Die Profimannschaft des TSV 1860 München entwickelt sich stetig. Ob Michael Köllner einen grünen Daumen hat? Wir wissen es nicht. Den weiß-blauen Daumen hat er neu definiert. Und zur Entschleunigung in der gesamten Löwenfamilie beigetragen.

Ein Kommentar

„Weniger Kritiker und einfach mal Fan der Mannschaft sein“, meint Trainer Michael Köllner nach dem Spiel des TSV 1860 München gegen den FC Ingolstadt 04. Es sind Worte, die entschleunigen. Man kann spekulieren, ob er dies bewusst tut oder instinktiv. Aber er tut es. Entschleunigen.

Der Coach der Löwen hat eine ganz eigene Art von Menschenführung. Das hört man immer wieder raus und sieht man auch auf dem Platz. Das Erfolgsgeheimnis: Man arbeitet im Training hart. Meint zumindest der Trainer selbst. Man nehme sich verschiedene Themen vor und die Mannschaft würde an diesen Themen wachsen. Aber was heißt das in der Konsequenz?

In jedem Spiel hängt man sich zweifelsohne rein. Man beschäftigt sich mit dem nächsten Gegner. Doch der große Vorteil, so wirkt es zumindest nach außen: niemals ohne das große Ganze aus dem Auge zu verlieren. Heißt: nicht die Entwicklung der Mannschaft zugunsten eines schnellen Sieges zu riskieren. Wo wir bei Basilikum wären. Die Versuchung ist groß, die aromatischen Blätter einfach abzuzupfen, um sie rasch zu konsumieren. Wer von seiner Basilikumpflanze lange etwas haben möchte, der muss gezielt ernten. Man sorgt dann dafür, dass die Pflanze kompakter und buschiger im Wachstum wird. Und man natürlich länger was von ihr hat. Bei Köllner und seiner Mannschaft scheint es ähnlich. Zweifelsohne fuchst es ihn, dass man im November einige Sieg-Chancen hat liegen gelassen. Und damit Punkte. Doch gerade das Spiel gegen den FC Ingolstadt 04 hat gezeigt, dass die Mannschaft in der Zwischenzeit kompakter geworden ist. Wie eben eine Basilikumpflanze.

Unter den Fans wurde von diversen Seiten lange ein Gedanke eingepflanzt: der Kader sei nicht breit genug aufgestellt. Das hat sich in vielen Köpfen fast schon manifestiert. Mit der Folge, dass immer wieder nach Verstärkung gerufen wird. Jetzt mit dem Ausfall von Quirin Moll wird der Ruf lauter. Der Vorteil: Sowohl Günther Gorenzel als auch Michael Köllner wirken im Moment nicht so, als würden sie in Panik verfallen. Da mögen Fans fordern und Presseleute spekulieren. Die sportliche Führung wird auf die aktuelle Mannschaft schauen, wird sich die Gesamtzielsetzung vor Augen halten und dann eine Entscheidung treffen. Vorbei sind die Zeiten, wo man rasant immer nur auf das nächste Spiel und eine potentielle Niederlage blickt. Verstärkt wird dann, wenn es dem Basilikumpflänzchen gut tut. Mitten in der Saison umzutopfen, zu viel zu gießen oder zu düngen tut ihr freilich nicht gut. Gleiches gilt im übertragenen Sinne für die Mannschaft.

Mit Michael Köllner kam ein entschleunigter Führungsstil, der ungemein wichtig für die Gesamtentwicklung ist. Diese Entschleunigung hat sich auf den gesamten Klub ausgewirkt. Auch auf die Gesellschafter, Verantwortlichen und Fans. Aber natürlich vor allem auf die Mannschaft. Das heißt nicht, dass man in irgendeiner Weise träge wird und den Anschluss verliert. Es heißt, dass man nicht von Spieltag zu Spieltag hetzt, sondern stattdessen eben auf die Gesamtentwicklung den Schwerpunkt legt. Im Gesamten und im Einzelnen. Mit der Mannschaft und jeder Spieler für sich. Genießen und ernten kann man trotzdem. Sowohl das Basilikum, als auch die Früchte der Profimannschaft. Die letzten beiden Spiele zeigen es.

