Der Deutsche Fußball Bund hat auf Empfehlung der Task Force “Wirtschaftliche Stabilität 3. Liga” eine deutliche Änderung im Financial Fairplay beschlossen. Reinhard Friedl, Finanzexperte und Fan des TSV 1860 München, hat sich in einem Leserbrief zu den Auswirkungen der Beschlüsse auf den TSV 1860 München geäußert.

Leserbrief von Reinhard Friedl

Das DFB Präsidium hat auf Empfehlung der Task Force „Wirtschaftliche Stabilität 3. Liga“ beschlossen, dass, ab der Saison 2023/2024, Vereine der 3. Liga mit einem negativen Eigenkapital jährlich dieses negative Eigenkapital um mindestens 5 % reduzieren müssen. Hiervon betroffen ist bekannter Weise die KGaA des TSV 1860 München. Bisher gab es nur Strafzahlungen oder es drohte ein Punkteabzug, wenn das negative Eigenkapital erhöht wurde.

Zum 30.6.2020 (letzte veröffentlichte Zahlen im Bundesanzeiger) lag das nicht durch Vermögenseinlagen gedeckte Eigenkapital bei 20,2 Mio €. Deshalb bedeutet diese neue Regelung:es muss eine Rückführung des negativen Eigenkapitals in Höhe von rund 1 Mio € jährlich erfolgen.

Aus welchen Zahlen in der Bilanz wird das negative Eigenkapital errechnet. Zum einen werden das Kommanditkapital und die Kapitalrücklage addiert. Hinzu kommt das Genussrechtskapital, das im Grunde zwar Verbindlichkeiten sind, allerdings hier zum Eigenkapital dazu gerechnet wird. Von diesem errechneten „Eigenkapital“ werden die Verluste der Vorjahre, bei der KGaA in Höhe von 68,7 Mio €, abgezogen. Dadurch entstand eine Unterdeckung des Eigenkapitals zum 30.6.2020 in Höhe von 20,2 Mio €.

Diese Unterdeckung des Eigenkapitals könnte durch entstehende Jahresgewinne reduziert werden. Jahresverluste erhöhen das negative Eigenkapital. Da es in der 3. Liga wohl sehr schwer sein wird, Jahresgewinne in bedeutender Höhe zu erwirtschaften, bedarf es bei der KGaA wohl andere Gestaltungen um dem Dilemma von Strafzahlungen und Punktabzügen (3 Punkte) ab 2023/2024 zu entgehen.

Wie in der Vergangenheit schon praktiziert, könnte der Haupt-Anteilseigner HAM von seinen derzeitigen Forderungen in Höhe von 14 Mio € weitere Verbindlichkeiten der KGaA in Genuss-Scheine wandeln oder aber es käme zu einer grundlegenden Neuordnung der Gesellschaft aufgrund einer Kapitalerhöhung, mit Hereinnahme eines dritten Gesellschafters oder Gesellschaftergruppe. Die Beschlüsse des DFB Präsidiums könnten den seit langem bestehenden Plänen einer Kapitalerhöhung einen neuen Schub geben und die beiden Gesellschafter zwingen, tatsächlich Nägel mit Köpfen zu machen, damit das jährliche Flickwerk der Bilanzgestaltung ein Ende findet.

Weiterführende Quellen / Berichte

Wochenanzeiger vom 3.11.2021: DFB – Gravierende Änderungen im Financial Fair Play

Löwenmagazin vom 29.10.2021: DFB-Präsidium beschliesst Maßnahmenpaket für die Klubs der 3. Liga

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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aymen1860
aymen1860(@aymen1860)
Leser
25 Tage her

Danke Reinhard für den Bericht. Wie immer bleibt es spannend bei 1860. Aber vielleicht erhöht das Ganze ja auch den Druck auf die Beteiligten, das leidige Thema doch einmal grundsätzlich anzugehen.

serkan
serkan(@serkan)
Leser
26 Tage her

Interessant! Klingt nach einer echten Zäsur. Hasan kann nicht weiter machen wie bisher, ohne zusehen zu müssen, wie ihm seine Darlehen Jahr für Jahr zwischen den Fingern zerrinnen?

nofan
nofan (@guest_61395)
Gast
26 Tage her

Werter Herr Friedl,
liege ich richtig in der Annahme, dass nicht nur das negative Eigenkapital (Vorjahreswert) um 5 % reduziert werden muss, sondern auch ein eventuell in der laufenden Periode aufgetretener Jahresfehlbetrag gleichfalls zu kompensieren ist, da es ansonsten zu einer Erhöhung des negativen EK käme?

reinhard-friedl
reinhard-friedl(@reinhardfriedl)
Bekannter Leser
Reply to  nofan
26 Tage her

