In der langen Geschichte des TSV München von 1860 gab es immer wieder Partien, die aufgrund ihrer Bedeutung oder Dramaturgie über Jahrzehnte im Gedächtnis der Löwenfans präsent geblieben sind. Zu den besten Spielen der Vereinsgeschichte gehören ohne Zweifel das Europacupfinale von 1965 gegen West Ham United vor 100.000 Zuschauern im alten Wembley Stadion oder das aussichtslos erscheinende Relegationsrückspiel gegen Arminia Bielefeld im Jahr 1977. Auch in der neueren Historie lassen sich Momente finden, in denen die Löwenwelt für einige Sekunden stillstand. Zum Beispiel als Kai Bülow mit seinem Tor gegen Holstein Kiel in der Nachspielzeit den Abstieg abwendete oder als Sascha Mölders beim Stand von 0:2 für Saarbrücken zum Elfmeterpunkt schritt. Momente unerträglicher Spannung.
Aber ein Spiel darf in der Aufzählung der besten Löwenspiele aller Zeiten nicht fehlen. Vor genau 20 Jahren am 27. November 1999 beendete das Team von Werner Lorant den „Derbyfluch“ und besiegte den FC Bayern mit 1:0.

Die Nummer 1 der Stadt waren wir !!

Der große Reiz von Blau gegen Rot liegt darin, dass in München eine räumliche Trennung zwischen beiden Lagern nicht möglich ist und daraus automatisch eine große Rivalität unter den Fans in Süddeutschland resultiert. Neben einer unterschiedlichen Geschichte unterscheiden sich die beiden Vereine grundlegend in ihrer Mentalität und in der Zusammensetzung der Anhängerschaft. Die einen sind geprägt vom berauschenden Dauererfolg seit Jahrzehnten, während die Löwenfans große Treue zu ihrem Verein auch und vor allem in schlechten Zeiten an den Tag legen. Nach dem Bundesligaaufstieg der Löwen im Jahr 1994 standen 10 Jahre lang Derbys auf dem Spielplan der Bundesliga. In diesen Spielen kam es stets zu überbordenden Emotionen (Werner Lorant gegen Mario Basler), einer Flut an roten Karten auf beiden Seiten, kuriose Eigentore (Bernd Meier, Jens Jeremies) und dass 1860 München einfach nicht gegen den FC Bayern gewinnen konnte.

Löwenmannschaft von 1999/2000: Am Ende der Saison erreichten die Löwen Platz 4 in der Bundesliga

Es gab in der längsten Bundesligaphase von 1860 München Derbys, in denen der übermächtige Gegner aus Harlaching einfach besser war und auch verdient gewonnen hatte. Der 3:1-Sieg von Bayern im ersten Derby nach dem Wiederaufstieg war so ein Spiel, aber bereits im zweiten Derby der Aufstiegssaison staunte das Publikum im Olympiastadion darüber, wie die Löwen den ungeliebten Nachbarn an die Wand spielten und zu einer Vielzahl bester Möglichkeiten kamen. Nur einen entscheidenden Schönheitsfehler hatte dieses zweite Derby. Der FC Bayern gewann durch ein frühes Tor von Mehmet Scholl.

An Allerheiligen 1996 erzielte Peter Nowak nach 55 Minuten auf ungewöhnliche Weise mit dem Kopf den 1:1-Ausgleich gegen den FC Bayern. In den folgenden Minuten nach dem Ausgleich waren sprichwörtlich die Löwen los. Im Minutentakt erspielten sich die Spieler um Abedi Pele und Bernhard Winkler eine Großchance nach der anderen. Aber entweder verhinderte der Pfosten die Löwenführung oder ein überragender Oliver Kahn. Am Ende musste man mit dem Punkt sogar noch zufrieden sein, weil Lothar Matthäus per Elfmeter am ebenfalls exzellenten Bernd Meier scheiterte. Fast schon tragisch verlief das zweite Derby in dieser Saison. Horst Heldt hatte mit zwei Toren, vor allem das erste war ein spektakuläres Solo über das halbe Spielfeld, eine zwischenzeitliche 2:0-Führung vorgelegt. Doch das Team aus Harlaching kam zurück, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, weil Jörg Böhme mit dem Außenrist ein Jahrhunderttor zur 3:2-Führung erzielte. Fünf Minuten vor Abpfiff sah Sechzig wie der sichere Sieger aus, vor allem weil mit Christian Ziege und Lothar Matthäus zwei Bayernspieler auch noch Rot gesehen hatten. Aber Karsten Jancker glich in Unterzahl noch aus und dieses Unentschieden schmerzte mehr als eine Niederlage.