Die Entschleunigung zeigt sich in Köllners Gelassenheit. Gelassenheit darf man dabei nicht mit Gleichgültigkeit, Abgestumpftheit oder Trägheit assoziieren. Gelassenheit in der Menschenführung zeigt sich durch konzentrierte Ruhe, Fassung, Selbstbeherrschung und Besonnenheit. Mit Bedacht ans Werk zu gehen hat nichts mit Langsamkeit zu tun, sondern mit überlegtem Handeln. Und dies führt oft schneller zum Ziel. Vielleicht sogar eine Liga höher. Wer weiß.

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
4.8 8 votes
Article Rating
11 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
View all comments

Snoopy.
Leser
Snoopy. (@snoopy)
1 Monat her

Trotz der Entschleunigung oder Gelassenheit eines Kollners kann man nicht sagen, dass es irgendwo eine Gleichgütigkeit, Abgestumpftheit oder Trägheit gibt. Weder bei den Akteuren innerhalb des TSV noch bei den Fans. Letztere gehen ja eher davon aus, dass man dieses Jahr noch aufsteigt, bzw. aufsteigen will oder sogar aufsteigen muss. Wobei viele dieser Fans noch vor Saisionbeginn davon ausgegangen ist, dass man eher absteigt, weil man eben nicht auf dem Transfermarkt zugeschlagen hat, weil man Spieler wie Berzel oder Rieder nicht halten konnte. Oder jetzt, da sich Moll verletzt hat und vermutlich in dieser Saison nicht mehr spielen kann.

Überlegtes Handeln spiegelt sich auch dadurch wieder, dass man von „Entwicklung“ redet. Nur eine Mannschaft, die sich entwickelt, kann schlussendlich auch erfolgreich sein. Und für eine Entwicklung braucht es nun mal Zeit. Die hat man, auch durch den Mehrheitsgesellschafter in diesen Zeiten. Man hat einen Korridor, in dem man sich bewegen kann, auch wenn dieser nicht so breit ist, wie mancher ihn gerne hätte. Dass man keine großen Sprünge auf dem Transfermarkt machen kann, dürfte jedem mittleweile klar sein und die Frage stellt sich auch, ob man das muss.

Ein Großteil der Mannschaft spielt jetzt das 3. Jahr in Folge zusammen. Das sieht man auch auf dem Platz, vor allem seit Köllner das Ruder in der Hand hat. Dazu kamen gezielte Transfers wie ein Biankadi, den man sich gleich mal für eineinhalbe Jahre ausgeliehen hat. Zum Vorteil von beiden Seiten. Mit dieser Verpflichtung hat man auch innerhalb des Kaders eine weitere Konkurrenzsituation, was der Gesamtheit gut tut. Und sollte man dieses Jahr den Aufstieg schaffen, dann hast du hoffentlich die Möglichkeit, den Großteil dieser Jungs auch zu halten. Denn nur so kannst du eine Liga höher auch bestehen, ohne eine Neuaufbau des Kaders.

Damit, dass man die Hinrunde auf Platz 3 beendet, mit den meisten Toren, unter den Top 5 ist bei den Gegentreffern, die letzten Spiele auch noch mit Null Gegentreffern gewinnen konnte, haben wohl die wenigstens gerechnet. Aber das ist der Beweis, dass es eine Entwicklung gibt, die einen positiv für die Zukunft denken lässt. Und auch, dass man den eigenen Nachwuchs dabei nicht vergisst, ihnen eine Perspektive gibt für den TSV sportlich an sich zu arbeiten.

_Flin_
Leser
_Flin_ (@flin)
1 Monat her
Reply to  Snoopy.

Wer meint, man müsse aufsteigen, wiederholt die Fehler der Vergangenheit.

Man muss gut und konzentriert arbeiten und die Mannschaft und jeden einzelnen Spieler weiterentwickeln. Das bedeutet auf der strategischen Ebene solide Finanzplanung und auf der sportlichen eine entsprechende Kaderzusammenstellung, auch im Jugendbereich.