Absolut richtig. Dies war ja bereits in den Vorjahren der Grund, warum HAM Darlehen in Genuss-Scheine umwandeln musste, damit es nicht aufgrund von Verlusten zu einer Erhöhung des negativen Eigenkapitals kam und daher Strafzahlungen und Punktabzug drohten. Nun kommt eben erschwerend dazu, dass sogar das negative Eigenkapital um 5 % abgebaut werden muss. Durch die Umwandlung von Darlehen in Genuss-Scheine wird zum einen auch die GuV, aufgrund Wegfall von Zinsen auf die umgewandelten Darlehen, entlastet und bei Verlusten im Geschäftsjahr kommt es zu Erträgen aus der Verlustzuweisung des Genussrechtskapitals. Allerdings sind eben schon der größte Teil der Darlehen in den letzten Jahren in Genuss-Scheine umgewandelt worden.

nofan
nofan (@guest_61397)
Gast
Reply to  Reinhard Friedl
26 Tage her

 Reinhard Friedl

Werter Herr Friedl,
vielen Dank für die ausführlichen Erläuterungen.

Sie verweisen darauf, dass für das Genussrechtskapital keine Zinsen anfallen. Ist Ihnen bekannt, ob diese Regelung auch dann noch gilt, wenn die KGaA Jahresgewinne ausweist?
Zum Hintergrund: Mir lag ein Genussrechtsvertrag vor, nach welchem das Genussrechtskapital hoch zu verzinsen bzw. mit Dividenden zu honorieren ist, sobald für ein Geschäftsjahr ein Jahresüberschuss festgestellt wird. Diese Verzinsungsklausel galt auch dann, wenn noch Verlustvorträge bestanden. Wenn dem bei der KGaA auch so wäre, müsste sie wohl siebenstellige Gewinne erwirtschaften, um das regelmäig hoch verzinsliche Genussrechtskapital bedienen zu können.
Wissen Sie, wie das bei der KGaA geregelt ist?

reinhard-friedl
reinhard-friedl(@reinhardfriedl)
Bekannter Leser
Reply to  nofan
26 Tage her

In den Geschäftsberichten ist bei den Erläuterungen zum Eigenkapital im Zusammenhang der verschiedenen Genuss-Schein-Tranchen zu lesen: “Aufgrund des Genussrechts partizipiert die HAM International Limited an den jährlichen Gewinnen und Verlusten der TSV München von 1860 GmbH & Co KGaA. Im Insolvenzfall ist der Rückzahlungsanspruch der HAM nachrangig.” — Seit 2011 haben die Genuss-Scheine nur an den Verlusten partizipiert. Eine genaue Aufgliederung in welcher Art und Weise die Höhe bestimmt wird, ist leider aus den Geschäftsberichten nicht erkennbar. Ebenso in welcher Höhe eine Gewinnpartizipation erfolgen wird, entzieht sich meiner Kenntnis.

nofan
nofan(@nofan)
Leser
Reply to  Reinhard Friedl
26 Tage her

 Reinhard Friedl

Hallo Herr Friedl,

da haben Sie aber eine toxische Vereinbarung offenbart: “Aufgrund des Genussrechts partizipiert die HAM International Limited an den jährlichen Gewinnen”

Nach meiner Einschätzung würde es für die TSV 1860 KGaA äußerst teuer, wenn der Profifußball beispielsweise nach einem Aufstieg Überschüsse erzielen würde.

Für die Darlehensverbindlichkeiten gegenüber HAM (2019/20 im Jahresdurchschnitt vermutlich 17 Mio. €, Zinsaufwand rd. 660 T€) zahlt die KGaA ca. 4 % p. a. Zinsen. Da das Genussrechtskapital (GRK) an den Verlusten partizipiert, könnte im Falle von Gewinnen das GRK mit einem doppelt so hohen Zinssatz bedacht werden. Bei einem Genussrechtskapital von rd. 33 Mio. € würden das Zinsen von um die 2,5 Mio. € bedeuten.

Damit erscheint es für mich wenig wahrscheinlich, dass die KGaA aus den Erträgen die Schulden gegenüber HAM jemals wird tilgen können.

reinhard-friedl
reinhard-friedl(@reinhardfriedl)
Bekannter Leser
26 Tage her

Zur Nachvollziehung der Zahlen siehe beigefügte Bilanz- und GuV-Zahlen per 30.06.2021

hheinz
hheinz(@hheinz)
Leser
26 Tage her

Man muss bei einer Kapitalerhöhung aus meiner Sicht nicht zwingend einen weiteren Gesellschafter aufnehmen.

Die Neuregelung ist sinnvoll, sie stellt für die KGaA aber erstmal keine wesentliche Änderung dar. Die KGaA wandelt seit Jahren immer wieder oder erhält frisches Kapital gegen Genussscheine.

Außerdem spielen wir 2023/24 eh schon wieder in Liga 2, betrifft uns also nur indirekt  😜