bieten wollen.


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Titelbild: Photo by Alex Morton/Getty Images

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tsvmarc
tsvmarc(@tsvmarc)
Bekannter Leser
3 Monate her

Irgendwann fällt einem der Wahnsinn wieder vor die Füße. Solche Konstrukte werden nicht ewig gutgehen. Mit dem Einstieg unseres Investors solte alles besser werden. Wenn ich mich so an die Versprechen erinnere…..jetzt sehe, wo wir gelandet sind und die Bilanzen sehe……….

Stefan_Kranzberg
Stefan_Kranzberg(@kranzberg)
3 Monate her

Wenn man ehrlich ist, feiern die aber nicht die Übernahme durch den neuen Investor, sondern vielmehr, dass sie den bisherigen Eigentümer weiterhaben.

Im Endeffekt vom Regen in die Traufe. Beschissene neue Fußballwelt!

James Howard
James Howard (@guest_59903)
Gast
Reply to  Stefan_Kranzberg
3 Monate her

Das stimmt so nicht – der englische Fan feiert die hoffnung auf geld und grosse transfers, das ist, leider, jetzt das wichtigste in unserer fussball – kultur.

anteater
anteater(@anteater)
Reply to  James Howard
3 Monate her

Stimmt! Wobei das natürlich extrem kurzssichtig ist, denn mehr Geld bedeutet nicht, dass mehr gute Spieler da sind, sondern dass bei gleichbleibendem Angebot mehr Marktteilnehmer mit zu viel Kohle vorhanden sind. Heißt, dass Spieler teurer werden, wie man ja schon seit vielen Jahren beobachten kann.

Ein mal einen Spieler an Man City verkaufen und wir sind saniert.

Snoopy.
Snoopy.(@snoopy)
3 Monate her

Mal sehen, wo das hinführt. Auch beim TSV wurde der Investor anfangs als großer Hoffnungsträger gesehen, der Geld in die Firma pumpt. Kein “Tafelsilber mehr verkaufen” und ähnliches waren die Erwartungen. Das Ende ist bekannt, der TSV hatte schlussendlich mehr Schulden als zuvor, unzählige Spieler, Trainer, Sportdirektor, Geschäftsführer, Präsidenten und sonstige Personen, die mitredeten und zum Schluss einen großen Trümmerhaufen vor der Haustür.

chemieloewe
chemieloewe(@chemieloewe)
Bekannter Leser
3 Monate her

Vom Regen in die Traufe!??? Der Kommerzwahnsinn geht weiter, schrecklich…!!!😖

anteater
anteater(@anteater)
3 Monate her

Eine Webemaßnahme der Saudis. Wie schon bei Katar soll dem düsteren Staat (zumindest aus westlich-humanistischer Sicht wohl unbestritten) ein freundliches Gesicht verpasst werden.

Übrigens fehlt bei der Aufzählung oben noch, dass fast alle 9/11-Attentäter Saudis waren. Müßig jetzt noch darauf einzugehen, wie einst westlich orientierte Staaten wie der Libanon Dank der Saudis in die humanistische Steinzeit zurückgeholt wurden und das alles für deren rückständige Islaminterpretation.
.
Und in Newcastle verkaufen sie halt ihre Seele an den Höchstbietenden und das für die bescheidene Hoffnung auf Erfolg. Da nähme ich lieber Erfolglosigkeit und Authetizität.