Die Stadionfrage beschäftigt die Verantwortlichen beim TSV 1860 München nicht erst seit dem Auszug aus der Allianz Arena. Sie ist seit Jahrzehnten integraler Bestandteil endloser Diskussionen und immer wieder werden auch komplett neue Denkansätze thematisiert. Kurz vor Weihnachten überraschte Präsident Robert Reisinger in einem Interview, das er dem Sportmagazin „kicker“ gab, mit einer bislang unbekannten Variante. Ein reines Fußballstadion, welches nach dem Leipziger Vorbild in das große Olympiastadion eingebettet werden könnte. Also ein Neubau wie die Red Bull Arena, welche in das alte Leipziger Zentralstadion hineingebaut worden ist. Das Olympiastadion, der größere Bruder vom Grünwalder Stadion, ist als weitere Stadionoption für die Zukunft stets präsent. Es ist bemerkenswert, wie oft 1860 München zwischen diesen beiden Stadien immer wieder hin und her gewechselt ist, vor allem in den Jahren vor dem ersten Zwangsabstieg im Jahr 1982.

Leipziger Vorbild: Neubau in ein bereits bestehendes Stadion

Als im Jahr 1966 das IOC beschloss, die Olympischen Spiele 1972 in München stattfinden zu lassen, liefen die Planungen für ein neues Stadion auf Hochtouren. Es entstand nicht nur das Olympiastadion mit seinem spektakulären Zeltdach, sondern zusätzlich der städtebaulich ebenfalls sehr gelungene Olympiapark mit mehreren olympischen Sportstätten. Die ersten sechs Heimspiele der Saison 1972/73 bestritt 1860 München noch im Grünwalder Stadion, da die Olympischen Spiele erst Mitte September zu Ende gehen sollten. Am 18. November 1972 wechselten die Löwen dann in das neue Olympiastadion und gegen den Freiburger FC sahen 11.000 Zuschauer einen fulminanten 6:1-Sieg bei der Heimpremiere. Im darauffolgenden Heimspiel gegen den VfR Heilbronn schnellte die Zuschauerzahl erstmalig hoch auf die Marke von 30.000. Der Zuschauerschnitt sollte sich bis zum Ende der Saison zwischen 8.000 bis 18.000 Zuschauern pro Partie einpendeln und lag damit aber im unteren Bereich der Kalkulation. Die Hoffnung, dass sich das Olympiastadion als sprudelnde Geldquelle erweisen würde, beruhte auf der hohen Anzahl von 47.000 Sitzplätzen. Die Mehrheit der Fans entschied sich jedoch für den Kauf einer billigeren Stehplatzkarte, was die Einnahmen bei schlecht besuchten Heimspielen im Vergleich zum Grünwalder Stadion jedoch kaum steigerte.

Spektakuläre Zuschauerzahl gegen FC Augsburg

Mehr als 90.000 Zuschauer gegen Augsburg: ewiger Stadionrekord

In der Saison 1973/74 bestritt der TSV 1860 die ersten 11 Heimspiele im Olympiastadion und die restlichen sechs Heimpartien wieder im Grünwalder Stadion. Am 2. Spieltag der Regionalliga Süd schrieb 1860 München im Heimspiel gegen den FC Augsburg Sportgeschichte. Die Zuschauerzahl kann nur geschätzt werden und die Schätzungen liegen zwischen 90.000 bis 100.000 Fußballfans. Nachdem 1860 München bereits in der 3. Minute in Führung gegangen war, überstiegen die vor dem Stadion wartenden Fanmassen einfach die Absperrungen. Die Verantwortlichen waren auf diesen Zuschauerandrang nicht vorbereitet gewesen und hatten im Vorfeld lediglich 50.000 Eintrittskarten drucken lassen. Schließlich wurden unnummerierte Ersatzkarten verkauft, aber der Andrang konnte damit auch nicht befriedigt werden. Trotz dieser irrsinnig hohen Besucherzahl gegen Augsburg blieb die weitere Entwicklung der Zuschauerzahlen hinter den Erwartungen zurück. Heimspiele vor lediglich 10.000 Zuschauern oder gar darunter waren in der Folgezeit nicht die Ausnahme, sondern wurden eher zur Regel. Der damalige FC Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker stellte nach den ersten Erfahrungen mit dem Olympiastadion Überlegungen an, mit seinem FC Bayern in den Wintermonaten in das Grünwalder Stadion umzuziehen. Es ist ein erstaunliches Zitat von Neudecker überliefert: „Das Stadion an der Grünwalder Straße hat ein Fluidum (Atmosphäre, Anm. d. Red.), das dem Olympiastadion fehlt.“