Nach 22 Jahren wurde endlich der Derbyfluch beendet

An Allerheiligen 1997 ging 1860 München im Derby erneut zweimal in Führung, doch leider konnte die Seitenstraße den Rückstand zweimal ausgleichen. Besonderes Ereignis in diesem Derby war, als sich Werner Lorant weigerte, Mario Basler den Ball für einen Einwurf zu überlassen. Die anschließende Eskalation an der Seitenlinie schrieb Bundesligageschichte.

Auf ewig ein Löwe: Thomas Riedl

Am 27. November 1999 kam es nun zu einem weiteren Münchner Stadtderby. Der FC Bayern war Tabellenführer und die Löwen standen auf Tabellenplatz 7. Nach einer heftigen Schiedsrichterschelte beim Auswärtsspiel in Leverkusen war Werner Lorant vom DFB-Schiedsgericht aus dem Innenraum des Olympiastadions verbannt worden. Aus diesem Grund verfolgte Lorant das Spiel auf der Haupttribüne sitzend neben Karl-Heinz Wildmoser. Der FC Bayern war unter Woche in der Champions League bei Rosenborg Trondheim angetreten. Manager Ulrich Hoeneß, damals noch ein unbescholtener Bürger in der Mitte der Gesellschaft, hat nach dem Spiel die Derbyniederlage selbstredend auf dieses Auswärtsspiel in Norwegen zurückgeführt und nicht auf die Spielstärke von 1860 München an diesem Tag.

Der Bayernpräsident Franz Beckenbauer, vor 20 Jahren vom Großteil der Medien noch als „Lichtgestalt“ angehimmelt, hatte nach einem Derby in der Vorsaison in seiner typisch schnoddrig-arroganten Art getönt, dass 1860 München den FC Bayern in 100 Jahren nicht besiegen werde.

Von Beginn an übernahmen die Löwen an diesem historischen Samstag die Spielkontrolle und zeigten dem FC Bayern seine Grenzen auf. Paul Agostino köpfte an die Latte, Gerald Vanenburg schoss einen Freistoß an die Latte, dann traf Agostino in der ersten Spielhälfte sogar ein drittes Mal die Latte. Es war wie verhext! Entweder es bewahrte das Gebälk den FC Bayern vor einem Rückstand oder Oliver Kahn. Paul Agostino hatte vor dem Pausenpfiff noch eine weitere Riesenchance, aber der Ball landete auch dieses Mal nicht im Tornetz, sondern in den Armen von Kahn.

Nach Wiederanpfiff änderte sich gar nichts. Michael Tarnat rettete für den bereits geschlagenen Kahn auf der Torlinie. Filip Tapalovic schaffte es anschließend nach einem Traumpass von Icke Häßler aus fünf Metern völlig freistehend den Ball nicht in das leere Tor einzuschieben!

Es machte sich in der Nordkurve Entsetzen angesichts dieser katastrophalen Chancenverwertung breit. Nachdem der Löwenansturm allmählich schon am Abklingen war und sich die Fans bereits fragten, warum man auch dieses Spiel gegen den FC Bayern abermals nicht gewinnen konnte, geschah in der 85. Spielminute Historisches.

