Seit dem 09.11.2019 ist Michael Köllner Cheftrainer der ersten Profi-Mannschaft des TSV 1860 München. Sein erstes Spiel an der Seitenlinie der Löwen war ausgerechnet das prestigeträchtige Duell gegen die kleinen Bayern (Endergebnis 1:1). Am kommenden Mittwochabend treffen die Löwen erneut auf den Nachwuchs des Fußballkrösus aus der Seitenstraße. Für Michael Köllner bedeutet dieses Wiedersehen aber auch, dass er mit dem vergangenen Spieltag für 19 Spiele, und damit für eine komplette Halbserie, bei Sechzig in der sportlichen Verantwortung steht. Wenn man es so will, dann holte Michael Köllner in einer Saisonhälfte insgesamt 32 Punkte mit seinen Löwen. Dies entspricht einem Schnitt von 1,68 Punkten pro Spiel. Vergleicht man diese Bilanz mit der ersten Hälfte der Saison 2019/20, hätte man die Köllner-Truppe nach dem 19. Spieltag im oberen Drittel der Tabelle vorgefunden. Punktgleich mit dem Dritt- und Viertplatzierten aus Braunschweig und Unterhaching. Lediglich Duisburg mit 38 Zählern und der FC Ingolstadt 04 mit 34 Punkten wären zu diesem Zeitpunkt erfolgreicher gewesen. Eine Bilanz von Michael Köllner und seinen Löwen, die sich sehen lassen kann. Und die Hoffnung auf die verbleibenden Spiele machen sollte.

Keine Zuschauer = keine Emotionen?

Am Mittwochabend geht wieder das Flutlicht auf Giesings Höhen an. Um 20:30 Uhr stehen sich die Stadtrivalen in Rot und Blau zum mit Spannung erwarteten Kräftemessen gegenüber. Mit einem flauen Gefühl in der Magengrube ist man an dieser Stelle geneigt daran zu denken, wie es denn wäre, so ganz ohne Corona. Wie die Ameisen würden die Weiß-Blauen Obergiesing um den Grünspitz herum belagern. Das Stadion wäre bis auf den letzten Platz ausverkauft und ja, die Roten wären auch da. Vielleicht wieder mit einem Eimer roter Farbe in unserer schönen West. Egal, lassen wir diese Gefühlsduselei. Der Profifußball ist derzeit so nüchtern, wie er nur sein kann. Vor leeren Rängen geht es um nichts weiter als um Tore und Punkte. Ein Spiel ohne Emotionen? Gibt es so etwas überhaupt? Auch wenn die Spielübertragungen mit deutlich vernehmbaren Stimmen von Spielern und Trainern derzeit eher wie Freundschaftsspiele wahrgenommen werden, auf dem Rasen ist immer Leidenschaft dabei. Das spürt man nicht erst, wenn Kollege Sascha Mölders seinem Gegenspieler von Angesicht zu Angesicht die Meinung geigt, oder sich nach Spielschluss das Trikot zerreißt. Ohne Emotionen geht es nicht. Und genau da sollten die blauen Löwen die roten Bubis packen.