Spiel für die Ewigkeit – 1860 : Bielefeld 4:0 (2:0)

In der neugegründeten 2. Bundesliga Süd bestritten die Löwen in der Saison 74/75 erstmals alle 19 Heimspiele im Olympiastadion und erreichten mit mehr als 23.000 Zuschauern pro Spiel einen zufriedenstellenden Wert. Erneut gegen den FC Augsburg, aber auch gegen Saarbrücken und Bayern Hof, waren mehr als 50.000 Fußballfans in das weite Rund am Oberwiesenfeld gekommen. In der Saison 1975/76 machte sich jedoch der enttäuschende sportliche Verlauf stark bemerkbar und der Zuschauerschnitt sank auf 14.000. Im letzten Heimspiel der Saison fanden sich gegen Waldhof Mannheim 2.552 Anhänger im Olympiastadion ein, das Platz für 79.000 Zuschauer bot. Das Grünwalder Stadion reiche für die kommende Saison völlig aus, befand daraufhin das Präsidium. Nur zu Spitzenspielen wolle man ins Olympiastadion ausweichen, welches sich aufgrund des organisatorischen Aufwands bei geringen Zuschauerzahlen als zu teuer erwiesen hatte. Dieses Konzept sollte auf wundervolle Weise in der Folgesaison aufgehen. Zu den Spielen an der Grünwalder Straße kamen in der Saison 1976/77 zwischen 8.000 und 22.000 Zuschauer, im Olympiastadion gegen Kickers Offenbach 32.000 Zuschauer, gegen den VfB Stuttgart 77.600, gegen Nürnberg 45.000 und in der Aufstiegsrelegation gegen Arminia Bielefeld beim Jahrhundertspiel 60.000 Zuschauer.

Unter Denkmalschutz: Olympiastadion

In der Bundesligasaison 1977/78 blieb die Profimannschaft der Löwen die ganze Saison über im Olympiastadion, was durch die anfangs hohen Zuschauerzahlen auch gerechtfertigt erschien. Der TSV 1860 stieg am Ende trotzdem wieder in die Zweitklassigkeit ab und viele Fans mutmaßten, dass das stimmungsärmere Olympiastadion am Abstieg nicht ganz unschuldig gewesen sei. In der 2. Bundesliga Süd der Saison 1978/79 wurden 13 Heimspiele im GWS ausgetragen und sechs Partien im Oly. Gegen den Würzburger FV wurde mit 6.000 Zuschauer der geringste Zuschauerzuspruch verzeichnet und am letzten Spieltag gegen Saarbrücken mit 38.000 Fans der höchste. Am Ende dieser Spielzeit stand erfreulicherweise der erneute Aufstieg in die Bundesliga.

Bundesliga im Stadion an der Grünwalder Straße

Da das Präsidium von 1860 München die Anzahl von 8.430 Sitzplätzen im Grünwalder Stadion als zu gering ansah, wurden die Heimspiele in der Spielzeit 1979/80 wieder komplett im Olympiastadion ausgetragen. Für eine Sitzplatzkarte konnte man damals bis zu 26 DM verlangen, für einen Stehplatz lediglich 8,50 DM. Die 47.000 möglichen Sitzplätze im Olympiastadion gaben den Ausschlag für die Heimspielstätte am Oberwiesenfeld. Der Klassenerhalt wurde erreicht und in der folgenden Bundesligasaison 1980/81 entschied man sich in der Vereinsführung, 14 Heimspiele im Oly auszutragen und bei weniger zuschauerträchtigen Bundesligapartien (Bayer Uerdingen, Bayer Leverkusen) in das Sechzgerstadion zurückzukehren. Zum ersten Mal gegen Arminia Bielefeld am 8. November 1980 vor 18.000 Fans, somit war erstmals seit über zehn Jahren die Bundesliga wieder nach Giesing heimgekehrt. Leider konnte dies den erneuten Abstieg auch nicht verhindern.

