Am kommenden Sonntag tritt Münchens große Liebe auswärts bei Dynamo Dresden an. Für viele Fans wäre dies das attraktivste Auswärtsspiel der ganzen Saison, aber Covid-19 macht abermals einen Strich durch die Rechnung. Ohne Zweifel hätte sich eine große Zahl an Löwenfans auf den Weg in die sächsische Landeshauptstadt gemacht. Die Drittligapartie Dynamo Dresden gegen 1860 München übt eine größere Anziehungskraft aus als manches Punktspiel zwischen gesponserten Werksmannschaften in der Bundesliga.

Duell zweier großer Traditionsvereine

Nach der Wiedervereinigung trafen im Jahr 1992 die Löwen zum ersten Mal im DFB-Pokal auf Dynamo Dresden. Der damalige Bayernligist wehrte sich im heimischen Grünwalder Stadion tapfer gegen den Bundesligisten, aber der Favorit behielt mit 1:2 die Oberhand. Der Siegtorschütze auf Seiten der Sachsen war Miroslav Stevic. Zwei Jahre später fand in der Bundesliga das erste Ligaspiel beider Mannschaften statt. Miroslav Stevic stand wieder in der Anfangself, aber jetzt auf Seiten der Löwen.

Zu Beginn der Saison 1994/95 galt 1860 München bei allen Experten als krasser Außenseiter. Niemand gab den Löwen, die als erste Mannschaft den Durchmarsch vom Amateurlager in das Fußballoberhaus geschafft hatten, eine Chance auf den Klassenerhalt. Es gab im Vorfeld sogar Stimmen, die in puncto Chancenlosigkeit das Team von Werner Lorant mit Tasmania Berlin verglichen. Der Start in die neue Saison verlief dann auch tatsächlich sehr bedenklich.

1860 München Saison 1994/95

Zum Auftakt setzte es bei Borussia Dortmund eine 0:4-Niederlage. Zu Hause folgte ein 0:2 gegen den VfB Stuttgart. Am dritten Spieltag gelang beim Mitaufsteiger Bayer 05 Uerdingen der erste Punktgewinn, aber gegen Schalke, Karlsruhe und dem ungeliebten Nachbarn aus Harlaching setzte es weitere Niederlagen. Nach sechs Partien stand 1860 München mit 1:11-Punkten und den meisten Gegentoren wenig überraschend auf Tabellenplatz 18. Man muss es dem Genie von Werner Lorant hoch anrechnen, dass er nach diesem Start die richtige Antwort fand. Bereits am 5. Spieltag in Karlsruhe standen die nachverpflichteten Spieler Manni Schwabl und Peter Nowak zum ersten Mal gemeinsam auf dem Platz. Mit Schwabl in der Abwehr und Nowak im Mittelfeld gelang der nicht für möglich gehaltene Turn Around.

Elfmeterkiller Bernd Meier – unvergessen

Vor 20.200 Zuschauern wurde an einem Freitagabend der 7. Spieltag im Rudolf-Harbig-Stadion angepfiffen. Dynamo Dresden stand vor Anpfiff auf dem begehrten Tabellenplatz 15. Die Boulevardmedien in München bezeichneten dieses Auswärtsspiel bereits als „Schicksalsspiel“. Manni Schwabl fehlte aufgrund einer Rotsperre, die er sich im Derby eingehandelt hatte. Sechzig kam wesentlich besser als die Hausherren ins Spiel, aber nach 13 Minuten bugsierte Thomas Seeliger nach einer Freistoßflanke den Ball unglücklich ins eigene Tor.   