Erfolgreich durch Torgarantie

Die sehr junge Truppe von Cheftrainer Sebastian Hoeneß, dem Sohn des sympathischen „Schwabenpfeils“ Dieter Hoeneß (bekannt aus seiner Bundesligazeit beim VfB Stuttgart), schwimmt derzeit auf einer Erfolgswelle, deren Scheitelpunkt noch nicht absehbar zu sein scheint. Seit dem Re-Start spielt die Reserve des Meisters der Rekorde trotz des niedrigen Durchschnittsalters seines Kaders (21,8 Jahre) befreit auf. In sieben Spielen holten die roten Bubis fünf Siege und zwei Unentschieden. Derzeit ist die rot-weiße Seitenstraßen-Reserve der Spitzenreiter der Dritten Liga. Geht es nach den Worten des erfahrenen Fußballtrainers Michael Köllner, liegt der Grund für diesen Erfolg auf der Hand. Ohne Druck der gegnerischen Fans von den Rängen können die jungen, noch unerfahrenen Spieler befreit aufspielen. Dabei entfalten sich gerade die zweifelsfrei vorhandenen technischen Fähigkeiten besonders gut. Genau diese Entfaltung gilt es am Mittwochabend zu unterbinden. Fast unmöglich wird es dabei sein, die Torgefahr eines Kwasi Okyere Wriedt über die vollen 90 Minuten im Zaum zu halten. Der Mittelstürmer, dessen Wechsel am Ende der Saison zu Willem II Tilurg in die niederländische Ehrendivisie (1. Liga) bereits feststeht, trifft fast nach Belieben. Mit 23 Toren (5 Vorlagen) führt der 25-jährige Stürmer die Torschützenliste der Liga unangefochten an. Seit der Corona-Zwangspause hat der Ghanaer in sieben Spielen sechsmal getroffen. Mit dieser eingebauten Torgarantie sind die Roten in dieser Saison erst zweimal ohne eigenen Torerfolg vom Feld gegangen. An seiner Seite in einer von Sebastian Hoeneß bevorzugten 4-4-2 Formation durfte der erst 18-jährige Deutsch-Amerikaner Malik Tillman auf Torejagd gehen. Der U19-Spieler ist für den derzeit verletzten 3-Millionen-Einkauf vom Hamburger Sportverein Fiete Arp in die Mannschaft gerückt und genießt das vollste Vertrauen seines Trainers. Hinter den gefährlichen Spitzen lässt Trainer Hoeneß vier Mittelfeldspieler in einer flexiblen Raute agieren. In der Rückwärtsbewegung kann so schnell eine zweite Viererkette vor der Abwehrreihe gebildet werden, welche die Räume in der eigenen Hälfte möglichst eng machen. In umgekehrter Richtung können wahlweise die Außenpositionen besetzt werden oder ein Spieler stößt aus dem zentralen Mittelfeld in den von den Mittelstürmern geschaffenen Freiraum ins Sturmzentrum.

Jung, erfolgreich, sucht…!

Auf der Schlüsselposition im zentral offensiven Mittelfeld war in dieser Saison oft der Neuseeländer Sarpreet Singh zu finden. Zuletzt konnte der 21-Jährige aber kaum noch seiner Mannschaft helfen, da sein Können bei den Profis in der Fußball-Bundesliga gebraucht wurde. Ob das am Mittwoch auch so ist, wird man sehen. Nachdem der so übermächtige alles überstrahlende FCB zum x-ten Mal die Meisterschaft vorzeitig für sich entschieden hat, könnte es durchaus sein, dass der ein oder andere Spieler von den Profis die Mannschaft von Sebastian Hoeneß am Mittwoch verstärken wird. Joshua Zirkzee und Alfonso Davis sind da nur zwei mögliche Namen von Spielern, die aktuell mehr bei den Profis ihr Können unter Beweis stellen durften als in der Reservemannschaft, deren Kader sie eigentlich angehören. Chris Richards, 20-jähriger US-Boy, dürfte ebenfalls in diese Kategorie fallen. In der laufenden Saison war er eine feste Größe in der Innenverteidigung. In den beiden letzten Liga-Spielen musste er allerdings wegen Abberufung in den Profikader passen. Dem Trainer Sebastian Hoeneß dürfte es aber egal sein. Sein Kader ist mit 32 Mann groß genug und die jungen Spieler aus der zweiten Reihe brennen auf ihren Einsatz, um sich für höhere Aufgaben zu bewerben. Schließlich hat jeder von ihnen einen Traum und der heißt Profi-Kader der ersten Mannschaft. Ob der 19-jährige Tylor Booth im Mittelfeld aushelfen darf, oder der erst 17-jährige Jamal Musiala von der Bank aus kommend noch die Kohlen aus dem Feuer holen muss (gelungen mit zwei Toren im Spiel gegen Zwickau), die Auswahl an jungen gut ausgebildeten Spielern scheint bei unserem nächsten Gegner unerschöpflich. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch der in der eigenen Jugend ausgebildete Maximilian Zaiser. Der 21-Jährige stand in den letzten fünf Partien viermal im zentralen Mittelfeld in der Anfangsformation. Gleichzeitig sind das aber auch seine ersten vier Drittliga-Einsätze in dieser Saison. Erfahrung hat einen anderen Namen. Die kann in der roten Reserve der Andersgläubigen wohl nur der Kapitän Nicolas Feldhahn (33 Jahre; Innenverteidiger), Maximilian Welzmüller (30 Jahre; defensives Mittelfeld) und der am Anfang der Saison vom Waldhof aus Mannheim gewechselte Timo Kern (30 Jahre; zentrales Mittelfeld) vorweisen.