Auf der taktischen Ebene eine bestmögliche Vorbereitung auf jedes einzelne Spiel, und dazu eine Belastungssteuerung, die Verletzungen minimiert aber auch Fitness und Nutzen der Trainingseinheiten optimal setzt.

Schafft man das alles, wird man mit etwas Glück früher oder später aufsteigen. Aber mit 33 Punkten ist noch keiner aufgestiegen. Dazu braucht es 70.

Gerede vom Aufstieg ist Wolkenkuckucksheim. Meppen zählt, sonst nichts.

Timo
Gast
Timo (@guest_53093)
1 Monat her

Grundsätzlich gut geschriebener Artikel!
Aber um ehrlich zu sein verstehe ich nicht so recht wo die Zielsetzung liegt?
Ist es der Aufstieg? Man spricht immer von Entwicklung. Nur kann man das in der Liga? In einer Liga wo jedes Jahr ein Minus erwirtschaftet wird? Kann man so junge gute Spieler auf Dauer halten? Wohl nicht! Und dann? Dann muss man wieder neu entwickeln.
Man muss so schnell wie möglich raus! Also muss man vielleicht manchmal was nachgießen🤷‍♂️

Timo
Gast
Timo (@guest_53095)
1 Monat her
Reply to  ArikSteen

Ja, dass ist genau das Problem. Mal ehrlich, so kann man aber nicht aufsteigen. Dafür sind wir zu dünn besetzt! Ist einfach so. Genau das meine ich. Ziele müssen ja realistisch sein. Und mit dem finanziellen Rahmen aufzusteigen ist fast, ich sage fast unmöglich.

swaltl
Leser
swaltl (@swaltl)
1 Monat her
Reply to  Timo

Als Dritter in der Tabelle kann man also nicht aufsteigen? Interessant….🤔

Ganz ehrlich: Wir haben in den letzten fünf Spielen 13 von 15 möglichen Punkten geholt und viermal zu Null gespielt. Spielt so eine Mannschaft, die nicht aufsteigen kann?

Sorry aber solange unsere Mannschaft so in Form ist wie in letzter Zeit ist dein Kommentar nicht unbedingt angebracht 😉

Last edited 1 Monat her by swaltl
Timo
Gast
Timo (@guest_53108)
1 Monat her
Reply to  swaltl

Natürlich ist die Mannschaft gut in Form. Und das freut mich auch. Aber es sind noch 19 Spiele in einem sehr kurzen Zeitraum. Da wirst Du zwangsläufig mal Ausfälle haben. Und diese können wir Stand heute nicht gut genug kompensieren um unter den ersten 3 zu bleiben. Gerne lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen.

vinzv
Leser
vinzv (@vinzv)
1 Monat her
Reply to  ArikSteen

So sehr ich die Gelassenheit, dieses behutsame Wachsen-Lassen schätze – die spannende Frage wird sein, wie mit einem Nicht-Aufstieg umgegangen wird. Und wie gelassen das gesamte Umfeld bleibt. Ob dann immer noch in nur sehr überschaubaren Maß nach Kaderverbreiterung gerufen wird.

Oder ob es dann doch wieder heisst „we go to the top“.

swaltl
Leser
swaltl (@swaltl)
1 Monat her
Reply to  vinzv

Du meinst den Nicht-Aufstieg in die Bundesliga in der nächsten Saison? 🤔🤣

Diese Saison wird es keinen Nicht-Aufstieg geben 😉

Last edited 1 Monat her by swaltl
_Flin_
Leser
_Flin_ (@flin)
1 Monat her
Reply to  ArikSteen

Man muss überhaupt nicht aufsteigen. Man muss so wirtschaften, dass man in der 3.Liga überlebt. Dieses „müssen“ sorgt nur wieder für finanzielle Kamikazeaktionen, weil es eine Alternativlosigkeit vorgaukelt, die so nicht existiert.

_Flin_
Leser
_Flin_ (@flin)
1 Monat her
Reply to  Timo

Wenns nach dem geht ist alles andere als ein Champions League Sieg zu wenig.

Kein deutscher Verein ausser dem FCB kann seine Spieler auf Dauer halten. Dortmund nicht, Leipzig nicht, Hoffenheim nicht, und alle anderen erst recht nicht.