Bernd Meier; Foto (c) Northwood09

Trotz des frühen Rückstandes spielten die Löwen mutig weiter nach vorne, doch zehn Minuten später kam schon der nächste Nackenschlag. Nach einem Zweikampf von Thomas Miller im Sechzehner entschied der Schiedsrichter auf Strafstoß für Dynamo. Die Hoffnungen ruhten jetzt auf Torwart Bernd Meier und dies war nicht unbegründet. Im DFB-Pokal war 1860 München in der ersten Runde bei Sachsen Leipzig angetreten. Nachdem die Partie torlos in die Verlängerung gegangen war, hat Werner Lorant in der 118. Spielminute eine ungewöhnliche Auswechslung getätigt. Er wechselte Torwart Rainer Berg aus und brachte den als Elfmeterkiller berüchtigten Bernd Meier. Meier entschied dann das Elfmeterschießen tatsächlich zugunsten der Löwen. In der zweiten DFB-Runde kam Rudi Völler mit Bayer Leverkusen ins Grünwalder Stadion. Auch dieser Pokalfight ging in das Elfmeterschießen und erneut brachte Meier den Gegner zur Verzweiflung.

An jenem Freitagabend vor 26 Jahren trat der Libero von Dynamo Dresden zum Elfmeter an. Er schoss stramm in das untere linke Eck, aber Bernd Meier hielt auch diesen Elfmeter. Es war beileibe nicht der letzte Elfmeter, den er in der Bundesliga gehalten hat. Einen besonders spektakulären Strafstoß hielt Meier zwei Jahre später im Derby. Beim Stand von 1:1 in der zweiten Halbzeit hatte der ungeliebte Nachbar ein weiteres Mal einen Elfmeter vom Schiedsrichter geschenkt bekommen. Niemand geringerer als Lothar Matthäus scheiterte mit seinem Versuch am Löwenschlussmann. Es war das erste Derby, welches die Löwen nach dem Wiederaufstieg nicht verloren hatten. Bernd Meier verstarb völlig überraschend am 2. August 2012 an einem Herzinfarkt, nachdem er wegen einer Lebensmittelvergiftung stationär untersucht worden war.

Ende einer mehrwöchigen Niederlagenserie

Am 30.09.1994 hielt Meier die Löwen also im Spiel, die bis zur Halbzeit weiter tonangebend waren. Einziger Wehrmutstropfen war, dass aus der spielerischen Überlegenheit kein Kapital geschlagen werden konnte. In der zweiten Halbzeit fanden die Hausherren wesentlich besser ins Spiel zurück und mit Glück überstand Sechzig eine Druckphase von Dynamo. Nach einem Foul an Mats Lilienberg in der 68. Spielminute entschied der Unparteiische dann auf Strafstoß für die Löwen. Routinier Peter Pacult ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen und setzte den Ball platziert in den Winkel.

In der Schlussphase musste 1860 München noch die eine oder andere heikle Situation überstehen, aber es blieb beim 1:1-Unentschieden. Aufgrund einer starken ersten Halbzeit war dieser Punktgewinn gerechtfertigt. Der Negativtrend aus den Vorwochen war endlich gestoppt. An den kommenden Wochenenden zeigte sich immer mehr die spielerische Qualität von Schwabl und Nowak, die das Team entscheidend verbesserten. Es wurde Kurs auf den Klassenerhalt genommen.

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)
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Serkan
Leser
Serkan (@serkan)
2 Monate her

Schöner Rückblick! Aber warum ist das Dynamo-Wappen grün? War das damals so?

ArikSteen
ArikSteen (@ariksteen)
2 Monate her
Reply to  Serkan

Von 1990 bis 2011. 2007 wurde auf Faninitiative das „alte“ rote Wappen gefordert und lief dann erst mal parallel zum grünen Wappen.

Satzung zu der Zeit:

„Der Verein führt bis zum 30.06.2007 den Namen 1.FC Dynamo Dresden e.V. und ab dem 01.07.2007 den Namen SG Dynamo Dresden e.V. (…); seine Farben sind schwarz und gelb, sein Symbol ein dreieckiges Schild, welches auf grünem oder auf roten Grund ein weißes D zeigt und in der Umrandung mit der Initiale „Dresden“ (schwarz-gelb) versehen ist.“

Last edited 2 Monate her by ArikSteen