Stadion an der Grünwalder Straße

Die Saison 1981/82 in der 2. Bundesliga sollte die letzte Spielzeit für längere Zeit im bezahlten Fußball werden. Der DFB statuierte an 1860 München am Saisonende ein Exempel und verfügte aufgrund von zu hohen Verbindlichkeiten den Zwangsabstieg in die Bayernliga. Bevor es soweit war, wurde zwölfmal am Oberwiesenfeld gespielt und siebenmal auf Giesings Höhen. Mit 11.300 Zuschauern wurde der schlechteste Zuschauerschnitt seit Errichtung des Olympiastadions erzielt und der traurige Höhepunkt vor dem Zwangsabstieg war das vorletzte Heimspiel gegen Bayer Uerdingen. Lediglich 1.200 Zuschauer wollten im Olympiastadion dieses Spiel sehen, fast 78.000 Plätze blieben leer.

Und wo wird 1860 München in Zukunft seine Heimspiele ausrichten? Man kann es derzeit unmöglich vorhersagen. Vieles scheint unmöglich oder vielleicht doch irgendwie. Dieses Thema wird den TSV 1860 München garantiert noch eine sehr lange Zeit begleiten.

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Kranzberg

Der Umzug ins Oly war zu jedem Zeitpunkt falsch, ebenso die Beteiligung an der Arena, die rein auf die Bedürfnisse des Lokalrivalen zugeschnitten wurde.

Sechzig München gibt’s nur in Giesing.

Loewen1860
Leser

Super Bericht! Für mich waren weder Oly noch AA jemals eine Spielstätte mit der man sich identifizieren konnte. Das ist finde ich das Hauptproblem der schlechten Zuschauerzahlen dieser beiden Stadien u wäre es mit Sicherheit auch selbst bei Umbau des Olys. Darum, lieber ein kleines 60er des in Giasing steht und mit dem sich alle identifizieren als nochmals zurück in Olypark. Ich muss dazu auch sagen, ich komm nicht aus Giesing, die AA war das Stadion mit dem geringsten Anfahrtsweg für mich – aber Heimatgefühle kommen nur im GWS auf!!!

DaBrain1860
Leser

Vielen Dank für diesen tollen und informativen Artikel, gerade für mich mit 81er Baujahr aber ich muss immer wieder feststellen das gws ist von allen drei Stadien der letzten Zeit einfach unsere Heimat und wird sie auch immer bleiben!

Faktenchecker
Leser

Anhand dieses historischen Überblicks lässt sich eines festellen: 1860 hat im Oly nur bei wenigen singulären Ereignissen hohe Zuschauerzahlen erreicht. Und selbst im zehnjährigen 1.Liga-Intermezzo ab den 90igern war die Auslastung immer deutlich unter 50% der Kapazität. Lediglich Spiele mit 10tsden Gästefans und eine „sehr kreative“ Veröffentlichung der offiziellen Zuschauerzahl suggerierten Zuschauerschnitte von ~30tsd. – von den Freikartenorgien ganz zu schweigen.

Mittlerweile scheint es aber immer mehr in die öffentliche Wahrnehmung einzusickern dass das Oly ja nicht einmal DFL tauglich ist, also als Spielstätte für 1860 ausscheidet. Nicht nur das, es ist ja von der Politik schon beschlossen worden dass dieser Mangel/Umstand durch festhalten am baulichen Status Quo für immer zementiert bleibt. Und das ist gut so.

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