Nach perfektem Zuspiel über das halbe Spielfeld auf Martin Max, legte dieser zurück auf Thomas Riedl. Aus 22 Metern zog Riedl gnadenlos ab. Dieser Torschuss war nicht nur hart geschossen, sondern auch punktgenau in die untere linke Torecke platziert und dort schlug der Ball hinter Oliver Kahn im Tor ein. Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie groß der Torjubel in diesem magischen Augenblick der absoluten Euphorie war. So oft waren die Löwen schon vor einem Derbysieg gestanden, doch an diesem 27. November 1999 hat es dann endlich gereicht! Der FC Bayern kam an diesem Tag nicht mehr zurück und war nach 22 Jahren von den Löwen endlich wieder besiegt worden. Beim Schlusspfiff hatten viele Löwenfans in der Nordkurve des Olympiastadions eine salzige und flüssige Substanz in den Augen – Freudentränen.
Auf den Schultern von Ersatztorwart Michi Hofmann wurde der umjubelte Torschütze Thomas Riedl vom Platz getragen, der von diesem Augenblick an bis zum heutigen Tag mit dem Zusatznamen „Fußballgott“ von den Fans geehrt wird und höchstes Ansehen genießt.

Videos zum damaligen Derby

Pressebericht

Bilder: (c) Löwenbomber

(Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Löwenmagazins.)

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Thrueblue
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Hab die Bilder noch im Kopf, als wenn es gestern gewesen wäre. Der Blick in eine 30.000 Mann Löwenkurve war unvergessen, die Stimmung selbst beim Auslaufen eine Stunde nach Spielende noch überragend. Ja – da wollen wir alle wieder hin. Aber halt nicht zu Lasten der eigenen Identität, Ehre und Weltanschauung.

Blue Power
Leser

Die beiden Derbys werde ich „niemals“ vergessen, aber auch das 3:3 1997 war ein mega Derby!

Tante Tornante
Leser

Immer wenn ich einen Bericht über DAS Derby 1999 lese, kommt Wehmut auf…

Ausgerechnet dieses Derby im November 1999 konnte ich nicht sehen, ich war damals in Australien und habe nach einem geschäftlichen Aufenthalt noch 3 Wochen Urlaub dran gehängt. Internet war damals noch nicht so und mein Handy hatte ich wegen der irren Telefongebühren eh daheim gelassen. Ich habe mir dann am Montag (?) den Sydney Morning Herald gekauft und auf der Sportseite etwas versteckt im Hyde Park von Sydney die nackten BuLi-Ergebnisse angeschaut.

Die Leute haben sich schon etwas gewundert, warum ich auf der Park-Bank die „Säge“ gemacht habe… lol

Wehmut deshalb, weil ich das Spiel versäumt habe, aber auch, weil der Trip zu den drei schönsten Reisen gehört, die ich jemals unternommen habe – und ich war schon ziemlich unterwegs.

Beim Rückspiel war ich dann aber im Oly, war ja auch nicht sooo schlecht… smile

DonZapata
Leser

Das war so geil!

Stefan Waltl
Leser

Der Tag, an dem es mir in drei Wirtshäusern nicht möglich war eine Runde auszugeben. Die Wartelisten waren zu lang.

Konnte ich dann aber nach dem Rückspiel nachholen.

Tami Tes
Redakteur

Hahaha … das ist in der Tat bitter grin

United Sixties
Leser

Wunderbarer Bericht zur Erinnerung an einen unfassbar emotionalen Löwentag mit Happy End. Wurde einige Monate zuvor auch zum dritten Male Papa unserer Tochter und so war das Jahr 1999 wie auch die sensationelle Bundesliga Saison 99/2000 mit Platz 4 und den folgenden internationalen Spielen in Leeds oder in Parma einzigartig wie unvergesslich.

jürgen (jr1860)
Leser

Eins der emotionalsten Spiele die ich je erlebt habe…

… weiss nur nicht warum ich damals auf der Gegengerade sass…

… einfach unvergesslich!