Welcher Match-Plan ist der richtige?

Am Ende wird es aber egal sein, wer bei den Roten am Mittwochabend auf dem Platz stehen wird. Der Löwendompteur weiß, dass seine Mannschaft dieses Spiel nicht über Ballbesitz und Kombinationsfußball für sich entscheiden können wird. Emotionen und Entfaltung können die Schlüsselwörter im Match-Plan der Löwen für das so prestigeträchtige Derby sein. Der fehlende Druck von den Rängen muss von jedem einzelnen Löwen auf seinen Gegenspieler ausgeübt werden. Die Emotion, die Leidenschaft, der Wille muss von Anfang an spürbar sein. „Du kommst nicht an mir vorbei, Bürschchen“. Was so platt und einfältig klingt, ist oft ein probates Mittel, um einem möglicherweise stärkeren aber eben unerfahrenen Gegner seine Stärke zu nehmen und die eigene auszuspielen. Gleichwohl gilt es natürlich auch, den Spielfluss der Roten zu unterbinden. Die technisch versierten Spieler des Gegners dürfen keinen Raum zur Entfaltung vorfinden. Die Abstände zu den Mitspielern müssen gering gehalten, die Gegenspieler aggressiv angelaufen werden. Der Konter, wie zuletzt des öfteren schon bewiesen, ist dabei durchaus ein Mittel, um selbst zum Torerfolg zu gelangen. Die Reserve des FCB wäre nicht der erste Spitzenreiter, der gegen die Löwen Federn lässt.

Wie ist Euer Match-Plan für das anstehende Derby? Wen soll Michael Köllner in Euren Augen auf den Platz schicken, um den Bayern-Bubis die Stirn zu bieten?

Unser FanTicker zum Spiel: https://loewenmagazin.de/fanticker-35-spieltag-fc-bayern-muenchen-ii-vs-tsv-1860-muenchen/

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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Löwin
Leser
Löwin (@lini)
12 Tage her

Mei würde ich mich freuen, wenn wir des Gewinnen…. Des wäre der absolute Hammer…
Wir müssen des Gewinnen!!! 🍀🍀🍀🍀
Bin schon ganz hibbelig 😅😁

💙🦁💙

Blue Power
Leser
Blue Power (@blue-power)
12 Tage her

Wird ein harter Brocken! 
In der Abwehr muss konsequent verteidigt werden und wir müssen aufpassen, dass wir von deren sprintstarken und technisch versierten Spielern nicht überlaufen werden. Das Motto muss sein, hinten Beton anrühren und mit schnellen Kontern und Vorstößen die wichtigen Nadelstiche setzen. Denn die Seitenstraßler sind durchaus anfällig in solchen Spielsituationen.

Last edited 12 Tage her by Blue Power
Tami Tes
Redakteur
Tami Tes (@tamites)
12 Tage her
Reply to  Blue Power

Bin bei Dir… ich frage mich nur, wer diesen Beton hinten anrühren soll? Wir kennen ja die anfällige linke Seite. In dem Fall müsste Steinhart auf die Bank?! Vor so einer Taktik habe ich eigentlich eher Angst. Den der Beton kann ja bröckeln, kleiner individueller Fehler und schon ist die Kugel im Kasten. Angriff ist doch immer die beste Verteidigung? „Einfach“ den Gegner nicht ins Spiel kommen lassen und seine Versuche so schnell wie möglich stören und unterbinden und versuchen ihn in seiner Hälfte festzuhalten. Das kostet zwar enorm viel Kraft, aber so ergeben sich gleich weniger Torchancen. Dann muss… Read more »

