Michael Köllner hat den Löwen am Montag freigegeben. Bei vielen Fans sorgt das nach der Leistung in Mannheim für Unmut. Sportwissenschaftlich macht es allerdings Sinn – nämlich dann, wenn die taktische Periodisierung es so vorsieht.

Training a lá Werner Lorant und zur Strafe für die Leistung in Mannheim extra Trainingseinheiten aufbrummen? Kann man natürlich machen, es widerspricht jedoch sportwissenschaftlich dem heutigen Fußball. Der ist nämlich schneller und athletischer geworden und setzt damit eine sehr strikte taktische Periodisierung voraus. Ein Lorant würde zumindest mit der Trainingsform von damals in der 3. Liga keine Mannschaft in den Aufstiegskampf führen. Was nicht heißt, dass er sich nicht auch weiterentwickelt hat und mit dem modernen Fußball umgehen könnte. Das soll hier nicht bewertet werden.

Taktische vs. klassische Periodisierung

Die Vorbereitungszeit vor der Saison reicht nicht aus, Fußballspieler müssen auch während der Saison taktisch und konditionell weiterentwickelt werden. Das unterscheidet sie wesentlich von Individualsportlern, die mit einer klassischen Periodisierung ihre Leistung bis zum Saisonhöhepunkt kontinuierlich steigern und dann abrufen können. Auf Belastungsspitzen in der Saison, wie sie zum Beispiel Skifahrer Linus Straßer nutzt, wird im Fußball in der Regel verzichtet.

Die Regenerationsphase sorgt für Anpassung der Leistungsfähigkeit

Wer die körperliche Leistungsfähigkeit steigern möchte, muss Belastungsreize bis zur Ermüdung des Körpers setzen. Ein wesentlicher Punkt dabei ist die Regeneration. Erst in der Regenerationsphase kann der Körper die Leistungsfähigkeit über das ursprüngliche Niveau hinaus steigern. Diese Regeneration kann passiv als auch aktiv geschehen. Wer keine Regeneration zulässt, der riskiert nicht nur Verletzungen, sondern verhindert eben auch die Weiterentwicklung.

Die Regeneration nach dem Spieltag

Die Heterostase ist eine adaptive Antwort des Körpers auf eine bestimmte Belastungssituation. Sie wird ständig durch Training und Wettkampf provoziert und ist erforderlich für das Auslösen von entsprechenden Anpassungsprozessen des Körpers. Sie ist besonders hoch nach einem Spieltag und sorgt dafür, dass ein Tag nach einem Spieltag die Ermüdung steigt. In der Regel wir mit einer geringen Intensität eine aktive Regeneration durchgeführt. Diese aktive Regeneration, die bei einem Spieltag an einem Samstag dann entsprechend am Sonntag durchgeführt wird, regt die Durchblutung an und hilft die Blutgase auf ein Normalniveau zu bringen. Die aktive Regeneration beschleunigt die Regeneration also insgesamt. Der zweite Tag nach dem Spieltag, das wäre in dem Fall der Montag, dient zur Auffüllung der Energiespeicher und zur Regeneration der Muskelzellen. Man geht dabei davon aus, dass an diesem Tag die Ermüdung durch diese entsprechenden Prozesse am größten ist. Weshalb man am zweiten Tag nach dem Spieltag also komplett auf Training verzichtet. Das Köllner den Löwen am Montag frei gibt, ist also zumindest sportwissenschaftlich erklärbar. Sofern er sich an diese Form der taktischen Periodisierung hält.

Die Vorbereitung auf das kommende Spiel

In der Regel folgen dann an normalen Wochen drei Tage Belastung. In unserem Beispiel sind das dann Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Die Komplexität sollte dabei von Dienstag auf Mittwoch zunehmen und dann am Donnerstag geringer ausfallen. Die Schnelligkeit wird schwerpunktmäßig auf den Dienstag gelegt, Ausdauer auf den Mittwoch und Kraft auf den Donnerstag. Mit dem spezifischen Schnelligkeitstraining am Dienstag können insbesondere Laufduelle, Dribbling und Pressing trainiert werden. Der Mittwoch dient dazu mannschaftstaktische Aspekte mit langer Dauer durchzuführen, was in der Vorbereitungsphase für das nächste Spiel den höchsten emotionalen Stress und höchste Komplexität bedeutet. Am Donnerstag wird dann die spezifische Kraft in den Vordergrund gerückt. Das kann vor allem mit Schuss- und Schnellkraft im Spiel angegangen werden. Hier sollen die Fußballer auch die Kraft für die Zweikämpfe erwerben.

Die Frage ist natürlich, inwiefern mir als Trainer es dabei gelingt nicht nur taktische Aspekte zu vermitteln, sondern die Spieler auch körperlich im Hinblick auf Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit weiterzuentwickeln. Wie bereits anfänglich erwähnt, reicht es eben nicht aus dies nur in der Saisonvorbereitung zu tun.

Am Freitag folgt dann das sogenannte Tapering, die Vorbereitung auf den Spieltag. Mit Tapering bezeichnet man die Reduktion der Trainingsbelastung, psychologischer und physiologischer Stress sollen reduziert werden, um dadurch die Leistung zu optimieren. Wird da Volumen des Trainings zu sehr heruntergefahren, kann es sein, dass der erforderliche Reiz am Spieltag nicht mehr groß genug ist. Ist das Volumen zu hoch, dann ist die Erholung zu niedrig und die Leistung kann nicht optimal abgerufen werden. Das Tapering oder auch umgangssprachliche “Anschwitzen” dient auch als aktive Erholung nach den drei Belastungstagen.

Ist die Belastungsperiodisierung bei den Löwen richtig gestaltet?

Damit nicht beantwortet ist natürlich die Frage, ob die Belastungsperiodisierung bei den Löwen richtig gestaltet wird. Für Außenstehende erscheinen die Löwen an Spieltagen nicht immer topfit. Hier muss man sich natürlich fragen, ob das Training richtig periodisiert wird und ob ausreichend trainiert wird. Ist das nicht der Fall, muss die Intensität erhöht werden. Dabei ist es, wie bereits erwähnt, wichtig die taktischen Aspekte mit der athletischen Weiterentwicklung zu verbinden. Was allerdings zumindest in der Theorie nichts daran ändert, dass nach dem oben aufgezeigten Modell am Montag eine aktive Regeneration stattfinden sollte und kein Training stattfindet. Die Frage, ob die Belastungssteuerung bei den Löwen richtig gestaltet wird, diese Frage können natürlich nur diejenigen beantworten, die direkt im Training eingebunden sind. Klar ist jedoch, dass Kondition und Athletik mit der Taktik Hand in Hand gehen. Bin ich konditionell nicht in der Lage, dann kann ich eine entsprechend vorgegebene Taktik auch nicht oder nur bedingt umsetzen.

Fazit

Wird eine taktische Periodisierung angewandt und diese sieht den Montag als freien Tag vor, dann sollte es auch so durchgeführt werden. Ob die Periodisierung insgesamt beim TSV 1860 München funktioniert, steht auf einem ganz anderen Blatt.

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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Eglinger Bua

Hochinteressanter Artikel👍.

“Ob die Periodisierung insgesamt beim TSV 1860 München funktioniert, steht auf einem ganz anderen Blatt.”

Ich denke schon, dass die Periodisierung bei der Mannschaft funktioniert. Man hat da einen absoluten Fachmann geholt.