Blue Power
Leser
Blue Power (@blue-power)
11 Tage her
Reply to  Tami Tes

Ich denke am Anfang die Kraft mit dem Anlaufen gegen diese Truppe so zu vergeuden, ist nicht zielführend. Mit zwei, drei Pässen und einem Hackerl sind sie dann vorbei und spielen den gnadenlosen Pass in die Tiefe. Habe dies bei denen schon mehrmals verfolgt. Wenn wir so spielen, haben sie dann hinten raus noch extrem viele Körner und unsere Jungs haben sich dann in den ersten 60 Minuten total platt gelaufen. Am Anfang Kraft sparen, den Kleinen Seitenstraßlern auf die Füße steigen, abwarten und Nadelstiche mit Kontern setzen. Die letzten 25 Minuten dann richtig Gas geben und Deine Taktik anwenden,… Read more »

Last edited 11 Tage her by Blue Power
Blue Power
Leser
Blue Power (@blue-power)
11 Tage her
Reply to  Tami Tes

Ich will ja nicht den Oberlehrer raushängen lassen, aber genau dies habe ich kommen sehen und es war nun mal die falsche Taktik gegen diese Mannschaft. Aber sie haben Tapfer gekämpft, auch wenn am Ende die Luft und Kraft ausging. Mund abputzen weiter gehts.

Last edited 11 Tage her by Blue Power
Tami Tes
Redakteur
Tami Tes (@tamites)
10 Tage her
Reply to  Blue Power

Richtig – Mund abwischen. Das Ergebnis gefällt mir nicht, aber das Spiel war trotzdem gut. Die Löwen haben sich gute Chancen erspielt – leider ist die Chancenverwertung nicht gut gewesen und durch die individuellen Fehler (davon lebt der Fußball ja auch), ging das Spiel verloren.
„Kann man machen nix, muss man nehmen so.“

Alexander Schlegel
Alexander Schlegel (@a-schlegel)
10 Tage her
Reply to  Blue Power

Sehe ich überhaupt nicht so. Wir haben nicht die Spieler um uns hinten reinzustellen. Jeder moderne Fußballansatz heutzutage läuft darauf hinaus nach Möglichkeit die gegnerische Mannschaft schon in der eigenen Hälfte zu beschäftigen um es erst gar nicht zu einem Sturmlauf des (technisch überlegenen) Gegners kommen zu lassen. Wenn wir uns hinten reingestellt hätten, hätten die uns abgeschossen und sei es durch irgendwelche Querschläger. Darauf hätte sich ein Wriedt oder ein Tillmann nur gefreut. Da haben wir überhaupt nicht die richtigen Leute zur Verteidigung. Nein, das war schon absolut richtig, wie Köllner spielen hat lassen. Denn durch das aggressive Anlaufen… Read more »

DaBrain1860
Leser
DaBrain1860 (@dabrain1860)
12 Tage her

Am besten etwas härter in die Zweikämpfe gehen und den Bubis immer schön auf die Füße treten, natürlich so das sich niemand verletzt!
Man sollte ihnen die Spielfreude nehmen das sie ihre Technik nicht ausspielen können.

Sechzig ist der geilste Club der Welt
Ohne Hasan

anteater
Leser
anteater (@anteater)
12 Tage her
Reply to  DaBrain1860

Genau das. Eine andere Möglichkeit sehe ich gegen einen technisch deutlich stärkeren Gegner auch nicht.

Snoopy.
Leser
Snoopy. (@snoopy)
13 Tage her

Guter Vorbericht. 🙂 Alles andere als einfach, gegen die Bayern II zu bestehen. Aber man weiß ja nie. Sie mit Null Punkten nach Hause zu schicken hätte schon was. Für mich entscheidet sich diese Saison eh mit diesen nächsten zwei Spielen, gegen Bayern und Haching. Einfach hat es uns die Gestaltung des Spielplans, gerade mit den letzten 5 Spielen, durch der DFB nicht gemacht. Aber wenn man „mehr“ will, als eine „sorgenfreie“ Saison, dann darf so ein Schlussprogramm nicht zählen und Bayern spielt eh außerhalb der Konkurrenz. Wenn wir mit unserem „macht alles falsch Präsidenten“ am Ende der Saison vor… Read more »